Arm und Reich und das Elend der Statistik

Kommentar der anderen23. Dezember 2012, 18:05
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Warum alle Versuche, die Grenze zwischen Armut und Reichtum rechnerisch zu erfassen, zur Karikatur der sozialen Realität verkommen

Ende der 1960er-Jahre. Ich wuchs bei meiner Großmutter auf, Kinderbeihilfe, kleine Rente, 1900 Schilling je Monat, Kaufkraft heute 690 Euro. Gemäß der seit 2010 geltenden "bedarfsorientierten Grundsicherung" lagen wir weit unter der Armutsgrenze. Ich war Stammkunde bei der Caritas, deren Direktor mich - keine Ahnung warum - ins Herz geschlossen hatte. Egal ob Schulanfang, kaputte Schuhe, winterlicher Kohleneinkauf: Ich pilgerte ins Caritas-Haus zum Onkel Direktor, bekam dezent das Nötigste und führte ein Doppelleben, denn ich genierte mich als ehrenamtlicher Funktionär der Sozialistischen Mittelschüler, lauter überzeugte Atheisten, mit Geld von den "Katholern" zu überleben. Beiden Seiten gegenüber hatte ich ein Geheimnis. Meinen " Roten" verschwieg ich die Armut, wir arbeiteten ohnedies an der Weltrevolution, dem Onkel Direktor mein "Rotsein". Ich verstehe also was von Armut.

Ich habe im Laufe der Jahre für zwei der reichsten Menschen Österreichs gearbeitet, mit all ihren Schrullen, ihrer überraschenden Großzügigkeit und ihrer oft grotesken Knausrigkeit. Dabei lernte ich, was wahrer Reichtum ist, und wie er entsteht. Ich verstehe also was von Reichtum.

Reichtum und Armut - diese Debatte wurde zuletzt statistisch geführt. Nicht zum ersten Mal. Aber verlogen wie immer. Die Hilfsorganisationen wollen die Armut aufblasen, das ist Teil des Armutsbusiness, während man gleichzeitig selbst prekär beschäftigt und reale Armutsfallen produziert. Über Medianeinkommen statistisch definierte Armut kann man nie ausrotten, da beweist man sogar einigen Chalet-Eigentümern in St. Moritz Armutsgefährdung. Gleichzeitig wird der Beginn von Reichtum möglichst tief angesetzt: Je mehr Reiche, desto mehr Steuern, desto mehr Geld für die Armutsmaschinerie. So kommt die Armutskonferenz zur Absurdität, den Reichtum bei Einkünften über 60.000 Euro brutto beginnen zu lassen.

Auf der anderen Seite etwa die Wirtschaftskammer, die das Ausmaß der Armut negiert oder kleinredet und das steigende materielle Gefälle bestreitet, wie es WK-Ökonom Rolf Gleißner (Standard, 24. 11.) versucht. Die Statistiken lassen beide Argumentationen zu, je nachdem wie viel Reichtum oder wie viel Armut man herauslesen will.

Manchmal - nicht immer - genügt jedoch der bloße Augenschein. Wer die Umsätze bei Luxusautos sieht, die immer verrückter und teurer werdenden Edelkarossen, wird nicht leugnen können, dass hier jemand deutlich reicher geworden ist. Dafür sprechen auch die Zunahme der Flagship-Stores mit hochpreisigen Markenartikel, das neue "Goldene Quartier" bei den Tuchlauben und die - trotz Immokrise - steigenden Preise für Luxusunterkünfte. - Ob Herr Gates 50 oder 30 Milliarden hat, ist egal. Es ändert nichts an seinem Lebensstil. Ob Herr Wlaschek zehn oder fünfzehn Milliarden hat: völlig wurscht. Das ist wahrer Reichtum. Ob der Spitzensteuersatz 25 oder 90 Prozent beträgt: piepegal. Reich wird man nicht durch Arbeit, sondern durch Erben oder bei historischen Umbrüchen, mit Harry Potter oder als Rolling Stone. Dass hohe Spitzensteuersätze leistungsfeindlich seien, ist eine Lüge. Herr Wlaschek hat sich bei 62 Prozent auf den Weg zum Reichtum gemacht.

Und die Armut? Tatsache ist, dass jenseits aller Statistiken mehr Armut sichtbar ist als noch vor einigen Jahren. Die starke Zunahme der Sozialmärkte ist kein Zufall. Ebenso wenig all die "Tische" und "Tafeln" oder das markante Mehr an hochgebildeten Langzeitarbeitslosen im Bekanntenkreis. Die Zahl der von der Jugendwohlfahrt erfassten Kinder hat sich verdoppelt. Braucht man deutlichere Zeichen? Es gibt Arme und Reiche. Wir haben ein genuines Gefühl dafür, wo die Grenze verläuft. Aber beim Versuch, dieses Gefühl wissenschaftlich zu fassen, fallen wir auf die Nase.

War ich in meiner Jugend arm? Ja. Aber ich fühlte mich eher "unreich". Die materielle Beschränkung, mit der man bei den kleinsten Verrichtungen des Alltags konfrontiert wurde, war schmerzhaft. Aber als "arm" wollten wir nicht gelten und spendeten zu Weihnachten für die "wirklich" Armen.

Das Problem ist nicht, wo Armut oder Reichtum beginnen, sondern dass eine so reiche Gesellschaft Armut vermehrt; stets davon spricht, dass der Sozialstaat zu teuer ist; dass weder genug Studien- noch Arbeitsplätze da sind, während es zur Rettung des Reichtums (=Bankenhilfe) unbegrenzt Mittel gibt. Eine Gesellschaft, die Armut bloß statistisch definiert, ist seelisch verarmt und zivilisatorisch am Abstieg zur Barbarei.

Michael Amon lebt als Schriftsteller in Wien und Gmunden. Zuletzt erschien von ihm "Der Glanz der Welt" (echomedia buchverlag) als erster Band einer "Wiener Trilogie der Vergeblichkeiten". (Michael Amon, DER STANDARD, 23.12.2012)

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    Stille Nacht in Euroland: Gesegnet sei das Medianeinkommen? - "Das Problem ist nicht, wo Armut und Reichtum beginnen, sondern dass eine so reiche Gesellschaft Armut vermehrt.

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