Fragmentierte Hoffnungen

28. Dezember 2012, 19:22
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Wer einmal die Folter am eigenen Leib erfahren hat, wird der Welt für immer fremd bleiben: Erinnerung an Jean Améry

Wie unausweichlich sein Freitod war, lässt sich nicht sagen. Aber dass das ganze Leben im Zeichen eines einzigen unauslöschlichen Erlebnisses - der Folter - stand, ist gewiss.

In seinem Essay Der Erzähler schreibt Walter Benjamin unter Berufung auf eine Formulierung des Dichters Moritz Heimann, ein mit fünfunddreißig Jahren Gestorbener erscheine in der Rückschau an jedem Punkt seines Lebens als ein mit fünfunddreißig Jahren Gestorbener. Stärker noch scheint das Werk eines Schriftstellers, der sein Leben selbst geendigt hat, immer die Frage aufzuwerfen, ob alles in diesem Leben vom Ende her zu lesen ist, ob der lange Schatten des Suizids alle Stationen dieser Existenz schwärzt.

Jean Améry - der 1912 als Hans Maier geboren wurde, sich dann "Mayer" schrieb, dann den Vornamen auf Französisch und den Nachnamen als Anagramm setzte - hat 1978 seinem Leben ein Ende gesetzt. Er gehört zu den Opfern der Nazibarbarei, die zuerst entrannen, dann aber Selbstmord begingen - Celan, Primo Levi, Peter Szondi, viele andere.

Wie unausweichlich dieser Freitod war, lässt sich nicht sagen. Aber dass das ganze Leben des Davongekommenen im Zeichen eines einzigen unauslöschlichen Erlebnisses stand - der Folter -, ist gewiss. Alles in seinem bedeutenden Werk gruppiert sich um diesen einen Punkt. Selbst die oft harmlos anmutenden Skizzen und Berichte der frühen Sechzigerjahre, mit denen er publizistisch neu begann, Artikel über Mode, Stars und Prominenz, scheinen als Revers zu diesem Zusammenhang zu gehören: Es drückt sich in ihnen so etwas wie eine ohnmächtige Sehnsucht aus, es möge augenblicksweise Harmlosigkeit geben können.

Hans Maier wird am 31. Oktober 1912 in Wien geboren - die Familie wohnt im 4. Bezirk, Wiedner Hauptstraße 19. Der jüdische Vater, im Ersten Weltkrieg bei den Tiroler Kaiserjägern, stirbt 1917 in Italien. Nach dem Krieg zieht die Mutter (die, wie er später schreibt, "halbjüdisch" ist und ebenso "Nebbich" wie "Marjandjosef" sagt) mit dem Knaben nach Bad Ischl, wo sie einen Gasthof betreibt; Hans besucht von dort aus das Gymnasium in Gmunden.

Wichtiger als solche äußeren Eckdaten sind die von Améry später in vielfältigen Andeutungen geschilderten Detailbeobachtungen der Differenzen zwischen Stadt und Land, Dialekt und Hochsprache, Jüdischem und Christlichem, Wohlstand und Dürftigkeit.

Er macht dann in Wien eine Buchhändlerlehre; die Philosophie des Wiener Kreises beeindruckt ihn stark. Er beginnt zu veröffentlichen und arbeitet an dem später verschollenen Roman Die Schiffbrüchigen. Nach dem Anschluss flieht er zur Jahreswende 1938/1939 nach Belgien. Nach Kriegsausbruch durchläuft er zuerst als internierter feindlicher Ausländer, dann als Gefangener der Deutschen verschiedene Lager, darunter das von Gurs in Frankreich, wo ihm die Flucht gelingt. Er geht zurück nach Brüssel und schließt sich einer Widerstandsgruppe an. Am 23. 7. 1943 wird er verhaftet. "Auf einem der Flugblätter, die ich ... bei mir trug, stand ebenso bündig wie propagandistisch ungeschickt: Tod den SS-Banditen und Gestapohenkern!" Es folgen Einzelhaft und die Folter, von der er in seinem epochalen Aufsatz für den Merkur 1965 - der im Jahr darauf in Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten eingehen sollte - schreiben wird, dass sie zum Verlust des " Weltvertrauens" führt.

"Sofern überhaupt aus der Erfahrung der Tortur eine über das bloß Albtraumhafte hinausgehende Erkenntnis bleibt, ist es die einer großen Verwunderung und einer durch keinerlei spätere Kommunikation auszugleichenden Fremdheit in dieser Welt." Im Jänner 1944 wird er nach Auschwitz deportiert (wo er als Schreiber im IG-Farben-Werk überlebt), beim Heranrücken der Roten Armee auf Gewaltmärschen weiterverschleppt und im April 1945 von britischen Truppen in Bergen-Belsen befreit.

Nach dem Krieg bleibt er in Belgien. Nach und nach knüpft er eine Anzahl von journalistischen Kontakten. Etwa Mitte der Sechzigerjahre ist er eine wichtige publizistische Stimme der BRD geworden und arbeitet bei verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunkanstalten regelmäßig mit. Viele seiner Kritiken zeigen eine souverän unabhängige Haltung, die den intellektuellen Orthodoxien der Zeit misstraut. Eine seiner Leidenschaften gilt dem Film - oder, altmodischer und richtiger, dem Kino, dem dunklen Saal, wo sich gebannt die verschiedensten Menschen begegnen.

Unter seinen Büchern sind nach Jenseits von Schuld und Sühne und neben anderen wichtigen Essaysammlungen, die zum Teil posthum erschienen, die folgenden zu nennen: Über das Altern. Revolte und Resignation (1968), Lefeu oder der Abbruch. Roman-Essay (1974), Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod (1976) und schließlich Charles Bovary, Landarzt. Porträt eines einfachen Mannes (1978). Seit 1968 erscheinen alle seine Bücher bei Ernst Klett (später: Klett-Cotta) in Stuttgart. Die Versuche über Alter und Selbstmord erreichen eine große Öffentlichkeit. Lefeu, der "Roman-Essay", der die Verzweiflung an Auschwitz und die Existenzproblematik des modernen Künstlers diskursiv verflechten will, ist wie alle Versuche Amérys tief in der klassischen deutschen Literatur geerdet; er schrieb: "Ein mythischer Gefährte gesellt sich (Lefeu) bisweilen: Mörikes Feuerreiter."

Lefeu wohnt in der Rue Roquentin - sie trägt den Namen des Antihelden in Sartres La Nausée. Die Auseinandersetzung mit Sartres Existenzialismus (und, implizit, mit der anderen großen negativen Philosophie der Zeit, der Adornos) spitzt sich im Charles Bovary in einer unerwarteten Konstruktion zu: der Ehrenrettung eines einfachen, beschränkten Mannes. Dieses Buch ist implizit die Antwort auf L'idiot de la famille, das große Buch des verehrten Sartre über Flaubert. Flaubert, argumentiert Améry, verachtet als Großbourgeois - das stimmt so nicht ganz, aber es ist ein fruchtbarer Ansatzpunkt - den intellektuell unscheinbaren, glanzlosen "kleinen Mann" Charles Bovary, Emmas Gatten; Améry verteidigt hier (ein paradoxes, glänzend durchgeführtes Unternehmen) die Rechte einer Romanfigur, eines pflichtbewussten, hingebungsvollen, beschränkten, in seinen Beschränktheiten guten Mannes.

Dieses letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Buch Amérys ist vielleicht auch in besonderer Weise sein Vermächtnis. Am Rand - im Zentrum? - geht Améry auch auf Flauberts schneidende Satire wider die trivial gewordene Aufklärung ein. Der Voltairianer Homais in Madame Bovary ist die entsetzliche Verkörperung der völlig konformistischen, biedermännischen Aufgeklärtheit, die verkörperte "Dialektik der Aufklärung" auf tiefstem Niveau. Améry lässt die Frage anklingen, ob nicht die Verachtung dieser korrumpierten Aufklärung ihre eigene fatale Problematik enthält.

Améry ist in literarischen Dingen oft verblüffend konservativ. Wenn er Arthur Schnitzler (wegen der jeweiligen Herkunft als Sohn eines prominenten Arztes) mit Proust vergleicht und sagt, der Wiener Schriftsteller sei "ohne Prousts verquälte und zutiefst selbstzerstörerische Natur" gewesen, wird rasch klar, dass ihn die Zentralbegriffe der Avantgarde - Form, Technik, Modernität - kaum interessieren; auf eine Weise, die man um 1980 als radikal altmodisch bezeichnen kann, privilegiert er das Stoffliche und den unmittelbar sichtbaren ethischen Standpunkt, also die beiden Kategorien, die das größte Misstrauen der zeitgenössischen Kritik auf sich ziehen. "In ungleich schärferer Weise als der so viel berühmtere Robert Musil hat Arthur Schnitzler das glänzende Österreich der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als einen Staat des Unrechts demaskiert. Des Unrechts vor allem gegenüber den Frauen."

Über Stefan Zweigs biografische Studien schreibt er: "Gerade dieses im weitesten Sinne journalistische Element ist es, das sie zu volksbildnerischen Anregern macht", und die Sammlung, in der sich auch der Schnitzler-Aufsatz findet, Bücher aus der Jugend unseres Jahrhunderts (1981), lässt das Faible des Autors für Autoren wie Jakob Wasssermann oder Feuchtwanger erkennen. Nicht viele Kritiker würden heute konstatieren, dass sie Galsworthy für einen größeren Schriftsteller halten als D. H. Lawrence, und gleich noch hinzuzufügen, dass angesichts von Galsworthys Forsyte Saga die Buddenbrooks " ästhetisch unbezweifelbar höher rangier(en), aber sozialkritisch kaum in Frage komm(en)". Diese brüske Abwendung von der ästhetischen Fragestellung hat auch etwas Verzweifeltes. Améry trat auf als Prophet einer zur Zeit seines Todes ungeheuer altmodisch gewordenen Haltung - des Humanismus, den Marxismus und Strukturalismus gleichermaßen verachteten.

Im Titel eines seiner wichtigsten Essays, Über Zwang und Unmöglichkeit, ein Jude zu sein, formuliert Améry offen ein Grundprinzip des Denkens und Empfindens nach der Katastrophe: die Aporie. 1978 nahm er sich während einer Lesereise in Salzburg das Leben. Die Urne wurde in einem Ehrengrab des Wiener Zentralfriedhofs beigesetzt. Sein Werk ist mittlerweile vorbildlich ediert worden.

Irene Heidelberger-Leonard hat ihre hervorragende Biografie des Schriftstellers, die 2004 bei Klett-Cotta erschien, unter den Titel gestellt: Jean Améry - Revolte in der Resignation. Man könnte noch einen kleinen Schritt weitergehen und sagen: Dies ist die Revolte der Resignation. Eben der Mann, der an der Menschheit verzagt, lehnt sich deswegen auf - und rafft dazu noch einmal als Waffen auch alle alten Hoffnungen auf Belehrbarkeit und Bildungsfähigkeit zusammen, all die schäbigen, durch Folter und Barbarei zerbrochenen Fragmente der humanistischen Utopien, aus denen noch einmal ein großer Glanz hervorbricht. Ihn legt die störrische Ungleichzeitigkeit eines großen Autors frei.   (Joachim Kalka, Album, DER STANDARD, 29./30.12.2012)

  • Prophet des Humanismus in inhumaner Zeit: Jean Améry.
    foto: klett cotta

    Prophet des Humanismus in inhumaner Zeit: Jean Améry.

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