"Life of Pi": Ein Ozean als Bluebox für die Fantasie

23. Dezember 2012, 19:19
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Ang Lee hat aus Yann Martels Roman "Life of Pi" eine kitschige Wunderkammer des Kinos gebaut: In spektakulären 3-D-Bildern entwirft er eine Parabel übers Geschichtenerzählen

Wien - Eine Geschichte, die einem den Glauben an Gott geben wird, hört man nicht jeden Tag. Piscine Molitor Patel, der nach einem Pariser Schwimmbad benannte Protagonist aus Ang Lees Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger verhält sich ein wenig so wie der Philosoph Blaise Pascal mit seiner berühmten Wette über die Existenz Gottes. Pascal argumentierte, es sei in jedem Fall besser, an Gott zu glauben, weil man damit am Ende des Tages weniger zu verlieren habe.

Piscine hat zwei Geschichten parat, in denen er seinem Zuhörer (in einer Rahmenhandlung des Films) von seinem erstaunlichen Überleben auf hoher See berichtet: Die eine handelt von ihm und einem Tiger namens Richard Parker, mit dem er 227 Tage in einem kleinen Rettungsboot im Pazifik verbrachte (die anderen Passagiere, ein Orang-Utan, eine Hyäne und ein Zebra, werden zum Opfer ihres niedrigeren Ranges in der Nahrungskette); die zweite Variante erzählt von Menschen, die in Extremsituationen zu allem fähig sind. Wenn man beide Geschichten kennt, werden die allermeisten Menschen die erstere vorziehen - jene, in der das Unwahrscheinliche sich mit Edlem eint.

Der 1954 in Taiwan geborene Filmemacher Ang Lee hat im Lauf seiner Karriere immer wieder auch selbst gezeigt, dass er eine gute Hand für Geschichten hat. Mit der Verfilmung von Yann Martels Bestseller hat sich Lee nun wieder auf ein neues Wagnis eingelassen, handelt es sich doch um einen Roman, dessen Fantastik nur mit Computeranimationen realisierbar ist. "Drehe niemals mit Kindern, Tieren und Gewässern", sagte der sonst gern tief stapelnde Regisseur bei der Premiere des Films beim New York Filmfestival. "Ich habe mich an nichts davon gehalten."

Einen ersten Vorgeschmack, auf welch zwingende Weise er mit den Möglichkeiten der Technologie verfährt, gibt bereits die Eröffnungssequenz, in der die Tiere eines Zoos scheinbar ohne Käfige und Zäune alle dasselbe Terrain bevölkern - natürlich in 3-D. Life of Pi beginnt mit einem Intro in der südindischen Stadt Pondicherry, die den Zuschauer noch von der Attraktion der Odyssee im Meer fernhält. Der skurril-naive Tonfall, der den ersten Teil des Films charakterisiert, funktioniert wie eine Finte, da er erlaubt, viel Unwahrscheinliches in die Waagschale zu legen.

Pi (Ayush Tandon, später Suraj Sharma) wird aufgrund seines Vornamens - " Piscine" klingt wie "pissing" - von seinen Mitschülern gehänselt. Doch er erweist sich bereits früh als Überlebenskünstler: Er beschließt, seinen Namen in die mathematische Zahl Pi zu verändern, und wiederholt diese solange, bis ihn niemand mehr anders nennen will. Wer seine Geschichte durchsetzen will, muss hartnäckig bleiben.

Zur Kunst des Fabulierens kommt der eigentümliche Synkretismus des Helden. Pi, als Hindu geboren, entwickelt einen besonderen Hunger nach Weltreligionen, sodass er am Christentum genauso wie am Islam Gefallen findet - es gibt für ihn einfach viele Wege zu Gott. Die Aufgeschlossenheit lässt den Jungen auch furchtlos den Tieren gegenübertreten, die zum Zoo seines Vaters gehören. In Richard Parker, dem Tiger, sieht er zuerst die Seele, dann erst das Biest.

Globales Fairtrade-Kino

Der Film entspricht diesem Weltbild in ästhetischer Hinsicht durch seine Vermischung stilistischer Einflüsse. Das Indien mit französischem Kolonialanstrich wirkt wie ein imaginärer Ort, in dem die Familienszenen wie 3-D-Passepartouts arrangiert sind, nicht ohne Nostalgie für eine Zeit vor ethnisch-religiösen Zerwürfnissen. Life of Pi ist globales Kino mit Fairtrade-Gütesiegel. Seine Zuschauer wird der Film sicher nicht nur in einem spirituell ausgehungerten Westen finden, sondern auch in asiatischen Ländern.

Die eigentliche Prüfung steht Pi noch bevor. Wie viele Helden von Ang-Lee-Filmen steht er an einer Schwelle. Die Familie muss Indien verlassen, auf dem Weg ins gelobte Land, Amerika, sinkt der Ozeandampfer mitsamt den Zoo-Tieren wie ein Stein ins Meer. Spätestens an dieser Stelle kann Ang Lee sein großes Talent für das richtige Augenmaß beweisen. Die Katastrophe markiert den Übergang in einen visuell ungleich beeindruckenderen Film, der 3-D so inspiriert nutzt wie bisher wohl nur James Camerons Avatar.

Der Ozean wird zur Blue Box der Fantasie. Sie macht es möglich, das Dasein mit wilden Tieren auf engstem Terrain realistisch zu veranschaulichen - und das bedeutet hier zuallererst, den Tieren ihre Animalität zu belassen. Von den funkelnden Augen über grazile Bewegungen bis zur Beschaffenheit des Fells - stets hat man den Eindruck, es mit einem richtigen bengalischen Tiger zu tun zu haben. Das Tierische an Richard Parker setzt auch erst die Grenze fest, an der sich Pis Humanität, in Abgrenzung und Duldung eines anderen, bewähren muss.

Das Faszinierende an Überlebensdramen ist, dass es immer kleine, strategische Manöver sind, die im Vordergrund stehen. Wie klärt man auf Dauer die Platzverhältnisse im Boot? Wie beschafft man sich und dem Tiger Nahrung (zumal man sonst selbst an der Reihe wäre)? Wie hält man die Moral in einer solchen ausweglosen Situation aufrecht? Lee findet für diese "Robinson Crusoe"-Variante zur See eine Reihe von höchst bemerkenswerten Szenen, die das Überlebensdrama in einem größeren, kosmischen Ganzen verorten.

Die Verfärbungen des Himmels, die unterschiedlichen Witterungslagen, an die sich der Zustand des Wassers anpasst, der Sternenhimmel in der Nacht, der sich im Meer spiegelt - in Landschaftsbildern wie diesen hat Ang Lee schon immer einen Angelpunkt für das emotionale Gewicht seiner Filme gefunden.

In Life of Pi, dieser Metafiktion übers Geschichtenerzählen, kommt hinzu, dass der Freiheit der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. Einmal starren Pi und Parker wie hypnotisiert in die Tiefe des Ozeans, der sich wie ein Palimpsest zu immer anderen Formen und Gestalten öffnet, die den beiden auf ihrer Reise begegnet sind.

Der Film gleicht selbst einer solchen Wunderkammer, in der sich ein Widerhall von universell gültigen Konzepten von Liebe, Güte und Frömmigkeit findet. Sie bleiben alle ein bisschen zu vage, um einen nachhaltig zu beschäftigen. Am Ende ist es vielleicht doch nur eine Lüge, ein virtueller Schutzschild, der den harten Widersprüchen der Welt nicht lange standhalten wird. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 24./25./26.12.2012)  

  • 227 Tage lang am Pazifik, da geschehen schon wundersame Dinge: Der schiffbrüchige Pi (Suraj Sharma) mit leuchtenden Quallen in Ang Lees Literaturverfilmung "Life of Pi".
    foto: centfox

    227 Tage lang am Pazifik, da geschehen schon wundersame Dinge: Der schiffbrüchige Pi (Suraj Sharma) mit leuchtenden Quallen in Ang Lees Literaturverfilmung "Life of Pi".

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