Die Grenzen der Empörung

Das Charakteristikum des Jahres 2012? War eine neue Unübersichtlichkeit. Die Revolutionsimpulse von 2011 haben sich indes schnell erschöpft

Der junge deutsche Politiker Wolfram Bernhardt hat ein Problem. Er ist der Masse des Wahlvolks nicht bekannt. Daran vermag auch seine Selbstdefinition, die zugleich Wahlparole ist, nichts zu ändern. " Wolfram ist keine Partei. Wolfram ist das Volk." Im Oktober dieses Jahres trat Bernhardt bei der Wahl zum Oberbürgermeister von Stuttgart an. Er bekam 0,2 Prozent der Stimmen und schaffte es damit erwartungsgemäß nicht in die Stichwahl, die der Grüne Fritz Kuhn gewann, ein Mann, der für die neue Bürgerlichkeit der einstigen Protestpartei steht.

Dass Bernhardt sich ernsthaft Hoffnungen auf ein besseres Ergebnis gemacht hätte, ist auch deswegen nicht zu vermuten, weil er mit dem gegenwärtigen System eigentlich überhaupt nicht zufrieden ist. Dass er ausgerechnet in Stuttgart antrat, lag insofern nahe, schließlich entstand in dieser Stadt der "Wutbürger". Wer Empörung abschöpfen will, sollte dort also richtig sein. Bernhardt will aber gar nicht abschöpfen, er will mobilisieren. So gehörte er auch zu den Leuten, die 2010 eine bundesweite "Ausschreibung" unter dem Titel "Ich bin Revolution. Also sind wir" organisierten, deren Facebook-Seite es allerdings nur auf 235 " Likes" brachte. 2011 fand in Stuttgart noch ein Revolutionskongress statt, zu einem Umbruch der Gesellschaftsordnung kam es danach nicht.

Alternativer Mainstream

Zu Häme besteht deswegen kein Anlass. Denn die Stimmung, deren Artikulation sich Wolfram Bernhardt zur Aufgabe gemacht hat, ist viel weiter verbreitet. Man könnte gerade zu von einem alternativen Mainstream sprechen, der von Misstrauen gegenüber dem gegenwärtigen System geprägt ist, und sich für Szenarien grundlegender Veränderung (also für Revolution im weitesten Sinne) interessiert. Die vielen Occupy-Camps waren in den letzten beiden Jahren das sichtbarste Zeichen dieses vagen Widerwillens, einfach so weiterzumachen wie bisher.

Doch unübersehbar hat sich im ablaufenden Jahr eine Menge getan, was derlei Hoffnungen wieder in die Schranken wies. 2011 war ein Jahr im Zeichen des "Frühlings". 2012 verlor sich diese Stimmung im Zeichen einer Unübersichtlichkeit, die schon längere Zeit als wichtigste Signatur der Gegenwart begriffen wird.

Doch es reicht, um ein paar Daten zusammenzutragen, um diese gegenrevolutionäre Grundstimmung konkret zu benennen. In Ägypten, wo der Arabische Frühling auf dem Tahrir-Platz eine zentrale Verkörperung gefunden hatte, sind die revolutionären Fraktionen zu Gegnern geworden; es droht ein Szenario wie vor dreißig Jahren im Iran, wo die religiösen Gruppen eine ursprünglich soziale Revolution einkassierten.

In London, wo progressive Interpreten der "Tottenham Riots" von 2011 von einem "London Spring" sprachen (der allerdings im Sommer stattfand), läuft auf dem Immobilienmarkt das Kapital vieler zusammen, die es ihren eigenen Gemeinwesen entziehen (durch Steuerflucht, durch Korruption, durch simple Bereicherung). In Griechenland ist es den pauperisierten Massen nicht einmal in Ansätzen gelungen, sich mit den benachteiligten Schichten anderer europäischer Länder zu so etwas wie einer politischen Willensbildung von unten zusammenzuschließen, während die EU-Führer bei immer neuen Gipfeltreffen Geldpolitik machen. In China feiert das Regime einen Literaturnobelpreisträger, weil der als loyal gegenüber der kommunistischen Herrschaft gilt und sich beharrlich weigert, die Systemfrage zu stellen. In Berlin wurde die Occupy-Bewegung im Rahmen einer Kunstausstellung schon einmal vorsorglich auf ihre künftige Museumsreife abgeklopft - auch wenn das von dem selbst revolutionär gestimmten Kurator Artur Zmijewski anders gemeint war, war sein Schulterschluss zwischen Occupy und Kunstbetrieb doch so etwas wie das Signal für das Scheitern des spontanen Impulses, auf dem die Camps ursprünglich beruhten.

Bei allen diesen Beispiele geht es um akut oder latent revolutionäre Situationen, aber aus der Aufzählung wird schon deutlich, wo ein wesentliches Problem liegt: Denn betrifft es mich persönlich überhaupt, wie die Volksrepublik China regiert wird, ob russische Oligarchen, griechische Reeder und arabische Potentaten sich in Kensington breitmachen, und was die Muslimbrüder in Ägypten tun, um sich von den Salafisten abzugrenzen? Die Frage führt zurück zu dem Modellfall revolutionärer Wirkungsgeschichte: In das Europa um 1800, als in allen Ländern darüber diskutiert wurde, was von der Entwicklung in Frankreich zu halten sei.

Der Philosoph Immanuel Kant prägte damals das Wort von der "Teilnehmung dem Wunsche nach", das nicht zufällig in einer Zeit entstand, als man auch von "Weltbürgern" zu sprechen begann. Wenn irgendwo ein Volk versucht, sich selbst zu befreien, findet dies das Interesse der Nachbarn, und je schneller sich die Nachrichten verbreiten, desto mehr werden wir alle zu Nachbarn auch der entferntesten Nationen. Und schon damals lagen die Fortschritte des Prozeduralen und die Verwüstungen des Krieges nicht weit auseinander. Napoleon stand für einen "Code", also für ein bürgerliches Gesetzbuch, aber auch für einen imperialen Krieg, der als Gegenreaktion zahlreiche nationale Bewegungen stärkte.

Enklaven und Oasen

Die Schwierigkeiten heutiger radikaler Gesellschaftsveränderer liegen allerdings im Wesentlichen darin, dass die Nation nicht mehr überall der relevante Bezugsrahmen für revolutionäre Konzepte sein kann. Als es vor knapp einem Vierteljahrhundert die kommunistischen Regimes gestürzt wurden, da war das noch anders, da pflanzten sich die Proteste von Staat zu Staat fort, weil die kommunistischen Einheitsparteien mit ihren Funktionseliten überall ein eindeutiges Objekt für das Aufbegehren abgaben. Wie aber bekämpft man die EU, wenn man sie für eine illegitime Agentur der Machtkonzentration hält und nicht, wie der Schriftsteller Robert Menasse, für "ein großes und kühnes politisches Projekt"? Und welche revolutionäre Aktion könnte einen Finanzkapitalismus ins Mark treffen, der jederzeit in Enklaven und "Steueroasen" ausweichen kann, in denen man über die Gerechtigkeitsfragen nur lacht, von denen die meisten politischen Gemeinwesen hartnäckig umgetrieben werden?

Der amerikanische Rechtstheoretiker Paul W. Kahn hat kürzlich in einem Buch über Politische Theologie darauf hingewiesen, dass die liberalen Demokratien wieder ein Verständnis für das "Heilige" entwickeln müssten, das ihnen zugrunde liegt. "Der Staat bleibt ein Ort, an dem es um Leben und Tod geht; sein Territorium ist heiliger Grund; seine Geschichte ist die der Selbstoffenbarung des souveränen Volks." Diese Sprache mutet heute selbst dort noch fremd an, wo es in Debatten um die Wehrpflicht um die Möglichkeit geht, dass ein Staat über das Leben seiner Bürger bis zur letzten Konsequenz verfügen könnte. In einer revolutionären Situation kehrt sich das um: dort riskieren Individuen ihr Leben, um eine Ordnung herzustellen, auf die sie sich dann wieder auf Gedeih und Verderb verpflichten lassen würden.

Dieser Ernst ist in vielen entwickelten Demokratien verloren gegangen, und zwar deswegen, weil diese so erfolgreich waren. Doch diese Erfolgsgeschichte ist an einen kritischen Punkt gekommen. Einer zwischen Empörung und Ohnmacht schwankenden Stimmung ist mit abstrakten Dauerreformen nicht beizukommen. Gleichzeitig sieht sich das revolutionäre Momentum auf Bedingungen verwiesen, die ihm immer schon entgegenarbeiten: etwa auf soziale Medien, die gerade neue Machtkonzentrationen ausbilden, die sich um staatliche Souveränität und demokratische Prozesse wenig kümmern.

Für die seltsame Gemengelage der Gegenwart gibt es wie immer viele Symptome. Ein besonders bezeichnendes für den deutschen Sprachraum ist der aktuelle Erfolg des Buches 1913 von Florian Illies. Das Jahr vor dem Ersten Weltkrieg lässt der Autor hier noch einmal Revue passieren, in einer bekömmlichen Leistungsschau geistiger Gipfelsiege, körperlicher Unpässlichkeiten und unvermuteter Begegnungen, die durch das Wissen um den Fortgang der Geschichte erst ihre Prägnanz bekommt.

Das eigentliche Thema in 1913 ist nämlich eines der historischen Verlaufsform: Der "Sommer des Jahrhunderts", wie es im Untertitel heißt, führte ja direkt in die Monate der Mobilisierung, doch zählt bei Illies eben deswegen der Zauberberg-Moment davor als Signatur für 2013. Ein gar nicht so heimlicher Wunsch, die Geschichte stillzustellen, manifestiert sich hier in Form kultureller Connaissance; zugleich wird das Buch mit dem Lehnstuhl-Kitzel der katastrophischen Antizipation gelesen. Wenn Hochkultur und Barbarei gewissermaßen Rücken an Rücken existieren können, dann ist ja vielleicht für nächstes Jahr alles Mögliche zu gewärtigen. Doch das kann warten, zuvor lieber noch ein Anekdötchen.

Paradoxien und Widersprüche

Mit diesem im Grunde ahistorischen Blick auf einen welthistorischen Umschlagpunkt liegt Illies scheinbar quer zu den revolutionären Impulsen, die noch vor einem Jahr als die wesentlicheren in der Gegenwart erscheinen konnten. Für einen Moment sah es 2011 so aus, als könnte sich die Generationenregel, dass nach dem Jahr null, 1945, alle zwanzig Jahre ein großer Umbruch zumindest versucht wird, ein weiteres Mal bestätigen. Doch 2012 hat sich eben eine Menge geändert, und so wenig individuelle Bedeutung ein Jahr in der Geschichte auch letztendlich hat, so denkt man doch zum Jahreswechsel gern darüber nach, was das abgelaufene so gebracht hat.

Und dabei lässt sich der Verdacht nicht ganz von der Hand weisen, dass der "Teilnehmung dem Wunsche nach" an vielen Orten, jedenfalls aber in den Wohlstandsbastionen Deutschland und Österreich, der Wunsch abhandengekommen ist. Das System, in dem wir alle leben, hat den längeren Atem schon deswegen, weil die Arbeit der Beschreibung des Systems an kein praktisches Ende mehr kommt.

Die Revolution bleibt in der Analyse stecken. Selbst Weltveränderer wie Wolfram Bernhardt müssen eingestehen: Wir sind die 0,2 Prozent. Zum Glück hat der junge Mann noch einen Brotberuf. Er ist Unternehmensberater und verkörpert so noch viel perfekter die Paradoxien und Widersprüche, denen das revolutionäre Moment unterliegt. (Bert Rebhandl, DER STANDARD/Album, 29./30.12.2012)

 

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