Christen in Nahost: Angst vor einer ungewissen Zukunft

25. Dezember 2012, 09:00
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Für viele Christen gibt es auch 2012 keine friedliche Weihnachten. Vor allem in Syrien ist die Angst vor dem, was noch kommen kann, groß

Beirut/Damaskus/Kairo - Weihnachten in Damaskus ist normalerweise ein Erlebnis für sich: Die Stimmung ist ausgelassen, Straßen und Gassen der Hauptstadt sind mit bunt-grellen Laternen und Weihnachtsschmuck geschmückt, die Läden der Altstadt sind mit Weihnachtsdekoration gefüllt - nicht nur in den christlichen Vierteln. Doch nach 2011 fehlt auch 2012 die festliche Beleuchtung und weihnachtliche Stimmung in Syriens Städten. Bereits das zweite Jahr in Folge haben christliche Geistliche im Land dazu aufgerufen, aus Respekt vor den Toten im syrischen Konflikt auf Weihnachtsdekoration und öffentliche Feiern zu verzichten. Erst am Wochenende forderte ein Luftangriff der syrischen Armee in der Provinz Hama dutzende Tote.

Neben Respekt dürfte auch Angst eine große Rolle spielen. Das Land gleitet immer tiefer in den Bürgerkrieg ab, der je länger er dauert, immer stärker von konfessioneller Gewalt - auch gegen Christen - geprägt ist. Die Mehrheit der Syrer ist sunnitischen Glaubens. Doch die aus der schiitischen Glaubensrichtung des Islam hervorgegangene Gemeinschaft der Alawiten sitzt an den Schalthebeln der Macht. Alawitische Milizen, die in sunnitischen Vierteln regelrechte Massaker anrichten, gehören mittlerweile ebenso zum Kriegsalltag, wie sunnitische Extremisten, die Jagd auf alawitische Minderheit machen. Eine Überprüfung all der gegenseitigen Vorwürfe und Berichte ist aufgrund der Kriegswirren meist nicht möglich.

Gespalten

Klar ist nur, dass mit dem Andauern des Bürgerkriegs in dem überwiegend muslimischen Land die Unruhe unter den Christen wächst. Zu frisch sind bei vielen die Erzählungen der christliche Flüchtlinge aus dem Irak, die die christlichen Vierteln der großen syrischen Metropolen jahrelang überfüllten. Sie erzählten von den Schrecken des Krieges, den täglichen Anschlägen und der konfessionellen Gewalt im Zweistromland. Nun hat sie der Krieg eingeholt: Viele der damals nach Syrien geflohenen Iraker sind erneut weitergezogen - in den Libanon, die Türkei oder Europa. Auch viele syrische Christen, die Schätzungen zufolge zwischen fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen (Syrien war bis ins 7. Jahrhundert mehrheitlich christlich), haben ihr Land aus Angst vor Gewalt und Zerstörung verlassen.

Dabei ist die christliche Minderheit ist gespalten. Einige Christen und vor allem auch führende Geistliche unterstützen das Regime von Präsident Bashar al-Assad. Sie versprachen sich davon entweder persönliche Vorteile oder setzten auf Assad als Garanten für den Fortbestand des säkularen Staates. Sie befürchten, dass die Rebellen einen islamischen Staat errichten wollen, in dem sie selbst weitgehend rechtlos wären. Allerdings finden sich auch in den Reihen der Regimegegner Christen, zum Beispiel der Vorsitzende des Syrischen Nationalrates (SNC).

Dabei ist Syrien bei weitem nicht das einzige Land im Nahen und Mittleren Osten, in dem Christen in eine ungewisse Zukunft blicken:

Afghanistan

Die Regierung bekennt sich zwar zur Religionsfreiheit. Die Realität sieht aber aus Kirchensicht düster aus: Es gebe keine öffentliche Kirche mehr, so "Open Doors". Die Taliban hätten 2011 "allen Christen im Land den Vernichtungskampf angesagt". Besondere Angst müssten christliche Entwicklungshelfer haben.

Ägypten

Etwa zehn Prozent der Ägypter sind Christen, die meisten sind Kopten. Seit dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak 2011 klagen sie über wachsende Diskriminierung. Zugenommen haben auch die Prozesse gegen Christen, die angeblich den Islam beleidigt haben. "Kirche in Not" berichtet vom Exodus Zehntausender Christen, die seit 2011 einen christenfeindlichen Staatsislamismus fürchten. Der CDU-Politiker Volker Kauder meint, dass sich in Ägypten, "die Lage der Christen gerade rapide verschlechtert".

Pakistan

Christen beklagen den Missbrauch des Blasphemie-Gesetzes. Es verbietet zwar die Beleidigung jeder Religion, wird aber meist bei "Verächtlichmachung des Islam" angewandt. Das Gesetz lässt sich gegen Gegner oder Konkurrenten nutzen, oft Angehörige von Minderheiten. Christen stellen zwar nur 1,6 Prozent der Bevölkerung, sind aber fast in 13 Prozent der Anklagen betroffen. Wer den Gesetzesmissbrauch bemängelt, muss die Islamisten fürchten: Minderheitenminister Shahbaz Bhatti, ein Christ, wurde 2011 wegen seiner Kritik ermordet.

Iran

Die Regierung betont die Religionsfreiheit und verweist auf die christlichen Armenier im Land, die offiziell die Mehrheit der über 110.000 Christen stellen. Sie haben Kirchen, halten Gottesdienste und dürfen sogar, privat oder in ihren Gemeinden, Alkohol trinken und Schweinefleisch essen. "Open Doors" zufolge gibt es im Iran aber etwa 450.000 Christen, die unter enormem Druck stehen. Der Grund sei, dass viele Schiiten zum Christentum konvertiert seien. Die Behörden verhafteten oft Christen mit der Begründung, sie würden missionieren, was im Iran verboten ist.

Irak

Drei Viertel der früher 1,5 Millionen Christen haben nach Kirchenangaben seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 das Land verlassen. Andere sprechen von 250.000 christlichen Auswanderern. Christen stehen besonders im Visier islamistischer Terroristen, sie werden laut "Open Doors" bedroht, beraubt, vergewaltigt oder entführt, Kirchen immer wieder angegriffen.

Saudi-Arabien

Nach Angaben christlicher Gruppen gibt es in dem streng islamischen Staat keinerlei Religionsfreiheit. Dennoch habe die Zahl der Christen zugenommen, so "Open Doors". Christen müssten ihren Glauben geheim halten, sonst drohe die Todesstrafe. Kirchen sind nicht erlaubt. Laut Amnesty International kann schon der Besitz einer Bibel etwa für Gastarbeiter aus den katholischen Philippinen zu Haftstrafen und Peitschenhieben führen.

Türkei

Die kleine christliche Minderheit beklagt den Mangel an Religionsfreiheit, wenn es um den Bau von Kirchen oder Erhalt der eigenen religiösen Kultur geht. Eine Serie von Anschlägen auf Priester und Missionare hat die türkischen Christen vor einigen Jahren verunsichert. Immer noch wird Stimmungsmache und Hetzpropaganda türkischer Nationalisten beklagt. (red/APA, derStandard.at, 25.12.2012)

  • Eine Nonne in der Ortschaft Sednaya, nordöstlich von Damaskus, wo sich eines der ältesten Klöster des Christentums befindet.

    Eine Nonne in der Ortschaft Sednaya, nordöstlich von Damaskus, wo sich eines der ältesten Klöster des Christentums befindet.

  • Umm al-Zinar in Homs: Die Jahrhunderte alte Kirche wurde durch Granattreffer schwer beschädigt.
    foto: adasa shab homs

    Umm al-Zinar in Homs: Die Jahrhunderte alte Kirche wurde durch Granattreffer schwer beschädigt.

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