Schulsystem in der Standardisierungsfalle

Gastkommentar27. Dezember 2012, 09:17
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Den Bildungsstandards sei Dank - ab jetzt geht's bergauf mit unserem Bildungssystem! Eine Glosse

Nun ist es also so weit, wir haben sie endlich, die Bildungsstandards. Großer Einsatz von Ressourcen, Jahre der Vorbereitung, intensive Entwicklungsarbeit und die Gründung eines eigenen Instituts (BIFIE), dessen bisherige Performance einer Evaluierung des Rechnungshofes zufolge zumindest Anlass zum Innehalten geben sollte.

Demnach scheint es eher so, dass dieses im Vergleich nicht ganz so gut abschneiden und der Gesamtpunktescore wohl nicht besonders hoch ausfallen würde. Aber glücklicherweise gibt es diesbezüglich keine unmittelbare Vergleichsmöglichkeit - nicht so wie für die getesteten SchülerInnen an den österreichischen Schulen. Von unseren SchülerInnen und Schulen liegen nun endlich Punktescores vor und zwar im Vergleich.

Endlich wissen wir, dass der sozioökonomische Hintergrund der Kinder eine Ursache für gute oder schlechte Schülerleistungen ist. Endlich wissen wir, dass HauptschülerInnen schlechtere Leistungen erbringen als Gymnasiasten. Aber wir wissen noch viel mehr, nämlich, dass in Oberösterreich die SchülerInnen am besten sind und in Kärnten und Wien am schlechtesten oder in sozialen Brennpunkten die SchülerInnen schlechter abschneiden als in friedlichen Landgemeinden. Und wenn wir diese Testungen periodisch wiederholen, dann sehen wir sogar, ob sich die Punktescores an den einzelnen Schulen über die Jahre verbessern, verschlechtern oder gleich bleiben.

Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten, um die Schulqualität zu steigern sowie Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit zu gewährleisten. Ist doch perfekt!

Wenn da nicht die bereits jahrzehntelangen Erfahrungswerte aus anderen Staaten allen voran aus den U.S.A. wären. Dort zeigte sich nämlich, dass durch periodisches, nationales Testen in punkto Schulqualität sowie Chancen- und Bildungsgerechtigkeit keine Verbesserungen erzielt werden konnten, sondern vielmehr irrationaler Wettbewerb zwischen den Schulen, willkürliche Schuldzuweisungen und diverse Segregationseffekte eingetreten sind. Auch strategisches Schummeln sowie etablierte Strategien des Schönens von Testresultaten stehen dort bereits an der Tagesordnung. Daher wird auch schon länger von einer "Post-Standardization" - Ära gesprochen. Aber das betrifft doch nur die U.S.A.

Österreich ist ja bekanntlich anders. Wir probieren das alles einmal selbst aus und dann werden wir der Welt zeigen, dass bei uns das nationale Testen die Qualität der Schulen steigern wird. Klar, denn wir machen das methodisch auch ganz anders als in den U.S.A. Wir verwenden nicht ganz so komplexe Rechenmodelle und statistische Analyseprozeduren und außerdem soll es bei uns keine Schulrankings geben, zumindest nicht offiziell. Dabei wissen wir auch aus anderen Ländern, dass die öffentliche Bewertung von Schulen auf Basis der Schülerleistungstestresultate, sobald diese einmal existieren, nur sehr schwer verhindert werden kann. Ach ja und nicht zu vergessen sind die "fairen Vergleiche", wodurch wir auch nur Schulen mit ähnlich hohem Migrantenanteil oder ähnlichen sozioökonomischen Hintergrundbedingungen hinsichtlich ihrer Punktescores miteinander vergleichen. So können wir Schule ganz bestimmt für sozial benachteiligte Kinder verbessern und den familiären Einfluss auf die Bildungskarrieren reduzieren. Ist doch genial!

Aktuelle Forschung deutet darauf hin, dass Schulqualität an das Setzen von Maßnahmen entsprechend des Bedarfs an den Schulen vor Ort gebunden ist. Die Ermittlung dieses Bedarfs setzt die Einbeziehung der Akteure als autonom handelnde und wahrnehmende Subjekte, die in konkrete Lebenswelten eingebunden sind, voraus. Entsprechende Modelle sind in Entwicklung und existieren bereits. Aber vorerst probieren wir mal aus, wovon man anderswo bereits wieder abkommt. So viel Zeit muss sein. Nur nicht so hektisch. So eilig müssen wir es mit der Lösung unserer Bildungsprobleme nun auch wieder nicht haben, oder? (Martin Retzl, 27.12.2012, derStandard.at)

Martin Retzl ist wissenschaftlicher Projektmitarbeiter der Forschungsabteilung für Schule, Bildung und Gesellschaft am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Qualitätsentwicklung im Bildungssystem (Steuerung und Entwicklung von Schule und Schulsystem).

Literaturtipps zum Thema

The Death and Life of the Great American School System

The Coming of Post-Standardization in Education

 

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