Kosmetische Eingriffe für ein neues Leben

23. Dezember 2012, 19:45
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Die Linguistin und Filmemacherin Bernadette Wegenstein erforscht Schönheits-OPs

Von einem Ort zum anderen zu ziehen ist Bernadette Wegenstein nie schwer gefallen. Schon als Kind pendelte sie mit ihren Eltern zwischen Österreich, der Schweiz und Italien und den dazugehörigen Sprachen hin und her. "Meine Identität war nie eine 100-prozentig eindeutige", sagt die gebürtige Wienerin.

Eine Sprachbegabung lag nahe: "Ich habe alle romanischen Sprachen zumindest ansatzweise gelernt, dazu russisch, kurz arabisch. Dann kam noch Matako, das im südamerikanischen Regenwald gesprochen wird, und Baskisch dazu", zählt Wegenstein auf. Während des Romanistik- und Linguistik-Studiums an der Uni Wien zog es sie nach Bologna, wo sie bei Umberto Eco lernte, und nach Paris. Als Post-Doc ging sie an die Stanford-Universität, um vergleichende Literaturwissenschaften und Film zu studieren - und ist seitdem in den USA verankert. Seit 2006 forscht und lehrt die 43-Jährige an der renommierten Johns Hopkins Universität in Baltimore, wo sie das "Center for Advanced Media Studies" leitet.

Vorige Woche war sie wieder einmal in Wien zu Besuch: Für ihre jüngste Publikation zur Kulturgeschichte von kosmetischen Eingriffen (The Cosmetic Gaze: Body Modification and the Construction of Beauty, MIT Press 2012) wurde sie mit dem Junior Principal Investigators Award des Ascina-Netzwerkes ausgezeichnet. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis der Vereinigung österreichischer Forscher in Nordamerika wird alle zwei Jahre vom Wissenschaftsministerium vergeben.

In ihrer Arbeit beschäftigt sich Wegenstein mit den kosmetischen Idealen vom 18. Jahrhundert bis zu Makeover-TV-Shows, die Schönheits-OPs begleiten. "Das Bedürfnis nach körperlicher Veränderung ist nichts Neues" , betont sie. Vielmehr gehe es seit jeher darum, mit einer "Neuordnung" die äußerlichen Körpermerkmale an die innere Disposition anzupassen. " Der Mensch strebt danach schön zu sein, weil er gut sein will", fasst Wegenstein zusammen. "Das ist auch in den TV- Shows so: Die Frauen, die da mitmachen, wollen ihr Leben umkrempeln." Der kommerzialisierten Schönheits- und Verbesserungswahn unserer Zeit diene allerdings vor allem dazu, den "Marktwert" der Frauen zu steigern: Botox vermittelt Fitness und Arbeitsfähigkeit, und allein schon blondes Haar und kräftige Wimpern signalisieren Reproduktionsfähigkeit und ewige Jugend.

In ihrem neuesten Projekt namens The Cure dreht sie einen Dokumentarfilm über Frauen mit Brustkrebs und deren Umgang mit Amputationen und plastischer Chirurgie. "Die Recherche hat gezeigt, dass die Krankheit auch als Chance genutzt wird, um eine bessere Frau zu werden", schildert Wegenstein, die bereits eine Doku über die US-TV-Show The Swan und See you soon again über den Holocaustüberlebenden Leo Bretholz gemacht hat.

Körper und Krankheit - das Thema hat Wegenstein schon seit ihrer Dissertation gefesselt, in der sie Aids-Kampagnen und den Diskurs, der weit über die Krankheit hinausging, analysierte. Selbst sieht sie sich als "Glückskind". Ihr Mann ist ebenfalls an der Johns Hopkins University tätig, gemeinsam haben sie drei Kinder.

Mit ihrer Familie tingelt Wegenstein nach wie vor gern zwischen den Kontinenten. Demnächst wird sie samt Anhang ein Jahr Sabbatical in Wien einlegen. An den Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere erinnert auch der Name ihrer Tochter Charlotte: "Ich habe sie nach dem Charlotte Bühler-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF benannt", erzählt Wegenstein. "Damit konnte ich in Stanford die Grundlage für mein erstes Buch schaffen." (Karin Krichmayr, DER STANDARD, 24.12.2012)

  • Bernadette Wegenstein forscht seit Jahren in den 
USA.
    foto: privat
    Bernadette Wegenstein forscht seit Jahren in den USA.
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