Der Weihnachtsmann muss ein Tollpatsch sein

23. Dezember 2012, 19:46
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Pianist Fazil Say mit Mozart, den Wiener Symphonikern und Dirigentin Simone Young

Wien - Der Applaus war wohl (auch) als demonstratives Zeichen der Unterstützung gemeint, zumal gegen Fazil Say derzeit in seiner Heimat ein Gerichtsverfahren wegen "Herabwürdigung religiöser Werte" angestrengt wird, das im Februar fortgesetzt werden soll.

Dass zu der breiten Unterstützung, die der türkische Pianist seither in seinem Land und international erfahren hat, auch ein Händedruck mit dem Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny sowie eine offizielle Solidaritätsadresse der Wiener Symphoniker hinzugekommen sind, hat die Aufmerksamkeit auch in Wien auf den "Fall Say" gelenkt und womöglich noch ein paar Menschen mehr dazu bewogen, zu seinem Auftritt an einem nicht gerade quotenträchtigen Termin drei Tage vor Heiligabend in den Musikverein zu gehen.

Wie in Trance tigerte sich Say durch Mozarts A-Dur-Klavierkonzert KV 488 und machte seinem Ruf eines, nun ja, eher eigensinnigen Interpreten alle Ehre. Willkürliche Akzente, dynamische Extreme, plötzlich abgehacktes, dann wieder seidig verklärtes Spiel: All dies wirkt bei ihm wie immer zwar etwas wahllos, aber nie uninspiriert.

Auch seinem lustvollen Zugaben-Spiel mit Mozarts Variationen Ah, vous dirai-je maman, nach deren Thema man die letzten Tage wie alle Jahre wieder Morgen kommt der Weihnachtsmann gesungen hat, gab Say ein grotesk überzeichnetes Gepräge, als wolle er einen tollpatschigen Charakter in launisch wechselnden Stimmungslagen persiflieren.

Unter der energischen, aber stets auch elastischen Leitung von Simone Young fanden die Symphoniker bei Mozart, eher groß besetzt, zu einem ähnlich dicklichen Tonfall, blieben aber auch in der Gestik ein wenig zu behäbig.

Bei der Erstfassung von Bruckners Dritter liefen sie dann zu Hochform und fast störungsfreier Klangfülle auf, während Young die formal vom Komponisten nicht immer ganz bewältigten Schroffheiten dieser "Wagner-Symphonie" demonstrierte.

Somit stand der Abend insgesamt unter dem Zeichen eines entschiedenen Nonkonformismus, den die Hüter konservativer Institutionen und traditionalistische Hardliner schon immer als Bedrohung empfunden haben.  (Daniel Ender, DER STANDARD, 24./25./26.12.2012)

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    Pianist Fazil Say, der in einem türkischen Gerichtsverfahren mit Haft bedroht ist, gab im Musikverein humoristisch überzeichneten Mozart.

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