Japan will wieder Atomkraftwerke bauen

27. Dezember 2012, 19:35
322 Postings

Von einem Atomausstieg ist keine Rede mehr, stattdessen sollen alte Kraftwerke reaktiviert und unter Umständen neue gebaut werden

Weniger als zwei Jahre nach dem schweren Atomunfall in Fukushima hat Japans neue Regierung angekündigt, bisher stillgelegte Kernkraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen. Der Baustopp für neue Reaktoren soll aufgehoben werden. Voraussetzung für die Genehmigung sei eine Sicherheitsprüfung durch die unabhängige Regulierungsbehörde sowie die Zustimmung der betroffenen Regionen und Gemeinden, sagte Industrieminister Toshimitsu Motegi am Donnerstag in Tokio.

54 Atommeiler in Japan

Erst seit Mittwoch sind der neue Premierminister Shinzo Abe und sein Kabinett im Amt. Schon während des Wahlkampfes hatten sich Abe und seine Liberaldemokratische Partei (LDP) gegen einen schnellen Ausstieg aus der Kernenergie ausgesprochen. Mit dem Koalitionspartner New Komeito wurde lediglich vereinbart, die Abhängigkeit von der Atomkraft zu reduzieren und die Nutzung erneuerbarer Energien auszubauen.

Einschließlich der vier Reaktoren in Fukushima gibt es in Japan 54 Atommeiler. Vor dem Reaktorunfall hatten diese 26 Prozent des Stromverbrauchs des rohstoffarmen Landes abgedeckt. Allein der Betreiber der Fukushima-Anlage, Tepco, verfügt über sieben weitere Reaktoren, die sie gerne wieder anfahren würden.

Atomausstieg bis 2040 geplant

Unter der bisherigen Regierung von Yoshihiko Noda schien dieser Plan nicht umsetzbar zu sein. Noda und seine Democratic Party of Japan hatten alle Reaktoren abschalten lassen. Nur zwei wurden zur Sicherung der Stromversorgung bisher wieder in Betrieb genommen. Ein vollständiger Ausstieg aus der Atomkraft war bis 2040 geplant.

Finanziell abhängig

Diese Entscheidung wollen die Liberaldemokraten nun rückgängig machen. Die LDP hatte bis 2009 fast fünf Jahrzehnte lang ununterbrochen regiert und Japans Atomindustrie unterstützt. Beobachter verweisen auf finanzielle Abhängigkeiten zwischen Partei, Industrie und Kommunen.

"Energie ist in Japan deshalb so teuer, weil Unternehmen wie Tepco den Fischereigewerkschaften, Bauern und Schulen Geld bezahlen, um ihre Unterstützung zu erhalten", sagte Robert Dujarric, Leiter des Instituts für moderne Asienstudien der Temple-Universität vor Journalisten in Tokio. Sein Kollege Koichi Nakano, Professor an der Sophia-Universität, berichtete: "Die Spenden-Sammelstelle der LDP, ,Kokumin Seiji Kyokai‘, erhält rund 70 Prozent ihrer Einzelspenden von Managern aus Energiekonzernen."

90 Prozent der Bevölkerung für Atomausstieg

Allerdings ist ein Wiederhochfahren stillgelegter Reaktoren für die LDP mit politischen Risiken verbunden. In Umfragen haben sich 90 Prozent der Bevölkerung für einen Atomausstieg ausgesprochen. Heikel ist die Lage auch deshalb, weil Japans Atomaufsichtsbehörde bei Untersuchungen unter mehreren bestehenden Meilern Erdspalten entdeckt hat, die möglicherweise durch tektonische Bewegungen verursacht wurden. Ein endgültiges Urteil über die Erdbebensicherheit dieser Meiler ist noch nicht gefällt.

Derzeit sind drei neue Reaktoren von einem Baustopp betroffen. Für neun weitere Kraftwerke liegen Baupläne aus der Zeit vor der Fukushima-Katastrophe in den Schubladen. (Birga Teske aus Tokio, DER STANDARD, 28.12.2012)

Share if you care.