Mit "Hallo" auf die Möslalm

4. Oktober 2005, 11:13
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Konfliktmanagement zwischen Naturschutz und touristischer Nutzung im "Alpenpark Karwendel"

Noch geht es flott dahin. Die breiten Stollenreifen des Bergrades haften gut auf dem gewalzten Sand, Kettenblatt und Zahnkranz laufen in mittlerer Stellung, es geht leicht bergauf, durch kühlen Mischwald. Das ändert sich aber bald. Der Forstweg wird steiler, die Fahrrinnen tiefer und der schotterige Sand lockerer. Klick für Klick muss die Übersetzung reduziert werden, mit leichtem Klacken springt die Kette vorne auf das kleinster Blatt, und bald danach hinten auf das größte Ritzel.

Jetzt sind alle Reserven erschöpft, es gilt, gleichmäßig und nicht zu schnell zu treten, sonst dreht das Hinterrad des Mountainbikes unweigerlich durch. Der Weg liegt jetzt in der prallen Julisonne, der Schweiß rinnt über die Augen, der Blick ist fest auf jede Unebenheit des Bodens gerichtet und hat wenig übrig für die Schmetterlinge, Bergblumen und Walderdbeeren am Wegrand und noch weniger für den tief unten über die Felsen donnernden Wildbach.

Aber ewig kann's nicht so steil bergauf gehen, der Talboden weitet sich, und inmitten von weidenden Kuhherden liegt die Möslalm - mit Graukäse und Buttermilch oder einem verdienten Bier. Mountainbiken im Karwendelgebirge zwischen Tirol und Bayern ist eine Mischung aus körperlicher Herausforderung bis nahe an die Masochismusgrenze bei manchen Anstiegen, Adrenalin fördernden Abfahrten und Landschaftserlebnissen in weiten Hochkaren mit Steinböcken und Adlern, entlang junger Bäche und durch die einzigen Bergahornböden der Alpen.

Das Karwendel ist mit 920 Quadratkilometern (730 in Tirol, 190 in Bayern) eines der größten Schutzgebiete in den Ostalpen. Gegliedert in mehrere west-ost-ge-richtete Gebirgsketten und -täler liegt dieses Kalkgebirge zwischen Inntal und Isar im Süden und Norden und dem Seefelder Sattel und der Achenseefurche im Westen und Osten. Als die Bergregion 1988 unter Schutz gestellt wurde, hatte die Bergbahnindustrie längst Pläne für eine flächendeckende Erschließung mit Seilbahnen und Sesselliften in der Schublade liegen.

Es galt, das Ärgste zu verhindern, um den Preis, Kompromisse einzugehen. So besteht der "Alpenpark Karwendel" - so der griffige Dachname - aus insgesamt elf Schutzgebieten mit unterschiedlichen Auflagen. Um die eigentliche Naturschutzzone, das Herzstück der Region, gruppieren sich so genannte Landschaftsschutzgebiete, in denen die traditionelle Alm- und Forstwirtschaft betrieben wird, und mehrere "Ruhegebiete", in denen lediglich die Errichtung von Seilbahnen und Liften sowie Landungen und Abflüge von Helikoptern verboten sind.

Die Touristiker blieben skeptisch. Sie fürchteten, dass hier eine Region unter die Käseglocke gestellt würde. Bis heute wehren sich die Wirte in der "Eng" westlich von Hinterriß erfolgreich dagegen, dass die Straße zum Großen Ahornboden für den Individualverkehr gesperrt wird. Bis zu 3000 Pkw verstellen an Sommerwochenenden den Talschluss. Für die Umweltschutzbehörden und die alpinen Vereine, die die Entwicklung des Alpenparks begleiten, geht es daher um viel Konfliktmanagement.

Infozentralen an den Eingängen ins Schutzgebiet sollen die Besucher sensibilisieren und zu gegenseitiger Rücksichtnahme auffordern. Dies gilt besonders für das nicht überall konfliktfreie Nebeneinander von Wanderern und Mountainbikern. Wandern ist aufgrund des "Wegerechts" auch in der Naturschutzkernzone erlaubt, Mountainbiker dürfen dagegen nur freigegebene Forst- und Almwege benutzen. Die Freigabe solcher Wege erfolgt mit vertraglicher Einwilligung der Wegebetreiber; diese erhalten eine jährliche Entschädigung pro Wegmeter, für die Gemeinden, Tourismusverbände und das Land Tirol gemeinsam aufkommen.

Seit 1991 übertrifft im Karwendel die Zahl der Mountainbiker jene der Bergwanderer. Viele Gipfelstürmer benützen das Bergrad, um die langen Hüttenanstiege zu verkürzen. Der Österreichische Alpenverein hat sich durch die Unterstützung wissenschaftlicher Studien über die Probleme des Mountainbikens, die eher sozialer und juristischer als ökologischer Natur zu sein scheinen, dieser Entwicklung angenommen.

Eine Art Ehrenkodex für Wanderer wie Biker wurde erstellt. So sollten beide nicht die ganze Breite eines Wegs beanspruchen, Biker sollten vor der Begegnung mit Wanderern abbremsen, und ein "Hallo" hat noch nie geschadet. Auf dem Weg von Scharnitz zur Möslalm oder der Abfahrt von der Fereinalm nach Mittenwald scheint die Kooperation zwischen Wanderern, Bikern und gelegentlichen landwirtschaftlichen Fahrzeugen jedenfalls besser zu funktionieren als die zwischen Fußgehern, Radlern und Autofahrern im Wiener Stadtverkehr.

Und bei allen Kompromissen und Unvollkommenheiten, die den "Alpenpark" kennzeichnen, betonen Tiroler und bayerische Raumplaner doch immer wieder, dass die Unterschutzstellung des Karwendels im Jahr 1988 ein Glücksfall war: geboren aus einem politischen Verantwortungsbewusstsein, das heute längst schon wieder nicht mehr existiert. (Der Standard/rondo/11/7/2003)

Tipps, Literatur und Karten:
Demmel, Robert: Karwendel. Die schönsten Tal- und Höhenwanderungen. Rother Wanderführer. Bergverlag Rother, München, 4. Auflage 2001.
Wander-, Rad- und Skitourenkarte "Karwendel. Mittenwald". 1:50.000. Verlag Freytag & Berndt, Wien.
Mountainbike-Karte Tirol Mitte - Westliches Unterland. 1:75.000. Herausgegeben vom Land Tirol.
Neben Bergwandern und Mountainbiken ist der Gebirgszug ein Eldorado für Alpinklettern (z.B. Grubreisen, Lalidererwände) und Klettern (z.B. Martinswand, Nordkettensteig ob Innsbruck), Kajakfahren (Isar, Wildwasser II-III, Rißbach, WW II-VI), Gleitschirmfliegen (der ÖAV informiert über Startplätze und Flugrichtungen, bei denen Wildtiere nicht gestört werden). Informationen: Tourismusverband Innsbruck-Igls: Tel.: 0512 / 59850-0,
www.innsbruck-tourismus.com
Fremdenverkehrsverband Pertisau am Achensee: Tel.: 05243 / 43070, www.achensee.com
Tourismusverband Seefeld/Tirol: 05212 / 2313, www.seefeld-tirol.com
Geführte Veranstaltungen: "GLOBETREK", die Bergsteigerschule des ÖAV, bietet die achttägige "Tirol Vital Route" für Mountainbiker vom Allgäu bis Kitzbühel an, deren Höhepunkt durch das Karwendel führt. Individuelle Tages- oder Wochenend-MTB-Touren werden ab fünf Teilnehmern arrangiert.
Anfragen und Buchungen: Tel. 0512 / 69547-34,
Fax: 0512 / 575528, www.globetrek.at 
globetrek@alpenverein.at

Serie: Berg- und talwärts Von Horst Christoph
  • Artikelbild
    foto: www.seefeld.at
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