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Wie "demütigt" man eine historische Person? Indem man Geschichten über sie erzählt, die nicht stimmen. Oder indem man Geschichten über sie erzählt, die zwar stimmen, in einer späteren Epoche aber nicht mehr ins geistige Klima passen. In der Türkei kursieren derzeit Entwürfe zu einem Gesetz, das darauf zielt, "Demütigungen historischer Personen oder Verdrehungen realer Tatsachen" zu verbieten. Anlass ist die Fernsehserie Muhtesem Yüzyil (Das prächtige Jahrhundert), die osmanische Innen- und Imperialpolitik als Haremsdrama erzählt.
Der Sultan Süleyman der Prächtige regierte im 16. Jahrhundert und verschaffte dem Reich eine davor und danach nicht mehr gesehene territoriale Ausdehnung. Vergleichbares gilt nun auch für die Fernsehserie über ihn: sie ist nicht nur von enormer Länge (drei Staffeln, bisher 74 jeweils mindestens anderthalbstündige Folgen, also mehr als 110 Stunden, fast ein Arbeitsmonat reine Zuschauerzeit), sie wird auch in zahlreichen Ländern ausgestrahlt und kann als Erfolgsgeschichte der expansiven türkischen Unterhaltungsindustrie gesehen werden.
Die am ehesten vergleichbare Serie im westlichen Kontext ist The Tudors: gleiche Epoche, gleiche Konzentration auf die Verbindung von Macht und Sexualität. Doch ist der Identifikationseffekt mit Heinrich VIII und seinen Intrigen gegen Frankreich, Habsburg und den Papst gering; an der Serie ist gerade der Anachronismus attraktiv. Muhtesem Yüzyil hingegen verkauft sich gerade dorthin, wo das Osmanische Reich früher auch schon hin reichte, schafft also einen interessanten Verdopplungseffekt zwischen Plot und Auswertung.
Es wird spannend sein, im neuen Jahr zu beobachten, ob sich die Regierung Erdogan tatsächlich zu einer Lex Süleyman versteigt. Vermutlich ist die Wahrscheinlichkeit eher gering, nicht nur, weil es schwer ist, gegen hohe Einschaltquoten zu regieren, sondern auch, weil es ungeahnte Folgen haben könnte, wenn gesetzlich festgeschrieben werden soll, was "reale Tatsachen" sind und wo die "Verdrehung" beginnt.
Auf www.turkweb.tv sind vollständige Folgen von Muhtesem Yüzyil zu sehen, allerdings ohne Untertitel. Die Webseite Turkish Drama gibt einen guten englischsprachigen Zugang zu dem einschlägigen Feld.
CARGO Film Medien Kultur ist ein Magazin und eine Website. derStandard.at bringt in unregelmäßiger Folge Beiträge aus der Cargo-Redaktion.
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Eine weitere Spezialität Erdogans: Geschichtsverbiegung.
Während die Islam-Mehmet-Eroberungsschnulze wohl dem nationalpathetischen Gusto Erdogans entsprach ist ihm die gegenwärtige Harems-Soap zu freizügig (Kopftuch kommt nicht vor).
Im neuen Museum liess er unlängst die Schlacht von Gallipoli (1915, erfolgreiche Abwehr eines alliierten Landungsversuches) als Großtat im Namen des Islam uminterpretieren. Das war damals nicht ansatzweise ein Thema.
Ein sehr unappetitlicher Mensch, muss man sagen.
Man fühlt sich an das Ministerium für Wahrheit in "1984" erinnert.
Rede und Pressefreiheit? Gerne. Solange es das Türkentum, die Historie der Türkei oder den Anstand nicht beschädigt.
Was Türkentum, die Historie und der Anstand sind, bestimmt die Regierung.
Die Türkei steht an der Schwelle zu einem modernen Staat, und ich glaube dass sie diese überschreiten kann, wenn sie es schafft zwei wesentliche Probleme zu bewältigen:
a) Ihren überbordenden Nationalstolz
b) Ihre Verflechtung mit dem Islam
Überschreiten wird sie die Grenze irgendwann ganz sicher. Die Frage ist, in welche Richtung...auf zur Moderne oder volle Kraft zurück ins Mittelalter.
Es liegt an den Türken.
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