Für die Freiheit, ohne Netz und doppelten Boden

    23. Dezember 2012, 18:54
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    Claus Tuchscherer (57) kombinierte für die DDR und galt nach seinem Absprung als Staatsfeind. Als österreichischer Skispringer stand er unter Spionageverdacht. Heute ist der Sozialarbeiter ein unermüdlicher Mahner.

    Wien/Natters - Der 18. Februar 1978 hätte für Claus Tuchscherer ein großer Tag werden sollen, wohl auch ein Tag der Genugtuung. Der 23-Jährige galt bei der nordischen WM in Lahti, Finnland, nach bestechenden Trainingsleistungen als Mitanwärter auf Gold im Springen von der Normalschanze und also als gefährlicher Konkurrent der starken Athleten aus der Deutschen Demokratische Republik. Tuchscherer war insofern eine Bedrohung, als der Sachse zwei Jahre, nachdem er der DDR den Rücken gekehrt hatte, nicht nur für sich, sondern auch für Österreich sprang.

    Es kam nicht dazu, weil der als verräterischer Republikflüchtling Verunglimpfte im ersten Durchgang wegen eines Bindungsdefekts in der Luft eines Skis verlustig, nun ja, flog. Das Entsetzen der tausenden Zuseher am Salpausselkä-Bakken wandelte sich aber flott in Bewunderung. Tuchscherer setzte den Sprung gar, kam erst im Auslauf zu Sturz, erlitt eine Wirbelsäulenverkrümmung, kletterte aber zum zweiten Durchgang nochmals auf den Turm und sprang unfallfrei. Für seinen Mut wurde er von den Finnen enthusiastischer gefeiert als die Herren Matthias Buse und Henry Glaß, die für die DDR Gold und Silber geholt hatten.

    Nicht Sport, Politik

    "Ich wollte nichts beweisen, es war ein Gehorsamssprung, wichtig für die Psyche", sagt Claus Tuchscherer heute. "Die Bindung hatten wir davor mit einem Hammer hingebogen." Wie es zum ungewöhnlichen Defekt gekommen war, blieb ungeklärt. Tuchscherer schließt Sabotage nicht aus, seine Sprunglatten waren kurz unbeaufsichtigt gewesen. "Ich hatte so viel Selbstvertrauen, ich ging in den Wettkampf wie in ein Training. Und für die wäre mein Erfolg eine Katastrophe gewesen. 'Der Klassenfeind springt uns um die Ohren, wir machen hier doch nicht Sport, wir machen Politik!' Die wären degradiert worden."

    Mit "die" meint Tuchscherer weniger Buse oder Glaß, sondern die Sportfunktionäre jenes Staates, in dem sich Tuchscherer über Jahre durch Disziplinarmaßnahmen gegängelt, bevormundet gefühlt hatte - durch " militante Trainer und Bonzen, für deren Wohlergehen man ausgenutzt wurde" .

    Bei Claus Tuchscherer wurde das durch dessen Vater nach Kräften geförderte nordische Talent ausgenutzt. Gottfried Tuchscherer, erst kürzlich im Alter von mehr als 90 Jahren gestorben, baute daheim im Erzgebirge den SV Einheit Schönheide mit auf, frönte dem Fußball, vor allem aber dem nordischen Vierkampf aus Skisprung, Langlauf, Abfahrt und Riesentorlauf.

    Der jüngere seiner beiden Söhne, eben Claus, konzentrierte sich auf Skispringen und Langlaufen beim größeren Verein Dynamo Klingenthal und war bald gut genug, um bei den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck offiziell zur höheren Ehre des Arbeiter- und Bauernstaats zu kombinieren. Dies tat er mit Rang fünf zur Zufriedenheit, aber schon mit gereiftem Entschluss, fürderhin nicht mehr mitzuspielen. Auslöser war die 17-jährige Kellnerin Anna Steinbauer aus der Steiermark, die er am Rande eines Trainingskurses in Ramsau am Dachstein kennengelernt hatte. Sie fuhr mit dem Taxi beim DDR-Mannschaftsquartier vor, das der 21-jährige Sportler heimlich verlassen hatte. Das Paar ließ sich nach Bischofshofen chauffieren, tauchte zunächst unter.

    Nicht Politik, Liebe

    "Die Taxi-Rechnung war hoch", erinnert sich Tuchscherer. Noch höher war der persönliche Preis, den er und seine Familie zu zahlen hatten. Die wurde nämlich von den DDR-Behörden schwer unter Druck gesetzt. Vater Gottfried, der nicht in die Fluchtpläne eingeweiht gewesen war ("Ich habe es nur meinem Bruder Ralf gesagt") sollte seinen Sohn telefonisch zur Rückkehr bewegen. "Er ist am Telefon zweimal weinend zusammengebrochen, da war es genug." Claus Tuchscherer entschloss sich, noch einmal zurückzukehren, gegen freies Geleit, wohlwissend, was von diesem Versprechen zu halten ist. "Ich hätte in den Stasi-Knast kommen können, aber ich wollte die Situation klären, den Druck von meiner Familie nehmen." Und er wollte ihr seine Fluchthelferin als zukünftige Ehefrau vorstellen.

    Nicht aus politischen Gründen, aus Liebe wolle er nach Österreich, bot Tuchscherer einen für die DDR-Behörden gesichtswahrenden Grund zur Ausreise, die schließlich gewährt wurde - ein nahezu einmaliger Vorgang, der auch nur deshalb möglich war, weil Österreich als eines von wenigen Ländern die DDR-Staatsbürgerschaft anerkannte.

    Tuchscherer war der DDR entkommen, aber in Österreich nicht überall willkommen. Etwa im österreichischen Skiverband, wo gemutmaßt wurde, er solle nur Informationen über die Hintergründe des sogenannten ÖSV-Skisprungwunders unter Trainerguru Baldur Preiml sammeln. "Der ÖSV war ja auch ziemlich diktatorisch aufgebaut. Nur Preiml hat gesagt, dass der Spionagevorwurf gegen mich lächerlich ist."

    Tuchscherer durfte nicht offiziell mit dem Team um Stars wie Anton Innauer und Karl Schnabl mittrainieren, "aber Preiml hat es so eingerichtet, dass ich eben zufällig anwesend war". Auch die Startberechtigung für Österreich ist schon Ende 1976 gegeben, der Eintritt in Stams, um die Matura nachzuholen, bleibt dem Außenseiter Tuchscherer aber verwehrt. "Ich war ein Unbequemer." Nach Installierung von Paul Ganzenhuber als Cheftrainer, den Tuchscherer in besonders unangenehmer Erinnerung hat, wurde aus dem Unbequemen "ein Widerständler. 1986 haben sie mich dann endgültig rausgeschmissen."

    Mehr als einige Top-Ten-Plätze in den ersten Saisonen für Österreich stehen nicht zu Buche, als sich Tuchscherer, inzwischen schon Vater zweier Kinder und in Natters ob Innsbruck ansässig, eine neue Existenz aufzubauen hat. Er kann nicht die abgelegte Berufsreifeprüfung für Sport und Pädagogik zu einem Studium nützen, sondern musste über eine schon einige Jahre zuvor vom Sportamt Innsbruck gewährte Anstellung froh sein. Die Karriere als Beamter setzt er im Sozialamt Innsbruck fort, wo er seit fast drei Jahrzehnten im Parteienverkehr ist. "Man ist ständig emotional gefordert, weil man ausschließlich mit Menschen in Not konfrontiert ist. Es ist ermüdend."

    Nicht müde wird Tuchscherer, gegen die Verharmlosung, ja die Verklärung der 1990 untergegangenen DDR anzukämpfen. Vor allem das Nichterinnernwollen etlicher Ex-Sportler und -Funktionäre erzürnt den ehemaligen Fall für den "Zentralen Operativen Vorgang Sportverräter" des Ministeriums für Staatssicherheit.

    Bis 1989 wurden von der Stasi Informationen über Tuchscherer gesammelt, schon vor seiner Flucht wurde er von Teamkollegen bespitzelt. "Ich habe versucht, Diskussionen zu führen. Aber es hat gar niemand das Bedürfnis, dass die Wahrheit auf den Tisch kommt. Es gäbe ja die Möglichkeit der Entschuldigung, auch der persönlichen."

    Nicht schlafen, kämpfen

    Mehr als über das aktuelle Skispringen ("Physisch sind sie heute nicht besser als wir, aber die Auslese der Typen ist exakter, und das Material ist extrem entwickelt") denkt der inzwischen geschiedene Tuchscherer über die Herausforderungen für die Gesellschaft nach. "Demokratie ist etwas Relatives", sagt er. "Aber dafür, was wir an ihr haben, muss man kämpfen. Wenn die Leute schläfrig werden, dann wird es eng. Denn die Gier nach Macht steckt in den Menschen drinnen."

    Über Weihnachten ist Claus Tuchscherer übrigens daheim im Erzgebirge, bei seiner 87-jährigen Mutter Ruth. Er will abschalten - wenn's irgendwie geht. (Sigi Lützow, DER STANDARD 24.12.2012)

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