Koloraturreise ins Archiv des Unentdeckten

23. Dezember 2012, 19:04
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Cecilia Bartoli, auch Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele, wird im Februar 2013 im Theater an der Wien in Rossinis "Le Comte Ory" zu hören sein. Ein Gespräch mit der Vielbeschäftigten über ihre aktuelle CD-Produktion, den Vatikan und Salzburg

Wien - Zuletzt hatte sie quasi Mut zur Glatze. Auf dem Cover ihrer aktuellen CD Mission sieht man Cecilia Bartoli verkleidet als offensichtlich etwas aggressiven mit einem Kreuz drohenden, haarlosen Geistlichen. Sie mimt damit eine ihrer neuen Entdeckungen - den Komponisten Agostino Steffani (1654-1728), dessen Werk für die Italienerin eine veritable Überraschung war.

"Die Qualität dieser Musik ist sehr hoch: Als ich das Material zum ersten Mal zu Gesicht bekam, das man mir geschickt hatte, dachte ich zuerst, es sei Musik von Georg Friedrich Händel. Vom jungen Händel." Es habe sich aber auch das Leben von Steffani als interessant, weil "mysteriös herausgestellt, sodass es nahelag, daraus auch Literatur zu entwickeln". So habe sie schließlich auch Schriftstellerin Donna Leon mit der Figur, die sie am Cover darstellt, konfrontiert. "Und Donna schrieb tatsächlich ein Buch."

Die Veröffentlichung einer CD mit einem Buch (Titel: Himmlische Juwelen) zum selben Thema zu koppeln - das sei allerdings keine bewusste Marketingstrategie gewesen. "Warum soll man die Sachen nicht verbinden, wenn es sich logisch aufdrängt?", wehrt sich Bartoli. "Ich musste natürlich warten, bis Donnas Buch fertig war", aber Geduld muss sie bei ihren CDs, die zumeist einem speziellen Thema gewidmet sind, ohnedies aufbringen.

Ein recht dickes CD-Buch

Es gilt da, in Bibliotheken Material zu suchen und zu sichten. Also dauert es, bis ein Konzept für eine CD wirklich steht. Es zahlt sich aber aus: Diese Steffani-CD, Mission, hat nebst tollem Musikmaterial auch an die 160 Seiten Text und Bild im Angebot - das ist ein regelrechtes Buch geworden. "Eigentlich habe ich an dem Projekt vier Jahre lang gearbeitet, wobei mir Leute halfen, es ist natürlich immer Teamwork." Bartoli hätte noch andere Ideen. So vermutet sie, dass etwa im Vatikan noch unentdeckte Noten von Claudio Monteverdi schlummern.

"Ich glaube, dass da noch etwas ist, aber es ist nicht leicht, im Vatikan an das Material heranzukommen. Man braucht Beziehungen, Beziehungen, die ich noch nicht habe. Auch bei Steffani war es ähnlich. Es gibt sicher Dokumente, die noch nicht erforscht sind. Er starb ja in Frankfurt, die meisten Dokumente gingen zurück an den Vatikan. Ich wollte allerdings nicht warten, bis sich für mich die Vatikan-Türen öffnen. Da wäre die CD wohl noch immer nicht erschienen."

Komische Fragen des Vatikans

Mit dem Vatikan gab es für Bartoli schon ein anderes nicht so prickelndes Erlebnis. Es hätte da ein Konzert geben sollen, zu jener Zeit, als Johannes Paul II. regierte. Es kam jedoch nie dazu, man wollte von Frau Bartoli nämlich zuvor ihren Standpunkt zum Thema Abtreibung wissen. "Ich war überrascht. Erstens ist das eine sehr private Frage. Zweitens hatte sie nichts mit dem Konzert zu tun. Als ich dann keine Antwort gab, wurde das Konzert, das ja der Vatikan wollte, abgesagt."

Ist lange her. Mittlerweile hat Bartoli, von Salzburgs Intendant geholt, eine andere neue Aufgabe übernommen. Sie ist künstlerische Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele. Ihre Erfahrungen im ersten Jahr seien " fantastisch gewesen. Ich mochte diese Doppelrolle, sie war stimulierend" . Als Anna Netrebko wegen Krankheit absagen musste, wurde es natürlich kurzfristig ungemütlich: "Ich sagte zu Alexander Pereira: Es gibt nur zwei Möglichkeiten in dieser wirklich schwierigen Situation: Entweder er würde singen oder ich. Die Wahl war dann insofern leicht."

Bartoli sprang also bei ihrem eigenen Festival ein. "Ich verstand Anna, weil ich ja selbst Sängerin bin. Wenn man krank ist, kann man nicht singen. Als künstlerische Direktorin konnte ich natürlich nicht erfreut sein."

Da sie einst in Salzburg für Dirigent Herbert von Karajan sang, " empfinde ich diese Tätigkeit aber als echtes Privileg. Ich will mit dem Programm das Einmalige herstellen, das Unverwechselbare." Beim nächsten Festival (17. bis 20. Mai 2013) wird es also Bellinis Norma mit Originalklanginstrumenten geben. Natürlich mit Mezzosopranistin Bartoli in der Titelrolle. Wie lange will sie Leiterin in Salzburg bleiben? "Sie wollen mich für drei plus zwei Jahre, also fünf. Ich denke, ich werde das auch so lange machen. Ich bin jung genug, das zu schaffen. Ich habe auch die Energie und den Wunsch, dort schöne Sachen umzusetzen."

Bei Norma sind dann auch wieder die zwei Regisseure des Vorjahres am Werk, nämlich Moshe Leiser und Patrice Caurier: "Das funktioniert sehr kreativ. Einer der beiden ist mehr in die Bewegungen auf der Bühne involviert, während der andere von außen mit einer gewissen Distanz die Arbeit betrachten kann. Zwei zu haben ist ein Privileg."

Man muss sich übrigens nicht bis Pfingsten gedulden, um sie zu erleben. Am Theater an der Wien ist Bartoli bald (16. 2. 2013) in Rossinis Le Comte Ory zu hören.  (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 24./25./26.12.2012)

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    Cecilia Bartoli: "Ich glaube, es gibt noch Noten von Claudio Monteverdi im Vatikan. Um an sie heranzukommen, braucht es aber Beziehungen, Beziehungen, die ich noch nicht habe."

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