Rettet den "Guardian"!

Kommentar der anderen28. Dezember 2012, 18:34
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Auch das linke britische Blatt ächzt unter der Krisenlast - Hier eine Ermunterung des konservativen Bürgermeisters von London. Kann man sich, nur einmal so gefragt, vorstellen, Vergleichbares von einem Austropolitiker zu lesen

Wie ich aus verlässlicher Quelle erfahren habe, wurde im Guardian dieser Tage bei einer Brainstorming- Sitzung die völlige Einstellung der Print-Ausgabe diskutiert. Es gibt offensichtlich einen weit fortgeschrittenen Plan, die Druckmaschinen anzuhalten, die Bäume zu schonen und binnen zwei Jahren nur mehr online zu erscheinen.

Die Geschichte wurde mittlerweile vom Guardian-Politbüro offiziell dementiert - was ihre Glaubwürdigkeit nur noch erhöht. Nun habe ich, was mich und mein persönliches Verhältnis zum Guardian betrifft, keine Veranlassung, etwas zu beschönigen: Ich glaube, sie haben nie irgendwas von dem, was ich gesagt oder getan habe, unterstützt. Als ich gegen Ken Livingstone antrat, machten sie eine Spezial-Beilage, für die diverse Mitglieder der Linken eingeladen wurden, um dem Leser zu erklären, was ich für ein Vollkoffer sei. Viele von ihnen kündigten für den Fall meines Wahlsiegs sogar an, London zu verlassen (ein Versprechen, das aber leider nie eingelöst wurde).

Trotz dieser seltsamen Feindschaft rufe ich meinen Guardian-Freunden zu: Tut es nicht! Es wäre eine nationale Tragödie, würden wir die Papier-Version dieser geschichtsträchtigen Publikation verlieren. Es wäre auch zwecklos, uns zu entgegnen, dass der Inhalt dann ohnehin komplett "online" wäre. Alles ist ja mittlerweile online, ein einziger Müllhaufen aus Porno und Dreck. Wir brauchen den Guardian, wie er von den Zeitungsständen in seiner ganzen Überheblichkeit auf uns herabblickt, wir brauchen das Erlebnis, wie sich seine Leser in der U-Bahn sanft echauffieren.

Stellt man das Ding online, verliert es seine ganze politische Kraft: die ganze Vitalität seiner oftmals exzellenten Journalisten, Fotografen und Cartoonisten und ihres Bemühens um ein unverwechselbares tägliches Statement, ein unverwechselbares Produkt, und alles geht im Morast von Google News unter. Wir werden immer einen lebendigen und nicht einen virtuellen Guardian brauchen.

Schuldbewusste Linke brauchen ihn für die Gelsenjagd in der Toskana, oder um damit den Herd in ihren Zweitwohnungen anzuheizen, oder als Wickelpapier für die Jausenbrote ihrer Kleinsten, bevor sie sie in die jeweilige Privatschule verfrachten. Und es wäre ein Verhängnis für uns Konservative, wenn wir nicht mehr länger wüssten, was der Gegner über uns denkt. Wir brauchen eine Zeitung, die verlässlich gegen alles ist, was irgendwie nach Unternehmergeist und Wettbewerb ausschaut. Wir brauchen eine Zeitung, die den Kapitalismus für völlig gescheitert hält, die immer noch glaubt, dass der Euro eine tolle Idee ist, und die über die Ideologie des Eigenheims die Nase rümpft (außer den Guardian -Journalisten, die mehr als eines besitzen). Wir brauchen eine Zeitung, die glaubt, dass die Antwort auf alle Probleme in mehr Steuern und mehr Regulierung liegt, wir müssen dem Gegner offen begegnen können, auf dem Ladentisch, in den Geschäften, nicht irgendwo online versteckt. Wir müssen wissen, was wir nicht denken sollen. Daher appelliere ich an alle Konservativen und an jeden, der unser nationales Erbe aufrechterhalten will: Kümmert euch nicht um das Aussterben der Dachse. Rettet den Guardian! (Boris Johnson, DER STANDARD, 29./30.12.2012)

Boris Johnson ist seit 2008 Bürgermeister von London und war, wie seine regelmäßigen publizistischen Auftritte auf seiner Homepage, der dieser Text in Kurzfassung entnommen ist, unschwer erahnen lassen, zuvor u. a. Herausgeber des Wochenblatts "The Spectator".

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