Wahlloses Unglück

Kolumne26. Dezember 2012, 17:26
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Welche Delikatessen heuer zu wenig gewürdigt wurden

Rückblicke, Resümees und Rankings, wo man hinschaut - gegen den jahreszeitbedingten Reminiszenz-Overkill ist man als Medienkonsument nicht nur wehrlos, man wird auch davon angesteckt. In meinem Fall führt das zur Überlegung, welche Delikatessen heuer ungerechterweise zu wenig gewürdigt wurden und welche davon wohl die meiste Aufmerksamkeit verdient hätte.

Die schon inhaltlich wie das Dokument eines Borderlinesyndroms wirkende Presseaussendung der FPK über die Bedrohung Kurt Scheuchs durch einen Fotografen, deren 22 Zeilen elf Grammatik- und Rechtschreibfehler enthalten? Oder das Raiffeisen-Inserat, in dem der erstinstanzlich wegen " versuchter verbotener Intervention" zu einer bedingten Haftstrafe verurteilte René Benko meint: "Hier entsteht die Gewissheit, auch in bewegten Zeiten auf einen starken Partner bauen zu können."?

Nein, meine Wahl fällt auf ein Standard-Interview mit dem Universitätsprofessor Lothar Höbelt. Dieser erfreut sich unter Journalisten einer dem Wunsch nach Ausgewogenheit geschuldeten Gefragtheit, gilt er doch als "FPÖ-Intellektueller" - ein ungewöhnliches Rollenfach, vergleichbar mit "äthiopische Skibob-Legende" oder " salafistische Porno-Queen". Auf die Frage, ob er angesichts der erwiesenen Korruptheit Jörg Haiders von diesem enttäuscht sei, antwortet Höbelt: "Gar nicht. Das gehört zu so einer Figur dazu. Mit Mädchenpensionats-Allüren kommt man da nicht weit." Eine zumindest vom rechtsstaatlichen Standpunkt gesehen eigenwillige Ansicht, der er demokratiepolitische Überlegungen von ähnlicher Qualität folgen lässt: Die noch bis vor wenigen Jahren sehr hohe Wahlbeteiligung in Österreich " war Ausfluss eines ansatzweise totalitären Systems", woraus zu schließen sei: "Je unabhängiger und frei denkender die Menschen sind, desto weniger gehen sie zur Wahl."

Nun könnte man diese bizarre Idealisierung der Nichtwähler einzig als Diskussionsbeitrag zur Frage "Wer darf heutzutage an unseren Universitäten Geschichte unterrichten?" werten, doch in Zeiten, in denen sich erfolgreiche Skirennläufer oder esoterisch getrübte Kabarettisten öffentlich zum Nichtwählen bekennen, erscheinen ein paar prinzipielle Klärungen notwendig.

Nichtwählen heißt nicht, dass man keine Partei gut findet. Nichtwählen heißt, dass man alle Parteien exakt gleich gut findet. Wer das nicht tut, muss das auf dem Wahlzettel zum Ausdruck bringen. Als Protest gegen den Zustand der Demokratie ist Nichtwählen so sinnvoll wie die Veranstaltung eines Formel-1-Rennens aus Protest gegen die Klimaerwärmung. Nichtwähler, die mit ihrer Verweigerung die "Politik abstrafen wollen" erinnern an Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule gehen lassen, um damit dem Bildungssystem einen Denkzettel zu verpassen.

Tatsächlich ist so ein Verhalten "frei und unabhängig" -nämlich von Verantwortung und Vernunft. Das stört am wenigsten jene politischen Akteure, die den Ruf nach demokratischer Kontrolle als " Mädchenpensionats-Allüren" empfinden. Und deshalb möchte ich diese Rückschau auch ganz klassisch mit einem Ausblick beenden: Liebe Kärntner, Salzburger und Niederösterreicher, überlegt euch gut, ob ihr demnächst nicht doch lieber was ändern wollt. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 27.12.2012)

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