Hall: "Das Wissen, was wie viel kostet, fehlt"

Interview24. Dezember 2012, 08:15
233 Postings

Bei Licht zu sparen sei okay, bei der Raumwärme anzusetzen besser, sagt Wiener-Stadtwerke-Vorstand Marc Hall

Standard: In Deutschland und anderswo ertönt der Ruf, bei der Umsetzung der Energiewende vom Gas zu steigen - wegen erhöhter Gefahr von Blackouts. Zu Recht?

Hall: Bisher hat es geheißen, wenn die Kernkraft weg ist, gehen die Lichter aus. Wahr ist aber, dass seit Fukushima gar nichts passiert ist. Deutschland verfügt über ausreichend installierte Kapazität, auch wenn bis 2022 die restlichen Meiler schrittweise stillgelegt werden. Ein Nachteil ist, dass seit Fukushima die Kohle wieder Renaissance hat. 2011 und 2012 waren die stärksten Braunkohlejahre aller Zeiten. Unter Klimaschutz-Gesichtspunkten ist das alles andere als optimal.

Standard: In einer Gallup-Umfrage sagen 63 Prozent der Interviewten, dass sie mit dem Begriff Energiewende nichts anfangen können.

Hall:  Das ist ein Elitenthema. Es ist nicht so, dass sich jeder jeden Tag darüber den Kopf zerbricht. Zudem gibt es Begriffsverwirrung.

Standard: Inwiefern?

Hall:  Es war Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als erste von der Energiewende gesprochen hat, damals noch im Zusammenhang mit der Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke. Nach Fukushima gab es dann die Wende von der Wende. Im Wesentlichen haben wir es jetzt mit einer Stromerzeugungswende zu tun, die auf dem Ausstieg aus der Kernenergie und einem möglichst hohen Anteil an Erneuerbaren basiert. Beides haben wir in Österreich schon, wobei in die Kernenergie nie richtig eingestiegen wurde.

Standard: 65 Prozent sagen auch, dass sie Energiesparlampen haben, weil sie glauben, damit lasse sich am meisten Strom sparen. Haben Sie bessere Tipps bei der Hand?

Hall:  Viele glauben, Licht sei der große Energieverbraucher, ist es aber nicht. In Haushalten mit geringem Einkommen macht man mitunter die seltsamsten Entdeckungen. Da wird möglicherweise die Gasheizung gar nicht eingeschaltet, weil man sparen muss und es wird kurz mit Strom aufgewärmt - ein absoluter, auch teurer Fehler. Es fehlt das Wissen, was wie viel kostet.

Standard: Ist Energieberatung eine Holschuld für die Konsumenten oder eine Bringschuld für die Energieversorger?

Hall:  Wir sind laut EU-Richtlinie angehalten, gemeinsam mit den Kunden Energie einzusparen.

Standard: Gemäß Energieeffizienzgesetz müssen Sie künftig nachweisen, dass Sie ihren Bestandskunden jährlich um 1,5 Prozent weniger Energie liefern. Machbar - oder stellen Sie sich auf Strafzahlungen ein?

Hall: Wir gehen davon aus, dass uns das ohne Strafzahlungen gelingt. Effizienzsteigerungen sind möglich. Das beste Beispiel ist der VW Käfer. Der ist in meiner Jugend noch mit 16 Liter verbleitem Benzin gefahren. Jetzt fährt man mit vier Litern - ohne Komfort- und Sicherheitsverlust.

Standard: Ihr altes Geschäftsmodell, das auf Mehrverkauf basiert, können Sie kübeln?

Hall:  Nicht komplett. Wir werden noch lange Zeit Energie verkaufen, in zunehmendem Maß aber auch Energiedienstleistungen.

Standard: Wie wollen Sie die absehbaren Ausfälle kompensieren?

Hall:  Durch Beratung der Kunden, wie sie ihren Energieeinsatz optimieren können.

Standard: Die Beziehung zwischen Lieferant und Kunden wird enger?

Hall:  Das wird notwendig sein.

Standard: Wien Energie hat bilanzielle Vorsorgen für die Gaskraftwerke gemacht, in Summe 70 Millionen Euro. Kann es sein, dass 2013 noch etwas dazukommt?

Hall: Man kann das nie ausschließen. Aber es war doch ein relativ großer Wertberichtigungsschritt, den wir gesetzt haben, wo wir übrigens in guter Gesellschaft sind. Alle, die über Langfristverträge Gas aus Russland beziehen, haben das Problem, dass der Preis ölindexiert und damit hoch ist, der Strompreis aber vergleichsweise niedrig. Das kann sich aber auch wieder ändern.

Standard: Ihre Forderung nach einem Extraeuro zur wirtschaftlichen Rettung der Kraft-Wärme-Kopplung ist auf taube Ohren gestoßen?

Hall:  Diesen Eindruck habe ich nicht. Wenn man Energieeffizienz ernst nimmt, ist die Kraft-Wärme-Kopplung das Stärkste, was wir in der Richtung haben. Es macht einen Unterschied, ob ich ein Kraftwerk habe und die anfallende Wärme in die Donau leite, oder ob ich diese Wärme nutze, um einen wesentlichen Energiebedarf, nämlich die Raumwärme und das Warmwasser einer Stadt bereitzustellen. In Deutschland wird das hoch gefördert. Da können wir in Österreich nicht völlig rausfallen.

Standard: Haben Sie Signale, dass da was passiert?

Hall: Ich glaube, man hat das Problem erkannt.

Standard: Der Boden auf den Bernegger-Gründen in Oberösterreich ist jetzt auch schon gefroren. Wien Energie wollte dort im Herbst den Spatenstich für das Pumpspeicherkraftwerk Molln machen?

Hall: Das wird sich verzögern. Wir schauen uns das sehr genau an, prüfen auch noch die Möglichkeit, Partner hineinzunehmen.

Standard: Einige haben schon abgewunken.

Hall: Vieles ist zurzeit auf Halt. Auch Energie Baden-Württemberg und RWE haben ein Riesen- Pumpspeicherprojekt abgeblasen, das an der deutsch-schweizerischen Grenze hätte errichtet werden sollen. Alles spricht dafür, dass man sich Zeit nimmt. Das Projekt läuft uns nicht davon.

Standard: Ihre Präferenz ist aber, das Projekt mit einem Partner zu stemmen?

Hall: Das ist eine Frage der Risikostreuung. Bei dem Projekt geht es um rund 340 Millionen Euro. (Günther Strobl, 24.12.2012)

Marc Hall (54) ist seit 1. Juli 2012 Vorstandsdirektor der Wiener Stadtwerke Holding AG, zuständig für den Geschäftsbereich Energie. Hall war viele Jahre für die OMV tätig, bevor er nach Deutschland ging, wo er zuletzt Geschäftsführer der Bayerngas GmbH war. Hall ist verheiratet und Vater zweier Söhne.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Marc Hall: "Wir sind laut EU-Richtlinie angehalten, gemeinsam mit den Kunden Energie einzusparen."

Share if you care.