Doppelte Geburtstagsfeier in Bethlehem

Reportage24. Dezember 2012, 12:20
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Für die Bürgermeisterin von Bethlehem, eine katholische Palästinenserin, gibt es heuer zu Weihnachten einen zweiten Grund zum Feiern: die Aufwertung Palästinas in der Uno. Das Leben der Einwohner ist damit aber noch nicht besser geworden

"Dieses Jahr haben wir den größten und schönsten Weihnachtsbaum in der Geschichte unserer Stadt", verkündet Vera Baboun und sieht darin auch ein politisches Statement, denn "dieses Jahr feiern wir die Geburt unseres Herrn Jesus und die Geburtsurkunde unseres Nationalstaats". Ein politisches Statement und ein Grund zur Freude für die Bürger von Bethlehem ist es auch, dass sie erstmals unter einem weiblichen Stadtoberhaupt Weihnachten feiern.

Baboun, eine katholische Universitätslektorin für englische Literatur und verwitwete Mutter von fünf Kindern, ist erst im Oktober zur Bürgermeisterin gewählt worden. Die islamistische Hamas, die bis dahin im Gemeinderat dominant war, hatte die Kommunalwahlen im Westjordanland boykottiert. Aber in der Geburtsstadt Jesu ist der Bürgermeistersessel traditionell ohnehin für die Christen reserviert, auch wenn sie schon seit langem gegenüber den Muslimen in der Minderheit sind.

"Österreich, gut für Palästina"

Politisch war auch gleich der freundliche Taxilenker Mustafa Subeh geworden, als er hörte, dass er am Checkpoint einen österreichischen Journalisten aufgelesen hatte: "Ah, Österreich - Kurt Waldheim - der war gut für Palästina!" Vor der Tür zur Bürgermeisterkanzlei winkt fast in Lebensgröße der verstorbene Palästinenserpräsident Yassir Arafat von einem Foto, in dessen Hintergrund die goldene Kuppel des Jerusalemer Felsendoms hineinmontiert wurde. Aus dem Fenster kann man am anderen Ende des Krippenplatzes den 17 Meter hohen Weihnachtsbaum sehen, gespendet von der heimischen Unternehmerfamilie Canavati. Auf dem Poster, das um die Ecke an einer Außenwand des "Peace Center" hängt, steht: "Willkommen in Bethlehem - betet für die Freiheit Palästinas."

Pilger nicht an politischen Signalen interessiert

Laut Vera Baboun ist das auch dringend nötig, denn die Aufwertung zum UN-Beobachterstaat ("non-member observer state") habe zwar Hoffnungen erweckt, aber bisher in der Praxis das Leben erschwert: "Als Sanktion blockiert Israel unser Geld, und deshalb bekommen viele unserer Angestellten sogar zu Weihnachten ihr Monatsgehalt nicht." Für die politischen Signale und Reibereien scheinen sich die Touristen und Pilger indessen recht wenig zu interessieren. "Wir glauben wirklich, dass das der Ort ist, wo unser Herr Jesus Christus geboren wurde", strahlt Naomi Mkadule aus der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria, die mit ihrem Mann Abel, einem Pastor, soeben aus der Geburtskirche kommt. " Wir sind glücklich, hier zu sein, weil wir glauben, dass Weihnachten hier ist."

In den Tagen vor dem Fest sieht man vor allem Gruppen aus Russland, aus Afrika und aus Fernostländern wie Indonesien oder Nepal, dazu viele Philippininnen, die nicht eigentlich Touristinnen sind, sondern in Israel arbeiten - insgesamt also kein Publikum, das viel Geld in Bethlehem lässt. Die Europäer und die Amerikaner scheinen wegzubleiben, vielleicht eine Nachwirkung der kriegerischen Konfrontation um den Gazastreifen im November.

Rekordzahlen im Tourismus

Die optimistischen Angaben seiner Bürgermeisterin, wonach zu Weihnachten alle Hotels in Bethlehem ausgebucht seien, können Aladin Ali nicht trösten. "Die Wirklichkeit sehen Sie auf der Straße, nicht im Büro", sagt der 28-Jährige, der auf dem Altstadtmarkt einen Souvenirladen führt. "Sehen Sie alle diese Geschäftsleute, die vor ihren Geschäften auf Touristen warten."

Laut Eyal Karlin vom israelischen Tourismusministerium hat man in den zwölf Monaten bis zur Gaza-Operation "Rekordzahlen" verzeichnet, danach "haben wir Absagen von 15 bis 20 Prozent gehabt, jetzt versuchen wir das wieder aufzuholen, eine gemeinsame Anstrengung der Kirchen und des israelischen und palästinensischen Fremdenverkehrsgewerbes". Und, nein, es gebe da keine politisch motivierten Rivalitäten: "Unsere Politik ist, dass der Tourist das Heilige Land sieht, Bethlehem ist Teil des Heiligen Landes, wir hindern niemanden daran, dort hinzufahren."

Weniger Abwanderung

Ein Ergebnis der relativen Ruhe im Westjordanland ist, dass die Abwanderung, durch die die ohnehin winzigen christlichen Gemeinden über Jahrzehnte stetig verdünnt wurden, anscheinend aufgehört hat. "Das hat sich in den letzten fünf Jahren mehr oder weniger stabilisiert, es gehen nicht mehr so viele junge Paare weg", sagt Pierbattista Pizzaballa, der franziskanische Kustos des Heiligen Landes. "Die Lage der Christen hier ist jetzt absolut besser als in jedem anderen Land im Nahen Osten - schauen Sie, was in Ägypten passiert, ganz zu schweigen von Syrien." (Ben Segenreich, DER STANDARD, 24./25./26.12.2012)

 

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    Der riesige Weihnachtsbaum neben der Geburtskirche in Bethlehem ist auch für Muslime (die in der Stadt seit langem in der Mehrheit sind) eine begehrte Fotokulisse.

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    Bürgermeisterin Vera Baboun: Zahlungsstopp Israels trifft Bürger.

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