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vergrößern 600x341Das Leben als Provisorium und Fragezeichen: Maria Georgiadou beeindruckt als Kunststudentin Elektra in "A.C.A.B. - All Cats Are Brilliant" von Constantina Voulgaris.
Wien/Thessaloniki - "Erbarme dich, mein Gott." Mit voller Hingabe singt der junge Mann die Arie aus Bachs Matthäuspassion. Hohlwangig und abgemagert trinkt er gierig das ihm angebotene Glas Wasser. In jeden einzelnen Ton legt er seine ganze Kraft, ohne jedoch die Bedeutung der Worte zu verstehen. Denn erst als ihm der Gesangslehrer die Zeilen ins Griechische übersetzt, weiß er, wofür er auf Deutsch um Hilfe gebeten hat. Doch umsonst: Trotz Lobes für seine Bemühungen wird er beim Vorsingen abgelehnt, bleibt weiterhin arbeitslos und damit für den Rest des Films hungrig.
Diese Szene aus Boy Eating the Bird's Food, dem Debütfilm des griechischen Regisseurs Ektoras Ligizos, mag angesichts der Realpolitik, die seit Monaten das Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland bestimmt, manchem als vordergründig erscheinen. Denn weder spricht Gott Deutsch, noch präsentiert sich die griechische Situation derart dramatisch wie in diesem Film, der seinen von quälendem Hunger getriebenen Protagonisten durch die Straßen Athens verfolgt, bis dieser - nur noch im Besitz seines Kanarienvogels, mit dem er das letzte Futter teilt - in einem Abbruchhaus Unterschlupf findet.
Doch gerade aufgrund seiner ausgestellten Drastik steht dieser Film stellvertretend für die aktuelle Situation der griechischen Filmlandschaft, die wie der junge Sänger mittlerweile nahezu völlig ausgehungert ist. Erst vor kurzem zogen international erfolgreiche griechische Produktionen wie Attenberg von Athina Rachel Tsangari oder Alpis von Yorgos Lanthimos - jeweils auch in Österreich im Kino zu sehen - die Aufmerksamkeit und entsprechende Hoffnungen auf sich. Beide Filme zeigten interessanterweise eine Versuchsanordnung in Form von Rollenspielen: Hier zwei junge Frauen, die das Verhalten von Tieren, wie sie es aus Naturdokus kennen, nachspielen; dort eine Gruppe von Schauspielern, die gegen Bezahlung durch Hinterbliebene den Platz kürzlich Verstorbener einnehmen. Mithin eine Flucht in jeweils neue Rollen, die eine soziale Sicherheit suggerieren.
Dass aktuelle Filme wie Boy Eating the Bird's Food diese Orientierungslosigkeit des Einzelnen in einer Gesellschaft, deren Zusammenhalt auseinanderzubrechen droht, nicht mehr als Metapher, sondern unmissverständlich zum Ausdruck bringen, liegt auf der Hand. Beim Filmfestival von Thessaloniki sorgte dieser Umstand kürzlich immer wieder für Diskussionen. Denn wo verläuft die Grenze zwischen Sozialrealismus - mit zweckmäßig eingesetzten Archivbildern von Straßenschlachten und Propaganda?
In 11 Meetings with My Father von Nikos Kornilios, der aus Protest gegen die seiner Ansicht nach unzureichende Berücksichtigung der aktuellen Situation durch das Festival der Vorführung seines Films fernblieb und stattdessen ein kulturpolitisches Manifest verlesen ließ, tauchen Kundgebungen und Gewalt nur am Rande auf. Dennoch beschreibt dieser Film, in dem eine junge Frau zum ersten Mal nach zwanzig Jahren in Kontakt mit ihrem Vater tritt, treffend die Situation einer zwischen Fatalismus und Hoffnung schwankenden Generation.
Zu Beginn sieht man die Frau - auch sie Gesangsstudentin, was dem Film eine Händel-Arie als Leitmotiv beschert -, wie sie auf ihrem Fahrrad die trostlos verwaisten Industriegebiete Athens durchquert. Dort wohnt der Vater in einem Container an seinem Arbeitsplatz. Lohn hat er seit Monaten keinen bekommen. Die folgenden Begegnungen der beiden stehen im Zeichen einer Suche, die auf die allgemeine Situation verweist: eine Suche nicht nur nach Gemeinsamkeiten, sondern auch nach Auswegen aus der scheinbar eigenen Nutzlosigkeit.
Mit Generationskonflikten hat auch die Protagonistin in einem der interessantesten Filme des aktuellen griechischen Kinos zu kämpfen. A.C. A.B. - All Cats Are Brilliant von Constantina Voulgaris, der die Parole seines Titels lustvoll falsch ausbuchstabiert, folgt der Kunststudentin Elektra (großartig gespielt von Maria Georgiadou), deren Alltag vor allem davon bestimmt ist, wie weit es ihr - als Künstlerin, als Tochter aus linksliberalem Elternhaus und als Freundin eines Demonstranten - überhaupt noch möglich ist, das eigene Handeln zu bestimmen. Dabei ist es nicht die große Ohnmacht, gegen die Elektra ankämpft, sondern es sind die vielen neuen Unsicherheiten des Alltags, das diesen zu einem Provisorium werden lassen.
Das achtjährige Kind, das sie regelmäßig betreut, um sich ihr Leben zu finanzieren und mit dem sie die schönsten und glücklichsten Momente des Films teilt, ist nicht nur deshalb der bessere Freund als der erwachsene Revolutionär. (Michael Pekler, DER STANDARD, 27.12.2012)
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