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vergrößern 645x431Der Vieux Port ist goldig. Mit "Marseille 2013" will man aber vor allem in den neuen Vierteln eine Kulturhauptstadt des Zusammenlebens werden.
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vergrößern 645x431Noch putzt sich Marseille heraus. Überall wird gebaut und restauriert, geschürft und gegraben. Es scheint ganz so, als versuche man hier einen Kern freizulegen. Doch den zu finden scheint unmöglich, denn die Stadt kennt viele Zentren: den Stadtpark, den Alten Hafen und wohl auch das alternative Viertel Belle de Mai.
Ein Besuch des Jardin Public, des Stadtparks, der sich nur unweit des Bahnhofs befindet, wird sich schon in wenigen Tagen wieder lohnen: Noch haben die beiden wichtigsten Attraktionen - das Kunstmuseum Beaux Arts und das Naturkundemuseum - geschlossen. In Ersterem findet man Werke von großen französischen Malern wie Gustave Courbet und Jean-François Millet. "Baustelle" steht auf den Schildern und "Auf ein Wiedersehen im Jahr 2013".
Die Bauarbeiter haben Mittagspause. "Uns bereitet es große Freude, die Gebäude unserer Stadt zu restaurieren", sagt einer von ihnen, "das ist unsere Geschichte, unser Erbe." Ihm und seinen Kollegen sieht man die Einwanderereltern an. "Das ist für die Zukunft unserer Kinder", erklärt der Bauarbeiter, die Kollegen pflichten ihm ohne zu zögern bei.
Kulturhungrige Kellner
Ein ähnliches Bild zeichnet sich am Alten Hafen ab, Baustellen, so weit das Auge reicht. Die Kellner am Alten Hafen scheinen genervt. Die meisten erwarten das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt nämlich schon ungeduldig: "Endlich kommen wieder mehr Leute", meint ein Angestellter des Massilia Cafés. "Zurzeit ist es recht ruhig, wir warten auf die Rückkehr der Touristen", erklärt auch die Rezeptionsdame des nahegelegenen Radisson Blu Hotels. Im Café Massilia genießt dennoch eine kleine Zahl an Touristen Croissant und Espresso - bei Baulärm und Staub. Sie blicken durch Bauzäune auf Bagger und Scharen von Männern in neongelben Westen, die Steine verladen, Steine setzen, Steine klopfen. Der Blick geht weiter nach hinten, fällt auf vertäute schaukelnde Boote. Weiter oben, hinter Kränen, entdeckt man über der Stadt thronend die Notre Dame de la garde, eine Marienwallfahrtskirche, die "Mutter der Stadt". Es ist das Wahrzeichen dieser zentrumslosen Stadt.
Einige Meter weiter, am Diamantenen Kai, befindet sich das Büro von " Marseille-Provence 2013". Ulrich Fuchs wirkt ausgeglichen, wenn er vom kommenden Jahr spricht. Der Deutsche, der schon für "Linz 2009" verantwortlich war, ist auch zuständig für das Programm von "Marseille 2013". "Marseille ist eine Stadt, die kulturell einen großen Nachholbedarf hat", sagt er. Zum Programm verrät er nur: "Das Besondere ist, dass die Projekte ausgesprochen mediterran ausgerichtet sind." Vor allem die nordafrikanischen Länder, die im Umbruch sind, würden eine große Rolle spielen. "Die zweite Vision, die uns treibt, ist, dass wir viel im öffentlichen Raum machen wollen." Zudem gebe es Freikarten für bedürftige Bürger.
Folgt man dem Kai einige hundert Meter, stößt man auf einen Ort, der auf dem Stadtplan mit Mucem bezeichnet ist. Das Museum für Europäische und Mediterrane Geschichte wird gewissermaßen das Herzstück des Kulturjahres sein, weil es - wie schon der Name verrät - thematisiert, was Marseille letztlich ausmacht. Eröffnet wird es in den ersten Wochen des neuen Jahres. Immerhin die Fassade scheint fertig. Die Front des Hauptgebäudes ist halb aus Glas, halb aus spinnwebenartig-gegossenem Stahl. Deutlich hörbar legt keine hundert Meter entfernt ein Kreuzfahrtschiff an. zwölf Millionen Menschen sollen 2013 allein auf diesem Wege Marseille erreichen. Gar kein so ambitioniertes Ziel, wenn man weiß, dass es bereits in normalen Jahren zehn Millionen sind.
Zwischen altem und neuem Hafen entdeckt man die Sainte-Marie-Majeure, eine neoromanische Kathedrale mit neobyzantinischen Einflüssen. Auch hier sind Männer in gelben Westen und Plastikhelmen derzeit die einzigen Besucher. Die Kathedrale markiert den Eingang zum Panier, also zur historischen Altstadt. Auf einem Platz zwischen notdürftig geflickten Häusern spielen Kinder Fußball. Gaststätten und Bars gibt es hier kaum, überraschend wenige Touristen besuchen wohl auch deshalb die Altstadt. Vor allem Teenager verschlägt es hierher in die versteckt gelegene Jugendherberge.
Mit der Metro und anschließend weiter mit dem Bus geht es in den Norden der Stadt. Dorthin, wo die hohe Arbeitslosigkeit und die kriminelle Versuchung als einzig wahrgenommes Etikett auf den Bezirken haften. Statt des "Big Mac" gibt es hier den "Big Halal", anstelle großer Supermarktketten fast ausschließlich die von Einwanderern betriebenen Greißlereien. Von der "Kulturhauptstadt Marseille" habe man noch nie etwas gehört, meinen einige Jugendliche. Und tatsächlich: Im Programmheft finden sich nur sehr wenige Veranstaltungen in den nördlichen Bezirken. Viele, so hört man aus dem örtlichen Rathaus, hätten zwar Anträge für die Unterstützung von Kulturprojekten gestellt, die seien aber abgelehnt wurden.
Ortswechsel - es geht in den Stadtteil La Cayolle im Süden von Marseille. Der Süden gilt als weniger arm, doch auch La Cayolle zählt offiziell zu den "Problembezirken" oder "quartiers sensibles", wie man hier sagt. An der Grenze zwischen Villenviertel und Hochhaussiedlung werden hier schon jetzt Führungen durch den sogenannten "Kreativen Bezirk" organisiert. "Kreative Bezirke" - so nennt sich eine Reihe von Projekten, mit denen im Rahmen des Kulturjahres abgelegenere Stadtteile einbezogen werden sollen.
"Parc" - frei übersetzt steht dieses Akronym für "Kunstideen und Bürger im Dialog" - hat das Berliner Kollektiv Raumlabor jene Interventionen im öffentlichen Raum getauft, die sie in La Cayolle nun beginnen. Zwei der Künstler enthüllen am Straßenrand befestigte Zeichnungen und Malereien. Auf einem Bild ist lediglich eine Giraffe zu sehen: ein in der Stadt gut bekanntes und oft verwendetes Symbol für die afrikanischen Einwanderer. Umständliche Erklärungen dazu gibt es nicht, es sind ohnehin fast nur Freunde und Bekannte der Organisatoren hierhergekommen.
Die gut zweistündige Führung verdeutlicht allerdings die starken Kontraste in diesem Stadtteil: Abgeschirmte Villen stehen hier neben unbewohnten Häusern, auf denen Marine-Le-Pen-Plakate affichiert wurden; ein verlassener Sportplatz liegt gleich neben bürgerlichen Siedlungen mit eigenen Gärten. Zwischendrin sind immer wieder Fotos und Montagen der Aktionskünstler zu sehen.
Am späten Nachmittag stoßen noch einige Bürger dazu, darunter Studenten, die eine sogenannte Picknickinsel aus dem Boden stampfen: Kunst und Stadtplanung sollen in diesen Inseln zusammenfinden, Künstler und Bürger stoßen gemeinsam an - so steht es im Programm der "Kreativen Bezirke". Ein Anfang ist gemacht, ein ganzes Jahr bleibt ihnen noch.
Vorzeige-Dock für Piraten
Die Abende vieler junger Menschen in Marseille gehören dem Viertel Belle de Mai, das an der Schnittstelle zwischen Innenstadt und dem Norden liegt und längst als Vorzeigestadtteil für gelungene Integration gilt. Viele Künstler leben hier, Studenten, aber auch Familien. Die Kulturen sind buntgemischt, die Kriminalitätsrate ist niedrig. Die riesige Fabrikshalle des Dock des suds, eines alternativen Kulturzentrums, ist an diesem Abend in einer Weise beleuchtet, die an Weihnachtsmärkte erinnert. Es riecht nach Crêpes und Käse. An den Wänden der Halle hängen alte Plakate mit dem Aufruf zum Aufstand der Dockarbeiter und eine Piratenflagge.
Auch Bürgervereine und NGOs sind mit Ständen vertreten, jemand hält spontan einen Vortrag über die Begrünung von leerstehenden Gebäuden. Über "Marseille 2013" wird hier viel diskutiert - oft kritisch. Einige alternative Musikfestivals sollen 2013 im Dock des suds stattfinden.
Es ist beinahe Mitternacht, das beherrschende Thema das gleiche geblieben: ",Marseille 2013' sollte nicht nur auf Berufs-, sondern auch auf Amateurkünstler setzen", lautet die Empfehlung von Bernard Organini. Der Soziologe setzt sich seit Jahren für Kunst als Form der Bürgerbeteiligung ein. Das französische Wort Amateur, so Organini, habe ja einen Doppelsinn: Es bedeute unerfahren und passioniert zugleich. Von solchen Menschen gebe es vor allem unter den Benachteiligten in Marseille viele, meint er. Aber dieses Potenzial müsse man auch nutzen. Organini dreht eine Zigarette und erregt sich: "Was, bitte, soll denn mit Kultur gemeint sein, wenn nicht die Kultur des Zusammenlebens!"
. Foto: Yann Guichaoua / picturedesk
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