Türken auf dem "Organik"-Trip

26. Dezember 2012, 17:37
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Ein halbes Dutzend Öko-Wochenmärkte gibt es inzwischen in Istanbul. Mit wachsendem Gesundheitsbewusstsein suchen die Städter nach besserem Obst und Gemüse. Die ökologische Landwirtschaft kommt gut voran.

Er nennt es seine "blöde Idee" und scheint doch ziemlich zufrieden damit. Ahmet Tuglu war einmal ein Architekt, bis ihm dieser Einfall kam mit dem besseren Leben. "Wir haben mit Algentabletten angefangen", erzählt der Marktmann und lacht: "Nicht organisch, aber doch irgendwie gesund." Dann haben sich die Tuglus auf Obst und Gemüse verlegt.

"Mis gibi Organlik" heißt ihr Laden. Übersetzt heißt das so viel wie "Der Duft des Organischen". Mit dem ziehen Ahmet und seine Frau Nadire durch die Ökomärkte von Istanbul. "Ich habe großes Vertrauen in die beiden", sagt eine Stammkundin der Tuglus, eine Ärztin, und probiert sich durch Ahmets neue Lieferung an Hurma durch, Kaki-Früchten (oder: Persimmon, Sharon) aus Izmir. Auch keine blöde Idee.

Teurer, aber gesünder

Samstags ist draußen Markt, ein ordentlich großer türkischer Straßenmarkt mit scheinbar endlos Gemüse, Billigtextilien und frischen Pfannkuchen, alles in allem ein knapper Kilometer. Mittwochs aber ist er drinnen im Özgürk Parki, dem "Freiheitspark" im Viertel Göztepe des Stadtteils Kadiköy, tief im Häusermeer auf der asiatischen Seite Istanbuls. Zwei Dutzend Stände stehen gleich nach dem Haupteingang. Die Kundschaft ist überschaubar und stabil: Kranke, Schwangere, Akademiker.

Jeder hat seine Lieblingsverkäufer und sagt im Grunde dasselbe: Obst und Gemüse riechen besser, schmecken besser, halten viel länger. Das Geldargument beim Wocheneinkauf auf dem Ökomarkt lassen sie auch nicht gelten. "40 Lira bei Bim, 60 Lira hier", sagt Dilek, eine Mutter dreier Kinder; macht umgerechnet um die acht Euro Unterschied. Bim ist eine türkische Billigmarktkette, und Dilek hat ihre Lebensgewohnheiten umgekrempelt. Nach der Geburt eines ihrer Kinder war ihr Brustkrebs diagnostiziert worden. "Ich rauche nicht, ich trinke nicht. Irgendetwas muss falsch sein, dachte ich."

Schlechte Noten für Gemüse aus Türkei

Greenpeace Deutschland veröffentlichte im März dieses Jahres einen Einkaufsratgeber. Obst und Gemüse aus der Türkei schnitten dabei besonders schlecht ab. Tafeltrauben enthielten laut Laboruntersuchungen im Durchschnitt Rückstände von nicht weniger als neun Pestiziden, in einem Fall waren es sogar 24. "Aus Vorsorgegründen nicht empfohlen" sind neben Trauben vor allem Paprika, Birnen und Grapefruits aus der Türkei; belastet sind im allgemeinen auch Feigen, Aprikosen, Granatäpfel, Kirschen, Melanzani, Tomaten und Zucchini.

Ökomärkte sind in Istanbul erst in den vergangenen Jahren aufgetaucht. 2007 öffnete der erste Wochenmarkt in Feriköy in Sisli, mittlerweile gibt es ein halbes Dutzend, darunter auch in Vierteln weit vom Zentrum wie im eher ärmlichen Zeytinburnu.

Die ökologische Landwirtschaft hat sich etabliert, der Transport aber ist das eigentliche Problem. Organische Birnen aus Nevsehir in der Mitte der Türkei, Zitrusfrüchte von der Ägais aus Izmir oder Kusalari, Gemüse und Oliven aus Çanakkale an den Dardanellen müssen erst einmal nach Istanbul kutschiert werden - im Kleinlaster und oft im Eigenbetrieb. Auf ein Kilo Mandarinen kommt eine Lira nur für den Transport, erklärt Ahmet Tuglu. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 27.12.2012)

  • Früher  Architekt,  jetzt Besitzer eines  Ökoladens  in Istanbul: Ahmet Toglu verkauft  biologisch  angebautes Obst und  Gemüse auch regelmäßig  auf dem  Wochenmarkt und ist  überzeugt,  Gutes zu tun.
    foto: standard/markus bernath

    Früher Architekt, jetzt Besitzer eines Ökoladens in Istanbul: Ahmet Toglu verkauft biologisch angebautes Obst und Gemüse auch regelmäßig auf dem Wochenmarkt und ist überzeugt, Gutes zu tun.

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