Mit neuen Schultypen gegen die US-Bildungsmisere

Reportage27. Dezember 2012, 17:53
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Überforderte öffentliche Schulen in amerikanischen Problemvierteln gelten gemeinhin als Fabriken für Schulabbrecher. Reformorientierte Charter Schools sollen nun Kindern Chancen auf ein besseres Leben bieten

"Los, Leute!", ruft William Stapleton, "gebt mal den Mister Stapleton!" Prompt machen zwei Dutzend Zehnjährige Geräusche, als schlürften sie ein heißes Getränk, bevor sie zu zittern beginnen, als stünden sie unter Hochspannung. Es ist eine Lockerungsübung, zugleich eine Einlage für den Gast. "Mister Stapleton trinkt zu viel Kaffee", sagt der Lehrer und feixt über sich selbst, ehe er ernst wird und das Planetensystem erklärt.

Es ist der "Stolz von 2020", wie in Großbuchstaben über der Klassentür steht, mit dem sich Stapleton den Scherz erlaubt hat. 2020 sollen Faith, Shania, Taylor, und wie sie alle heißen, die High School absolviert haben und an einem College studieren. Ein normaler amerikanischer Zukunftsentwurf, nur eben nicht in Park Heights.

Hier, im Norden von Baltimore im Bundesstaat Maryland, verfallen ganze Häuserzeilen, und die öffentlichen Schulen gelten als "dropout factories" - Fabriken für Schulabbrecher. Fast alle, die hier wohnen, sind Afroamerikaner.

Alle, die unter Stapletons Planeten-Kugeln sitzen, haben vorher in dem Bildungsnotstand gelernt - bis sie quasi im Lotto gewannen und an die Ujima Village Academy wechselten, an die Mittelschule von KIPP, dem "Knowledge Is Power Program" (Wissen ist Macht). Faith Williams, ein Mädchen mit kunstvoll geflochtenen Zöpfen, nimmt sich kein Blatt vor den Mund, wenn sie über ihre alte Schule spricht - über geringe Erwartungen, notorische Schwänzer und resignierende Lehrer. "Die haben uns manchmal gesagt, sie kriegen ihren Lohn auch so, egal, ob wir was lernen. Hier sagt das keiner. Hier wollen sie, dass wir es aufs College schaffen."

Gegen die Schranken im Kopf

Stapleton weiß, wie grau alle Theorie bleibt, auch die mit dem College, wenn man sie nicht durch Praxis belebt. Neulich organisierte er einen Klassenausflug an die George Washington University, eine Spitzenuniversität in der US-Hauptstadt. Ein Mediziner stand Rede und Antwort, ein Anwalt, ein Wirtschaftsprüfer. Danach durften die Zehn- und Elfjährigen in der Mensa essen. Es war eine Art Schnupperkurs: Die alte College-ist-nichts-für-uns-Schranke, tief verankert im Kopf und in Elternhäusern, die von einem Studium nicht zu träumen wagten, soll endlich verschwinden.

Vorn hat Stapleton ein paar KIPP-Grundsätze an die Wand gepinnt; Parolen typisch amerikanischer Praktiker. "Wenn es ein Problem gibt, lösen wir es." - "Wenn es einen besseren Weg gibt, finden wir ihn." In den Korridoren hängen motivierende, Sprüche von Mahatma Gandhi und Henry Miller. Dazwischen die Kurzbiografien der Pädagogen, geschmückt mit den Emblemen der Unis, die sie besuchten. Auf dem Blatt von Candace Sharrow prangt der eckige Turm der University of Florida, an der sie Politikwissenschaften und Arabisch studierte. Mit dem Diplom in der Tasche ging sie nach Jordanien, um bei einem Magazin zu arbeiten. Dann heuerte sie bei "Teach For America" an, einer Organisation, bei der sich junge Leute verpflichten, für zwei Jahre an sozialen Brennpunkten zu unterrichten, oft in schwierigen Großstadtvierteln.

Auch Stapleton hat ein paar Umwege genommen. Drei Jahre war er Lacrosse-Trainer, dann jobbte er als Kellner. Seit 2007 unterrichtet er. Wie all seine Kollegen muss er bis abends halb neun auf dem Handy erreichbar sein, für seine Schüler ebenso wie für deren Eltern. Neun Stunden am Tag, von früh halb acht bis nachmittags halb fünf, verbringt er im Klassenzimmer, zwei Stunden mehr als in einer normalen Schule. Dafür ist das Gehalt bei KIPP um ein Fünftel höher.

Jason Botel hat Baltimores erste KIPP-Schule gegründet, 2002, acht Jahre nachdem das Reformnetzwerk entstanden war. Sie ist eine von fünftausend Charter Schools, wie sie überall in Amerika aus dem Boden geschossen sind, als Antwort auf eine Bildungsmisere. In Baltimore - wie überall sonst - entscheidet in erster Linie die Geldbörse über Bildungschancen. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder an gute, aber teure Privatschulen. Die übrigen 90 Prozent müssen mit kostenlosen, aber oft hoffnungslos überforderten öffentlichen Schulen vorlieb nehmen. Die Charter Schools bieten eine Alternative. Sie werden ebenfalls aus Steuermitteln finanziert, dürfen aber ihr eigenes Konzept verfolgen. Die Nachfrage ist dreimal größer als das Platzangebot.

Botel will zeigen, was schon kleine Reformen erreichen können. Dass junge Schwarze oder Hispanics im Durchschnitt schlechter abschneiden als weiße Altersgenossen, sei "ein Scheitern des Systems, nicht des Kindes oder der Familie". Fremdsprachen stehen bei KIPP hoch im Kurs. Bereits im Kindergarten lernen die Kids Spanisch, am liebsten würde Botel auch Chinesisch ins Programm nehmen. "Leider ist es nicht so leicht, Chinesischlehrer zu finden." Bei vergleichenden Wissenstests in Baltimore belegt KIPP regelmäßig erste Plätze.

Keine Abkürzungen

Tammy Coit erlebt in der fünften Klasse Jahr für Jahr, wie schnell Bildungsrückstand aufgeholt werden kann. Die vierfache Mutter unterrichtet englische Literatur. Mit ihren Schülern liest sie das Kinderbuch Sneetches, des in den USA überaus populären Theodor Seuss Geisel alias Dr. Seuss. Darin geht es um Enten mit angeborenem Stern auf dem Bauch, die über sternenlose Enten die Nase rümpfen. Doch dann zaubert ein Scharlatan Letzteren auch Sterne auf die Bäuche. Am Ende sehen sie ein, dass es keinerlei Unterschied macht, wie viele Sterne jemand spazieren trägt.

Die Klasse "Stolz von 2024" ist in Vierergruppen aufgeteilt. Ein Quartett spielt am Laptop, ein zweites setzt Silbenbausteine zusammen und notiert, welche Kombinationen echte Wörter ergeben. Der Slogan, unter dem D'Leon Barnett vor seinen Zöglingen hockt, handelt von den Mühen des Lebens. "There are no shortcuts": Abkürzungen gibt es nicht. (Frank Hermann, DER STANDARD, 28.12.2012)

 

 

  • Diese Kinder aus Problemvierteln Baltimores gelten in der KIPP-Schule als "Stolz von 2024".
    foto: standard/hermann

    Diese Kinder aus Problemvierteln Baltimores gelten in der KIPP-Schule als "Stolz von 2024".

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