"Die Wachstumsmärkte sind viel solider"

Interview28. Dezember 2012, 17:16
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Die Goldman-Sachs-Ökonomin Anna Stupnytska fordert die Schwellenländer dazu auf, beim Wachstum auf Qualität statt Quantität zu setzen

Die Ökonomin Anna Stupnytska fordert die Schwellenländer dazu auf, beim Wachstum auf Qualität statt Quantität zu setzen.
Warum Anleger trotz abgeschwächten Wachstums in den Wachstumsmärkten besser aufgehoben sind, sagte sie Lukas Sustala.


STANDARD: 2001 hat Goldman Sachs die These der BRIC-Staaten entwickelt. Hat die Finanzkrise die Wachstumsaussichten von Brasilien, Russland, Indien und China entgleisen lassen?

Stupnytska: Nein. Die Hauptthese unserer Forschung hat sich nicht geändert. Die BRIC-Staaten werden im Jahr 2050 zusammen mit den USA die fünf größten Volkswirtschaften der Welt bilden. Tatsächlich sind die Länder in den letzten zehn Jahren noch stärker gewachsen, als wir das angenommen haben. Wir hatten zuerst damit gerechnet, dass China Japan 2015 als zweitgrößte Volkswirtschaft überholen würde, das passierte aber bereits 2010.

STANDARD: Aber hat die Krise das Wirtschaftsmodell nicht erschüttert? Mit Exporten in die Industrieländer lässt sich kein zweistelliges Wachstum erzielen.

Stupnytska: Die Wachstumsmodelle müssen sich ändern. Ich denke nicht, dass China mit zweistelligen Raten wachsen kann. In dieser Dekade stehen nicht die Exporte oder staatlichen Investitionen im Mittelpunkt, sondern der private Konsum. Es wird mehr um die Qualität des Wachstums und nicht länger um die Quantität gehen. Aber das Wachstum wird sich wohl etwas abkühlen.

STANDARD: Schlechte Nachrichten für die Weltwirtschaft?

Stupnytska: Das sehen wir nicht. Denn der Beitrag der Schwellenländer und Wachstumsmärkte für das weltweite Wachstum wird weiter zunehmen. Das weltweite Wachstum wird in dieser Dekade höher sein als in den vergangenen drei, bei rund 4,2 Prozent. Das wird hauptsächlich getrieben von den BRIC-Staaten und anderen Wachstumsmärkten. Die einzelnen Länder werden geringer wachsen als noch vor wenigen Jahren, aber die Weltwirtschaft wird sich noch beschleunigen, weil die Schwellenländer heute ein größeres Gewicht für das globale Wachstum haben.

STANDARD: Schwellenländer spielen aber in vielen Depots eine untergeordnete Rolle. Ein Fehler?

Stupnytska: Absolut. Allein schon von der kurzfristigen Perspektive her. In vielen Schwellenländern sind die Aktienmärkte deutlich unterbewertet. Russland ist bis zu 50 Prozent unterbewertet, China um rund 25 Prozent. Aktien könnten gerade in Schwellenländern ein vernünftiges Investment sein. Traditionelle Indizes (die nach der Marktkapitalisierung gewichtet sind, Anm.) haben etwa zwölf Prozent Allokation in den Schwellenländern und bieten zu wenig Anteil an den am stärksten wachsenden Regionen der Welt. Das muss zumindest verdoppelt werden.

STANDARD: Welche Rolle spielt das Domizil einer Aktie heute noch für Investoren?

Stupnytska: Wenn wir heute Unternehmen analysieren, ist nicht das Domizil ausschlaggebend, sondern die Positionierung. Kann es das Wachstum in den Schwellenländern ausnutzen? In Europa kommen über 30 Prozent des Umsatzes aus den Schwellenländern. Unternehmen, die gut aufgestellt sind, haben einen klaren Wettbewerbsvorteil und sind attraktiver als diejenigen, die nur für den heimischen Markt produzieren.

STANDARD: Derzeit boomen vor allem Anleiheninvestments. Auch hier spielen Schwellenländer nur Nebenrollen in Indizes.

Stupnytska: Tatsächlich sind die Staatsfinanzen der Wachstumsmärkte viel solider im Vergleich mit den entwickelten Märkten. Alle Märkte, die wir als Wachstumsmärkte bezeichnen, also neben den BRICs Mexiko, Südkorea, die Türkei und Indonesien, können, mit der Ausnahme von Indien, potenziell die Maastricht-Kriterien erfüllen (maximal drei Prozent Staatsdefizit und 60 Prozent Staatsverschuldung in Prozent der Wirtschaftsleistung, Anm.). Die Industrieländer erfüllen das aber nicht. Es ist daher sinnvoll, die Anleihenmandate von Anlegern zu überdenken.

STANDARD: Aber sollten Investoren nicht wachsam sein? Das politische Risiko in den Wachstumsmärkten ist nicht gebannt, das zeigten jüngst Argentinien und Indien.

Stupnytska: Die politische Situation hat sich in den vergangenen zehn Jahren in den meisten Ländern verbessert. In einzelnen Staaten wie Russland sind die Bürgerproteste ein Zeichen der mangelnden politischen Reform. Es ist wichtig, diese Länder langfristig zu analysieren, um einzuschätzen, ob sie Probleme bekommen könnten. Im arabischen Raum sind viele Länder anhand von Indikatoren wie Korruption oder Gesetzestreue drastisch zurückgefallen. Auch deswegen hatten wir den Arabischen Frühling.

STANDARD: Auch in China ist Korruption ein Thema. Droht auch hier ein politischer Umsturz?

Stupnytska: Der Unterschied zwischen China und dem arabischen Raum ist, dass die Führung in Peking viel erfolgreicher war, die Früchte des Wachstums an die Bevölkerung zu verteilen, gerade über die vergangenen zehn Jahre. Aber da die Menschen immer gebildeter werden, bleibt in Ländern wie China ein langfristiges Wachstumsrisiko, wenn die Bürger mehr von ihrer Regierung verlangen. Dann ist es wichtig, dass Reformen zügig angegangen werden. Was das angeht, sehen wir China aber nach wie vor positiv. DER STANDARD, 29./30.12.2012)

Anna Stupnytska ist Ökonomin bei Goldman Sachs in London. Zusammen mit Jim O'Neill hat sie zahlreiche Studien zur These der BRIC-Staaten erarbeitet.

  • Anna Stupnytska: "China kann nicht mehr mit zweistelligen Raten wachsen.."
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    Anna Stupnytska: "China kann nicht mehr mit zweistelligen Raten wachsen.."

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    In China ist seit sieben Quartalen das Wachstum gesunken - für Ökonomen eine gesunde Entwicklung.

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