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25. Dezember 2012, 07:55
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Auf dem Arbeitsmarkt der Balkanländer zählen Kontakte mehr als Leistung. In Mazedonien steigt die Chance auf einen Job im öffentlichen Dienst mit der Nähe zu den Regierungsparteien. Die Jugend emigriert

Skopje/Prag - Marko redet nicht gerne über seine Arbeit - oder vielmehr seine Arbeitslosigkeit - in der Öffentlichkeit. Er schlägt vor, das Gespräch zu Hause fortzusetzen. "Das hier ist ein Dorf", sagt er. "Wenn jemand herausfindet, dass ich mit Ihnen rede, werde ich nie eine Arbeit finden, und meine Schwester auch nicht." Auf dem kurzen Weg vom Restaurant zu seinem Haus lässt er sich Zeit, bleibt stehen, um vorbeigehende Nachbarn zu grüßen. Jeder scheint Marko hier zu kennen - aber Marko kennt nicht "die richtigen Leute".

Mit einem Abschluss in Wirtschaft und großen Hoffnungen auf einen Arbeitsplatz war er aus der Hauptstadt nach Hause zurückgekehrt. In der kleinen Stadt Berovo im gebirgigen Osten Mazedoniens verbringt er seine Zeit mit Freunden und übernimmt kleinere Aufträge - eine feste Anstellung hat er noch nicht gefunden. In den vergangenen fünf Jahren hat Marko nur vier Monate gearbeitet, für eine private Firma. Die Türen des öffentlichen Sektors - des größten Arbeitgebers der Region - bleiben für ihn verschlossen, sagt er.

Marko ist 25 Jahre alt, hat einen verhärmten Gesichtsausdruck und trägt eine etwas zu große Lederjacke. Er spricht nur unter der Bedingung, dass sein richtiger Name nicht genannt wird. Er erzählt, dass er schon bei mehr als zehn Vorstellungsgesprächen für Stellen in der Verwaltung war. " Sie fragten mich freiheraus: 'Kennen Sie jemanden von der Regierungspartei?'"

Frage des Überlebens

Berovo liegt am Ende einer Straße, die so holprig ist, dass sie die Fahrt von der Hauptstadt um eine unnötige Stunde verlängert und die Lebensdauer des Autos um einige Monate verkürzt. Der Sitz der Regierung in Skopje ist 180 Kilometer entfernt, dennoch ist die politische Treuepflicht hier sehr stark zu spüren - als eine Frage des beruflichen Überlebens.

"In letzter Zeit ist es wirklich hart zusehen zu müssen, wie exzellente junge Menschen ohne Beziehungen oder Parteimitgliedschaft versuchen, ihr Bestes zu geben", erzählt ein leitender Funktionär der albanischen Koalitionspartei DUI. Unter Zusicherung der Anonymität erklärt der Funktionär, er habe mehr als 3000 Kandidaten interviewt, die sich um eine Stelle im öffentlichen Dienst bewarben, für die eine Verbindung zu einer der zwei Regierungsparteien Voraussetzung ist. "Ich muss sie mir ansehen, wissend, dass kein einziger Job in der Regierung jenen zur Verfügung steht, die keine Empfehlung haben."

Die Nachfrage nach einer Anstellung in der öffentlichen Verwaltung ist inmitten der Wirtschaftskrise, die die Privatwirtschaft am härtesten getroffen hat, gestiegen. Gut ausgebildete junge Menschen, die sich vom Markt ausgesperrt fühlen, wollen in EU-Länder auswandern. Auf dem Balkan setzt ein "Brain Drain" ein, angetrieben von der Überzeugung, die besten Arbeitsplätze der Region seien jenen mit den besten Beziehungen vorbehalten.

"Der Staat ist nicht in der Lage, das Wirtschaftswachstum zu sichern, deshalb sind die einzig verfügbaren Stellen in der Verwaltung zu finden" , erklärt Mersel Biljali, Professor für Rechtswissenschaften an der FON-Universität in Skopje. "Und die am stärksten diskriminierte Gruppe- sind jene jungen Menschen, die keiner politischen Partei angehören."

Die größte Regierungspartei Mazedoniens, die VMRO-DPMNE, und ihr kleinerer Koalitionspartner DUI bestreiten entschieden, öffentliche Stellen zugunsten ihrer Parteigänger zu vergeben. Die Anschuldigung sei politisch motiviert, sagen sie und beharren darauf, dass die Regierung ihr Möglichstes tue, um in schwierigen Zeiten Arbeitsplätze zu fördern.

Marija (Name geändert), eine 26-jährige Frau, hatte Schwierigkeiten, nach ihrem Abschluss eine Arbeit zu finden. Sie hat auch keine Arbeitserfahrung. Aber sie verfügt über tadellose Parteireferenzen: Ihre Eltern und Großeltern unterstützten die VMRO-DPMNE.

2010 beschloss Marija, der lokalen Sektion der Partei beizutreten und wurde in deren Jugendorganisation aktiv. Sie ging regelmäßig zu Parteitreffen und unterstützte die Wahlkampfteams.

Diesen Sommer erfuhr sie, dass ihr Name auf der von der Partei erstellten Liste der Kandidaten steht, die für eine Stelle im Parlament infrage kommen. "Ich bin mir sicher, dass ich diesen Job bekomme", sagt sie. "Ich habe mich mit einigen wichtigen Leuten aus der Partei getroffen, und die haben mir diese Stelle versprochen."

Teuta Rexhepi, eine junge Akademikerin aus Marijas Nachbarschaft, erzählt, sie sei bereits seit mehr als drei Jahren auf der Suche nach einem Arbeitsplatz im öffentlichen Sektor - ohne Erfolg. Da sie der albanischen Volksgruppe angehört, war sie einmal in einem Bewerbungsgespräch gefragt worden, ob sie Mitglied der albanischen Partei DUI sei. "Ich sagte 'Nein'. Und er machte ein trauriges Gesicht, als ob er sagen wollte: 'Es tut mir so leid für Sie.'"

Unter der Bedingung der Anonymität äußert ein hoher Regierungsbeamter aus der DUI, dass Bewerber, die über keine guten Verbindungen zur Partei verfügten, wenig Chancen hätten, einen Arbeitsplatz zu bekommen: "Wir wissen schon vorher, welche Bewerber eingestellt werden." Seinen Schilderungen zufolge sind Eignungstests und Bewerbungsgespräche reine Formalitäten.

Die wilde, unberührte Stadt Berovo könnte ein Paradebeispiel für ländlichen Tourismus sein. Sie ist in ganz Mazedonien bekannt für den besten Käse und Honig. Die Arbeitslosenzahlen zählen jedoch zu den höchsten im ganzen Land. Ungefähr 67 Prozent der hiesigen Jugend - und 31 Prozent der insgesamt 13.000 Einwohner - sind laut offiziellen Zahlen arbeitslos. "Arbeitsplätze findet man nur im staatlichen Bereich", sagt Marko. "Es gibt keinen privaten Sektor. Nur ein paar Hotels und einige wenige Touristen."

Wundersame Jobvermehrung

Während die Geschäfte in der Privatwirtschaft stagnieren, wächst der öffentliche Sektor Mazedoniens. Wurden 2009 rund 115.000 Menschen im öffentlichen Dienst beschäftigt, waren es 2012 bereits 165.000. Diese Zahlen stammen aus Berichten der Regierung an die Europäische Kommission. Sie enthalten keine Angaben über befristete Arbeitsverträge im öffentlichen Dienst, deren Zahl sich auf geschätzte 30.000 beläuft.

Während Regierungen in ganz Europa Staatsausgaben drastisch kürzen, um die Krise in den Griff zu bekommen, hat der mazedonische Staat seine Lohnkosten erhöht. Offiziellen Statistiken zufolge beschäftigt der Staat 645.000 Menschen. Das bedeutet, dass zumindest jeder vierte Lohnempfänger Mazedoniens sein Gehalt aus öffentlichen Mitteln bezieht.

Viele sind der Meinung, dass der Staat nur Unterstützer der Regierungsparteien anstellt. Arbeitsplätze in der Verwaltung gelten als Belohnung für politischen Aktivismus. Der Verdacht ist weit verbreitet, aber schwer zu beweisen. Es gibt keine zuverlässigen Studien über die politischen Zugehörigkeiten öffentlicher Angestellter. Auch geben Wahlergebnisse keine Hinweise auf das Wahlverhalten öffentlich Bediensteter.

Mazedonien ist seit 2005 EU-Beitrittskandidat, wartet jedoch noch immer auf einen fixen Beitrittstermin. Der jüngste Fortschrittsbericht der Europäischen Kommission lobt Mazedonien insgesamt für seinen Fortschritt in der Reformierung der öffentlichen Verwaltung. In dem Bericht heißt es jedoch auch, dass "weitere Anstrengungen erforderlich sind, um die Transparenz, Unabhängigkeit und Professionalität" des öffentlichen Dienstes sicherzustellen. Hervorgehoben wird die Notwendigkeit einer " leistungsorientierten Einstellungspolitik" und "ausgewogenen Vertretung" .

Für gut ausgebildete junge Menschen ist die Privatwirtschaft nicht wirklich eine Alternative. Arbeitsplätze sind rar, was zum Teil daran liegt, dass ausländische Investitionen stagnieren. Mittlerweile gibt es einen stetigen Strom qualifizierter Arbeitskräfte weg aus der Region. Mehrere von NGOs initiierte Studien bestätigen, dass die Jugend des Balkans nicht darauf wartet, dass ihre Länder in die EU aufgenommen werden. Sie stimmen stattdessen mit den Füßen ab und gehen in EU-Länder, um ihr Studium abzuschließen, bevor sie nach Jobs suchen, die es ihnen erlauben, dort zu bleiben.

Prager Diaspora

Prag ist ein beliebtes Ziel für viele junge Menschen aus der Region. Weit weg von ihrer Heimat haben sie eine kleine Diaspora rund um Bars und Restaurants geschaffen. "Die Menschen hier kümmern sich nicht darum, woher du kommst, es ist ihnen egal, wem du deine Stimme gibst", sagt Bojana Mickovska, ein mazedonischer Staatsbürger, der nun für eine IT-Firma in der tschechischen Hauptstadt arbeitet.

Borce Nikolovski verließ Mazedonien vor fünf Jahren als Student und arbeitet jetzt in Prag. "Soll ich zurück in meine Heimat gehen? Ich frage mich das oft", sagt er und nippt am Bier. "Dann fahre ich nach Skopje und sehe, wie mein Bruder verzweifelt einen Job sucht, und mein Dilemma ist gelöst." Teuta Rexhepi, die in Skopje keine Arbeit findet, sagt, sie plane ihrer Schwester nach Deutschland zu folgen. "Ich möchte nicht Teil dieser kranken Gesellschaft sein und um einen Job betteln, der mir 300 Euro im Monat einbringt." (Saska Cvetkovska, DER STANDARD, 24./25./26.12.2012)


Saska Cvetkovska hat als Journalistin für TV-Nachrichtensendungen in Mazedonien gearbeitet. Mit dem (hier stark gekürzten) Beitrag errang sie den zweiten Preis beim diesjährigen Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, einer Initiative der Erste Stiftung und der Robert-Bosch-Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network (Belgrad).

 

  • Artikelbild
    foto: saska cvetkovska
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