Im Fantasiebeisel der Gefühle

26. Dezember 2012, 19:37
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Der Akkordeonist, Sänger und Komponist Stefan Sterzinger gastiert mit seiner "Experience"-Band in Wien: Ein Gespräch übers Komponieren, ein Künstleraltersheim im Himmel und seine Erfahrungen als Theatermusiker

Wien - Stilfragen sind für Stefan Sterzinger zunächst einmal nicht so essenziell: "Vor der himmlischen Domina sind alle Töne gleich viel wert, da alle Emotionen gleich viel wert sind." Was allerdings den Einsatz von Sprache anbelangt, wirkt der Akkordeonist, Sänger und Schreiber schon ein bisschen heikel: "Ich bin ja eigentlich über eine englische Musik-Community in Wien zum Spielen gekommen, habe quasi Englisch geträumt und natürlich auch Englisch gesungen. Mittlerweile finde ich das allerdings etwas albern."

Selbstverständlich spielt Sterzinger "hin und wieder jene englischen Nummern, die es von mir gibt. In meiner Rechtfertigung sind das dann allerdings Wienerlieder mit englischem Akzent. Natürlich muss man grundsätzlich einräumen, dass unsere Alltagskultur seinerzeit von der Rock-Welt neu aufgesetzt worden ist. Dafür muss man ewig dankbar sein. Allerdings muss man das nicht ewig imitieren."

In Sterzingers Fantasiebeisel der Gefühle waltet indes kein Dialekt-Dogmatismus. Seine aktuelle CD heißt ja immerhin rock'n roll und seine Band Sterzinger Experience, was zwar im engeren Sinne nichts mit Jimi Hendrix und dessen Band zu tun haben soll. Es verwischt hier jedenfalls einer nicht ganz die Bezüge zu jener Kultur, die ihn geprägt hat - klar: "Man hat schon viel Glück gehabt im Leben. Man war links, ohne dass man gewusst hat, was das ist. Und man hat mit dreizehn englische Musik gehört, ohne die Texte wirklich zu verstehen. Ich glaube, dass uns beides sehr gut getan hat."

Auch bezüglich des CD-Repertoires ist hier Lokalkolorit-Einseitigkeit nie Programm, wobei die Vielfalt natürlich in eine Sterzinger-Stilistik münden soll. Da wäre etwa Honky Tonk Woman von den Rolling Stones, jedoch sehr eigen zubereitet und an eine spezielle Vision gekoppelt. Da geht es irgendwie um ein Künstleraltersheim im Himmel, "und ich stelle mir vor, dort müsste es so etwas wie eine Aufnahmeprüfung geben: Jeder müsste einen Vertrag unterschreiben, in dem er sich verpflichtet, etwas zu tun, was er in seiner Zeit als Unterhalter da unten nie getan hätte."

Jagger trifft Hörbiger

Mick Jagger müsste also "mit Paul Hörbiger einen Tango tanzen. Der Vertrag, den Jagger also unterschreiben müsste, ist quasi meine Version seines Liedes. In Some Like It Hot von Billy Wilder gibt es ja eine Filmszene, in der Jack Lemmon in Frauenkleidern mit einem alten Herrn tanzt. So in etwa müsste das mit Jagger und Hörbiger der Fall sein."

Bei solchen Fantasien muss man unweigerlich an Sterzingers Vergangenheit denken, also an die Combo Franz Franz & The Melody Boys. Das war jenes Kollektiv mit Sterzinger, Heinz Ditsch und Vincenz Wizlsperger, das sich im Kosmos des Skurril-Surrealen theatral und ziemlich musikalisch eingerichtet hatte. Das war in den 1980ern, und erst nach "acht Jahren und etwa tausend Konzerten" löste man sich auf.

Danach hat Sterzinger einiges probiert, wobei einiges auch nicht funktioniert hat. Auch gab es finanzielle Fragen zu klären, was zu gewissen Umwegen beruflicher Art führte. "Wirklich ganz aufgehört habe ich jedoch nie, es gab immer irgendeine Theatermusik umzusetzen; es gab immer Theaterleute, die kein Budget hatten und mit mir etwas machen wollten", scherzt Sterzinger und ergänzt: "Gott sei Dank habe ich mich durch die Theaterarbeit gezwungenermaßen auch mit dem Wienerischen beschäftigen müssen. Weniger toll war, immer spielen zu müssen. Ich fühlte mich musikalisch unterfordert und zeitlich überfordert. Und: Ruhm und Ehre bekamen andere ab - da bin ich schon etwas heikel!"

Besser man ist sein eigener Sklave - im Rahmen einer eigenen Combo. Und besser, man macht doch noch CDs; 2013 wird eine neue erscheinen - als finaler Teil einer Trilogie. Wobei: Das Schreiben und Komponieren "ist am Anfang immer mühselig. Ich muss es schaffen, einen Rausch herzustellen - natürlich ohne Saufen -, es muss intensiv werden. Ich denke, dass zuerst die Emotion da sein muss, bevor der Gedanke kommt. Ich bringe nichts zustande, wenn ich etwas konstruieren soll. Es muss im Zusammenhang mit Themen ein Gefühl geben, das trägt mich dann weiter."    (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 27.12.2012)

29. 12., Porgy & Bess, 20.30

  • Stefan Sterzinger über die Existenz als Theatermusiker: "Ich fühlte mich musikalisch unterfordert und zeitlich überfordert."
    foto: beranek

    Stefan Sterzinger über die Existenz als Theatermusiker: "Ich fühlte mich musikalisch unterfordert und zeitlich überfordert."

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