Hofstätter: "Schlagen darf ich Jesus, nur lieben darf ich ihn nicht"

Interview23. Dezember 2012, 17:56
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Die eine spielt einen katholischen Fundi, die andere ist im echten Leben Nonne: Schwester Kunigunde Fürst und Schauspielerin Maria Hofstätter über Gott, Glaube und Sexszenen

STANDARD: Sie ziehen in Ulrich Seidls Film "Paradies: Glaube" mit einer Marienstatue von Haus zu Haus. Kannten Sie den Brauch der " Wandermuttergottes"?

Hofstätter: Ich bin ja selbst katholisch aufgewachsen. Damals gab es das aber anscheinend nicht. Mir war das vorher nicht bekannt.

Fürst: Ich kenne es von einer Ordensgemeinschaft, die das macht. Bei uns ist eine Frau eingetreten, die aus dieser Bewegung kommt. Sie sagt, sie habe dank der Statue sehr viele gute Erlebnisse gehabt mit Menschen, die sich plötzlich mit dem Glauben intensiver auseinandergesetzt haben.

STANDARD: Der Bedarf scheint ja da zu sein. Allein die Katholische Glaubensinformation hat 5000 Marienstatuen in Österreich.

Hofstätter: Es gibt viele. Die Statuen bleiben rund 14 Tage in einem Haushalt, bevor sie wieder abgeholt werden.

Fürst: Und die Leute haben bestimmte Gebetsaufgaben?

Hofstätter: Nein. Es ist ein Versuch, den Menschen näherzukommen. Ich bin zur Probe auch von Tür zu Tür gegangen, weil ich nichts spielen kann, was mir nicht vertraut ist. Wenn man von der katholischen Kirche kommt, hat man es wohl leichter, als ein Zeuge Jehovas. Aber meist wird die Tür nicht geöffnet.

STANDARD: Sie waren auf Ihrer Mission also nur bedingt erfolgreich?

Hofstätter: Es ist eine unglaublich schwierige Aufgabe. Ich bin immer über diese Missionierung gestolpert. Welche Probleme hat der Mensch? Das muss man sofort spüren und richtige Antworten auf Lager haben. Richtig im Sinne katholischer Antworten.

Fürst: Es geht doch nicht um Antworten. Mit der Maria ist etwas Sakrales da, und es wird Raum geschaffen, wo man über Religion spricht. Dann kommt es doch eigentlich auf das Zuhören an. Das ist das, was ich weiß von denen, die da gegangen sind.

Hofstätter: Aber man muss sie zuerst zum Erzählen bringen.

Fürst: Gut, das stimmt.

STANDARD: Der Film polarisiert. Andererseits wird über den Glauben wieder gesprochen.

Fürst: Bei "Paradies: Liebe" wurde nicht über die Liebe gesprochen, da war nur: Das Leben ist hart.

Hofstätter: Bei "Paradies: Glaube" geht es gar nicht nur um den katholischen Glauben. Es geht um eine Person, die Probleme mit der Sinngebung im Leben hat und sich dogmatisch etwas widmet. Ein solcher Zugang ist immer problematisch. Die Frau lebt in einem geschlossenen System.

Fürst: Einen gewissen Fanatismus haben wir auch, sonst würde man ja nicht Schwester werden. Aber Fanatismus auf andere Weise.

Hofstätter: Es wird sicher auch Schwestern geben, die alles sehr dogmatisch auslegen.

Fürst: Ich sage immer: Die Blumenwiese Gottes ist sehr groß.

STANDARD: Sie geißeln sich im Film, wandern betend auf Knien durch die Wohnung - die körperliche Herausforderung war enorm, oder?

Hofstätter: Sicher war es anstrengend, und es hat wehgetan.

Fürst: Das machen aber doch manche Strenggläubige in Fatima oder in Altötting auch.

STANDARD: Würden Sie so etwas machen?

Fürst: Nein. Ich könnte es nicht, es ist nicht meine Welt. Aber ich lache nicht über solche Menschen, es ist eben deren Frömmigkeit.

STANDARD: In einer kürzlich erschienenen Umfrage sagen 39 Prozent der Österreicher, dass der Glaube ihnen sehr wichtig ist. Die katholische Kirche scheint da aber nicht die richtigen Antworten zu geben. Warum nicht?

Fürst: Wir sind zu dogmatisch und moralisch. Wir legen viel zu viel Wert auf Äußerlichkeiten: Es wurde ein Wust um den eigentlichen Kern des Glaubens aufgebaut. Da gehört ausgeräumt.

Hofstätter: Ich trenne in das System Kirche und die Menschen, die gläubig sind. Mit dem System kann ich wenig anfangen: Dass der Mensch sich anmaßt, zu sagen, es gibt einen Gott, und ich weiß ganz genau, was er will. Und diese sehr patriarchale Struktur ist mir total wesensfremd. Aber natürlich gibt es auch Menschen in dieser Kirche, die ich zutiefst schätze.

Fürst: Aber irgendwoher nimmt dieser Mensch die Grundlagen seines Lebens. Und die kommen dann schon aus dem Repertoire des christlichen Glaubens.

Hofstätter: Was denn? Menschlichkeit und Humanismus sind ja nicht an Ideologien gebunden.

Fürst: Das Christliche hat da schon sehr viel dazu beigetragen, dass der Humanismus so ist, wie er ist.

Hofstätter: Da muss ich widersprechen. Die Aufklärung hat mehr dazu beigetragen, die Menschenrechte durchzusetzen - auch gegen katholischen Widerstand.

Fürst: Aber wer hat da Widerstand geleistet? Der christliche Glaube? In der Botschaft Jesu sind die Menschenrechte fundamental als Grundlage zu finden. Was man daraus gemacht hat ...

Hofstätter: Eben. Ich sehe nicht die Worte Jesu, wenn ich mir die Institution anschaue. Bei einzelnen Menschen geht das schon eher.

STANDARD: Frau Hofstätter, Sie sind in einer Großfamilie im Mühlviertel aufgewachsen. Sie haben drei Mal am Tag gebetet.

Hofstätter: Das war normal. Ich war Kind in den 1960er- und 70er-Jahren. Ich komme aus einer Bauernfamilie. Das Erste in der Früh war, dass man betet. Und man geht vor dem Schlafen mit einem Gebet ins Bett. Wir haben auch den Rosenkranz gebetet.

Fürst: Jeden Tag?

Hofstätter: Ja. Dann kam aber der Fernseher. Die Zeit im Bild hat den Rosenkranz etwas dezimiert.

STANDARD: Erlebt man das als Kind mehr als Zwang?

Hofstätter: Ich habe mich vor Gott gefürchtet. Die erste schlimme Erkenntnis war: In Worten, Gedanken und Werken kann man sündigen! Also es reicht schon, wenn ich daran denke, die Schokolade zu nehmen. Die Mutter Gottes und den Jesus hatte ich gern, die tun mir nichts, aber der große Gott: sehr gefährlich! Ich habe auch bei meinen Eltern, als es zum Sterben ging, bemerkt, dass sie Angst hatten. Vor diesem Jüngsten Gericht und der Frage: Geht sich das aus?

Fürst: Ich bin älter als Sie, komme auch aus einer Bauernfamilie aus dem Mühlviertel, und wir haben auch gebetet. Übrigens nicht zur Freude von uns Kinder. Aber ganz ehrlich: Ich habe da ein ganz anderes Bild. Das dürfte auch mit dem guten Religionsunterricht, den ich hatte, zusammenhängen. Ich habe ein sehr offenes Gottesbild. Auch von den Eltern her.

STANDARD: War immer schon klar, dass Sie in ein Kloster gehen?

Fürst: Überhaupt nicht. Ich habe eine Schwester kennengelernt, die mir so imponiert hat, dass ich zu ihr gesagt habe, dass ich so etwas werden will wie sie. Da war ich 15 Jahre alt.

Hofstätter: Als Kind wollte ich Märtyrerin werden, als ich die Fatima-Geschichte gelesen habe. Aber ohne Martyrium natürlich.

Fürst: Wer weiß, vielleicht kommt das noch nach dem Film.

Hofstätter: Nein. Der Bruch war, als ich zwölf Jahre alt war. Da kam es zu vielen Streitgesprächen mit meinem Vater. Es ging um uneheliche Kinder. Da hieß es: Über das Kind kann man sich nicht freuen. Das ist Sünde. Ich habe dann vieles in der Kirche als Doppelmoral empfunden.

Fürst: Das war auch in der Gesellschaft auch so drinnen. Sogar bei uns Schwestern.

STANDARD: Ist das heute anders?

Hofstätter: Das hat sich geändert.

Fürst: Heute fragt da niemand.

STANDARD: Fährt Ihnen die Gottesfurcht noch heute ein?

Hofstätter: Ich bin total katholisch geprägt. Es gab viele Dinge, die ich an meinen Eltern sehr geschätzt habe. Manche Dinge will ich gar nicht ablegen, nur bekomme ich andere Sachen auch nicht los.

Fürst: Das geht bis heute?

Hofstätter: Immer wieder kommen da Dinge hoch. Ich habe auch das Gefühl, dass es bei der Religion zu sehr um Gehorsam geht.

Fürst: Gehorsam Gott gegenüber?

Hofstätter: Und den Stellvertretern. Das geht bis in die Familie.

Fürst: Ich habe Gehorsam gelobt, ich möchte ein gehorsames Leben führen, aber mit Blick auf die Gesamtgemeinschaft und auf die Schwestern, die neben mir leben.

STANDARD: Die Pfarrerinitiative hat mit ihrem Aufruf zum Ungehorsam für viel Wirbel in der Kirche gesorgt. Sie sehen das skeptisch, warum?

Fürst: Das Wort ist nicht passend.

Hofstätter: Vielleicht tut es gut, dieses Wort aufs Tapet zu bringen.

Fürst: Die Inhalte, die zur Sprache kommen, finde ich schon richtig.

STANDARD: Auch dass es ein Frauenpriestertum geben soll?

Fürst: Ja. Weiheämter für diakonale Dienste - Krankenbesuche, Predigten oder die Liturgie - sollten auch für Frauen zugänglich sein.

Hofstätter: Es würde der Kirche wahnsinnig guttun, wenn auch Machtpositionen mit Frauen besetzt werden. Es wäre doch auch gut, wenn Sie Bischöfin wären?

Fürst: Frauen sollen Priester werden können. Ich selbst fühle mich dazu allerdings nicht berufen.

STANDARD: Es gibt im Film eine "Sexszene" mit dem hölzernen Heiland. Das hat prompt viele "Skandal" schreien lassen.

Hofstätter: Ich mag schon das Wort "Sexszene" nicht. Darunter stelle ich mir wirklich etwas anderes vor. Ich kann mit der Kritik leben, ich weiß, warum die Figur das getan hat - sie hat sich in Jesus einfach auch verliebt. Diese Abbildungen in der katholischen Kirche, der schöne Jesus - das ist doch auch etwas sehr Körperliches. Man kann sich auch in Jesus als Mann verlieben. Keinesfalls meint die Figur es blasphemisch.

STANDARD: Ist es Ihnen schwergefallen, diese Szene zu spielen?

Hofstätter: Viel schwerer ist mir die Szene gefallen, als die Figur mit Gott hadert und das Kruzifix geißelt. Sie schlägt auf ihn ein.

Fürst: Auf den Jesus am Kreuz?

Hofstätter: Ja.

Fürst: Da muss sie ja einen richtigen Hass haben.

Hofstätter: Ja. Dieses Einhauen auf Jesus. Da merkt man die katholische Erziehung, ich habe beim Drehen vorher einen Whiskey gebraucht. Erstaunlicherweise regen sich jetzt alle über die Liebesszene auf. Von dem Einschlagen auf das Kruzifix redet niemand. Gewalt ist offenbar kein Problem: Schlagen darf ich Jesus - nur lieben darf ich ihn nicht.

STANDARD: War es angesichts der Kritik ein Fehler, diese "Szene" im Film zu lassen?

Hofstätter: Nein. Außerdem denke ich beim Dreh nicht an das Publikum. Ich spiele meine Rolle, ich tue, was ich für richtig halte, aus meiner Überzeugung.

Fürst: Etwas aus der eigenen Überzeugung heraus zu tun - ein höchst christlicher Ansatz.

Hofstätter: Sag ich doch. (Peter Mayr und Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 24.12.2012)

KUNIGUNDE FÜRST, Jahrgang 1944, trat 1964 ins Noviziat der Franziskanerinnen ein. Seither setzt sie sich für die Verwirklichung der Menschenrechte ein. 1994 wurde sie Generaloberin, 2008 Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs. Anfang 2013 übersiedelt sie nach Kasachstan.

MARIA HOFSTÄTTER, Jahrgang 1964, spielte in Filmen wie Indien und Hundstage mit. 2012 erhält Paradies: Glaube (Regie Ulrich Seidl, Hauptrolle Maria Hofstätter, Kinostart: 11. 1. 2013) den Spezialpreis der Jury der Filmfestspiele Venedig.

  • Schauspielerin Hofstätter hat mit der Institution Kirche gebrochen. Schwester Fürst klagt, man habe "einen Wust um den eigentlichen Kern des Glaubens aufgebaut".
    foto: standar/cremer

    Schauspielerin Hofstätter hat mit der Institution Kirche gebrochen. Schwester Fürst klagt, man habe "einen Wust um den eigentlichen Kern des Glaubens aufgebaut".

  • Maria Hofstätter: "Als Kind wollte ich Märtyrerin werden, als ich die Fatima-Geschichte gelesen habe. Aber ohne Martyrium natürlich."
    foto: standar/cremer

    Maria Hofstätter: "Als Kind wollte ich Märtyrerin werden, als ich die Fatima-Geschichte gelesen habe. Aber ohne Martyrium natürlich."

  • Kunigunde Fürst: "Warum nicht? Frauen sollen Priester werden können. Ich selbst fühle mich dazu allerdings nicht berufen."
    foto: standard/cremer

    Kunigunde Fürst: "Warum nicht? Frauen sollen Priester werden können. Ich selbst fühle mich dazu allerdings nicht berufen."

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