Sozialbericht: Wien ist ungleicher als der Rest

28. Dezember 2012, 18:01
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Die Bundeshauptstadt hat ein konzentriertes Vermögen und viele Bedürftige

Wien - Wien ist nicht anders: Auch in der sozialdemokratisch regierten Bundeshauptstadt liegt ein großer Teil des Vermögens in den Händen einer reichen Minderheit. Geld, Immobilien und sonstige Sachwerte sind sogar noch ungleicher verteilt als im Rest Österreichs. Das wohlhabendste Fünftel der Wiener besitzt 80 Prozent des Bruttovermögens, österreichweit sind es "nur" 74 Prozent.

Die Zahlen stammen aus einer breit angelegten Erhebung der Nationalbank (der Standard berichtete) und wurden von der rot-grünen Stadtregierung im neuen Wiener Sozial- und Reichtumsbericht verpackt. Dieser hält mit Schieflagen nicht hinterm Berg. Auf das Top-Zehntel entfallen 62 Prozent des Vermögens, auf die oberen 30 Prozent 90 Prozent. Umgekehrt verfügen 40 Prozent der Haushalte über weniger als 15.000 Euro.

Besonders stark auf eine Oberschicht konzentriert sind Immobilien - was die Kluft zwischen Wien und Gesamtösterreich mit erklärt. Besitzen bundesweit 56 Prozent der Haushalte den Hauptwohnsitz, sind es in der Hauptstadt 20 Prozent. Auch die vielen städtischen Ein-Personen-Haushalte machen einen Unterschied.

Sozialstadträtin Sonja Wehsely nennt im Rathaus noch einen anderen Grund: "Wien ist - hier kann ich's ja sagen - die einzige richtige Stadt Österreichs" - Reiche würden ihr Geld eben eher in einer Metropole als " in Kikritzpatschen" ausgeben. Die Sozialdemokratin vergisst dabei nicht auf den Hinweis, dass der soziale Wohnbau in Wien eine Kompensation für die Immobilienarmut der breiten Masse sei. Weitere Maßnahmen gegen die Ungleichverteilung sieht sie außerhalb der eigenen Reichweite - und hält ein Plädoyer für neue, bundesweite vermögensbezogene Steuern.

Ein "Auseinanderdriften von Arm und Reich" registriert der Sozialbericht punkto Einkommen: Von Zuwächsen profitierten nicht alle Wiener gleich. Das obere Einkommensviertel verbuchte seit 1999 ein Plus von 25,7 Prozent, das untere nur 13,9 Prozent. Während die Mittelschicht schrumpft, sind im unteren Viertel der Einkommen, das derzeit von 15.570 Euro pro Jahr abwärts reicht, um 100.000 Personen mehr zu finden als noch vor sechs Jahren. Viele dieser Menschen leben an und unter der Armutsgrenze.

Run auf Mindestsicherung

Kein Wunder also, dass es einen Run auf die Mindestsicherung gibt: Der Kreis der Bezieher wuchs in einem Jahr um 22.000 auf 129.000 an (Daten von 2011), seit 2002 gab es eine Verdoppelung. Peter Stanzl, Sozialplaner im Rathaus, sieht die Ergebnisse trotzdem nicht nur mit einem "weinendem Auge", ist die Zahl jener, die die volle Leistung der Mindestsicherung beziehen, doch gesunken: Das zeige, dass die Integration in den Arbeitsmarkt klappe.

Der Anstieg geht also aufs Konto von Menschen, die nur einen Teil der Mindestsicherung als Ergänzung zum Einkommen erhalten: Working Poor und Jobsucher mit niedrigem Arbeitslosengeld. Unter den Empfängern sind ein Fünftel aller Alleinerzieherinnen, die Zahl der Kinder unter 14 hat sich seit 2001 verdreifacht. Allerdings sei die Leistung auch gezielt auf einen größeren Kreis ausgedehnt worden, ergänzt Wehsely.

Daraus, dass zwei Drittel der Mindestsicherungsbezieher maximal Pflichtschulabschluss haben, schließt die Stadträtin, dass mehr für Bildung getan werden müsse. Anders als die oppositionelle ÖVP sieht sie Versäumnisse aber weniger im Rathaus als bei der Bundesregierung, die etwa die Ganztagsschule ausbauen solle.(Gerald John, DER STANDARD, 29./30.12.2012)

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