Ein rastloser Geist lässt sich finden

Isabella Reicher, 27. Dezember 2012, 17:48
  • Sixto Rodriguez, musikalischer "inner city poet" aus Detroit, erfährt durch einen Umweg über Südafrika späte Anerkennung.
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    Sixto Rodriguez, musikalischer "inner city poet" aus Detroit, erfährt durch einen Umweg über Südafrika späte Anerkennung.

Die fesselnde Musiker-Doku "Searching for Sugar Man" begibt sich auf die Spuren des Detroit-Phänomens Sixto Rodriguez

Wien - In der ersten Hälfte der 1970er-Jahre veröffentlicht ein junger Singer-Songwriter aus Detroit zwei Langspielplatten. Obwohl seine Produzenten große Stücke auf den Mann in Schwarz mit der markanten Stimme setzen, sich die dunkel-poetischen Texte und die musikalischen Arrangements auf der Höhe der Zeit befinden, bleibt der Durchbruch aus. Ein drittes Album wird nicht mehr fertiggestellt. Der junge Mann namens Sixto Rodriguez verschwindet nach einem kurzen Aufflackern wieder vom Radar der Musikbeobachter.

Diese Geschichte, die bis dahin wahrscheinlich gar nicht einmal so besonders ist, findet auf einem anderen Kontinent eine überraschende, einzigartige Fortsetzung: Aus nicht genau zu rekonstruierenden Gründen treffen die Alben von Sixto Rodriguez, seine unverblümten, aufbegehrenden Songs in den Siebzigern ausgerechnet bei der weißen Jugend von Kapstadt einen Nerv. Ohne selbst je davon zu erfahren, wird Rodriguez in Südafrika noch während der Zeit der Apartheid ein Superstar. Seine Alben, für den dortigen Markt ohne Wissen des Künstlers lizenziert, verkaufen sich millionenfach - und einzelne Tracks werden von staatlichen Zensoren im Vinyl eigenhändig unhörbar gekratzt.

Erst viel später erfahren die südafrikanischen Fans, dass jener US-amerikanische Musiker, der für sie gleichauf mit den Beatles und Elvis rangiert, in seiner Heimat eine obskure Erscheinung geblieben ist. Seine Alben sind dort längst nicht mehr erhältlich. Und Sixto Rodriguez selbst habe sich, so heißt es, gebrochen vom Misserfolg, auf offener Bühne das Leben genommen. Über den genauen Hergang gibt es jedoch unterschiedliche Versionen, Craig Bartholomew, ein besonders hartnäckiger Fan und Musikjournalist, will es dann doch genauer wissen und fördert schließlich die größte Überraschung von allen zutage.

Diese letzte Wendung der Geschichte, die sich in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre zuträgt, hat auch den schwedischen TV-Filmemacher Malik Bendjelloul erreicht, als er in den Nullerjahren auf Recherche durch Afrika reiste. Und so steht an ihrem vorläufigen Ende Bendjellouls beim Festival in Sundance Anfang des Jahres uraufgeführter und inzwischen bereits vielbeachteter Dokumentarfilm Searching for Sugar Man, der nach Rodriguez' wohl bekanntestem Song Sugar Man benannt ist.

Der Film beginnt im nächtlichen Detroit, mit Fahrten zu jenen peripheren Orten, die Rodriguez Inspiration und marginale Öffentlichkeit boten. Bendjelloul hört sich um bei Produzenten und alten Weggefährten. Und er macht - zu spärlichen Archivbildern und zart animierten Passagen - vor allem die Songs wieder hörbar, die nach all der Zeit nichts von ihrer Eindringlichkeit verloren haben.

Working Class Hero

Er lässt sich in südafrikanischen Archiven die zensierten Platten und Dokumente der Rodriguez-Erfolgsgeschichte zeigen. Auch Bendjelloul schafft es nicht, eindeutig zu klären, wer die Tantiemen für Rodriguez' Verkäufe in Übersee eingesteckt hat.

Dafür ist das, was er noch zu erzählen hat - von einem wirklichen Working Class Hero mit politischem Bewusstsein, von einem Vater, der ein inniges Verhältnis zu seinen drei Töchtern hat und ihnen den Wert von Bildung und Kunst nahebrachte -, viel schöner als der abgehangene Rockstarmythos vom tragisch unverstandenen Künstler.    (Isabella Reicher, DER STANDARD, 28.12.2012)

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13 Postings
Schön, wenn solche übersehene Helden

der Rockmusik auch noch zu ihren Lebzeiten erfahren dürfen, dass ihre Arbeit nicht ganz umsonst war. Sah im Netz einen US-Beitrag, wo der Sänger und sein Umfeld porträtiert wurden. Er lebt noch immer in Detroit. Als ich diesen Beitrag sah, ärgerte ich mich selbst über meine Ignoranz, habe ich doch vor ca. 25 Jahren auch bei einer Plattenbörse seine LP in der Hand und mich dann doch nicht zum Kauf entscheiden können.
Anyway. Schön, dass auch der Standard neben Wegwerfsachen ala Gaga, Madona & Co. Platz für solch stille Verlierer übrig hat. Danke.

nicht zu vergessen

wurde "sugar man" vor knapp 10 jahren in den einschlaegigen radiosender, nein nicht oekotz, rauf und runter gespielt und resampelt (david holmes). gerade nachgesehen, er hat es ja auch auf eine fm4 soundselection geschafft. also so ganz ein unbekannter und in der versenkung verschwundener ist er dann doch nicht.

sugar man

geht mir wirklich aufn geist.

ich finde diese

drogenverherrlichung auch schrecklich :)

hammer

hab die doku bei der viennale gesehen. eines meiner persoenlichen highlights. dicke empfehlung!

"fesselnde Musiker-Doku"?

schwer beworben auf einem musiksender, hm, schau ma mal.

fraktus is auch so eine band

die heute
selbst bei uns in mitteleuropa
kaum noch jemand kennt
und die trotzdem total einflussreich war und auch noch ist

fraktus sind ein fake.

netter link ... nur, so viel als hinweis: erst einmal den film ansehen und DANN ERST darauf klicken (bzw. googlen etc.). no joke, ernst gemeint. mfg

danke

für den tipp, habe ihn befolgt!

Danke, lieber Leitich, für diesen

und andere, immer wieder gescheite Kommentare!
Ein "hc", den ich mag, im Unterschied zu dem unsäglichen Politkomiker...

Schwer. :-)

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