Wenn das eigene Heim zur Hölle wird

23. Dezember 2012, 15:03
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Die Frauenhelpline gegen Männergewalt bietet rund um die Uhr Hilfe für von Gewalt betroffene Frauen an – Besonders zu Weihnachten laufen die Telefone heiß

Drei ermordete Frauen, zwei Mordversuche - das ist allein die Bilanz vom November dieses Jahres. Schätzungen zufolge ist jede fünfte Frau in Österreich von Gewalt durch einen nahen männlichen Angehörigen betroffen. "Familiäre Gewalt ist kein Privatthema mehr. Es wird mittlerweile mehr darüber geredet, aber es gibt auch eine hohe Dunkelziffer von nicht dokumentierten Fällen", berichtet Aylin Serimoğlu von der kostenlosen Frauenhelpline gegen Männergewalt des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser.

Die Frauenhelpline ist Erst- und Krisenberatungsstelle für Frauen und Mädchen mit Gewalterfahrungen und wird an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr von einem multiprofessionellen und mehrsprachigen Team aus Juristinnen, Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen besetzt, das Anrufe aus ganz Österreich entgegennimmt.

Gewalt benennen

Serimoğlu ist schon seit mehr als zehn Jahren in der Frauenberatung tätig und bietet zusätzlich auch muttersprachliche Beratung für türkischsprechende Migrantinnen an. Ihrer Erfahrung nach nehmen die betroffenen Frauen die ihnen zugefügte Gewalt oft gar nicht als Gewalt wahr. "Sie sagen: Er hat mich nicht geschlagen, sondern nur gewürgt bis ich ohnmächtig wurde oder nur den Tisch nach mir geworfen. Diese Frauen brauchen jemanden, der ihnen sagt, dass das nicht normal ist und nicht nur krankenhausreife Verletzungen als Gewalt gelten", sagt Serimoğlu.
Auch psychische Tortur und verbale Drohungen werden von manchen Betroffenen nicht als Gewalt angesehen. Erst im Gespräch mit den Mitarbeiterinnen der Frauenhelpline erfahren die Frauen, dass es ein Gewaltschutzgesetz oder den Tatbestand der Gefährlichen Drohung gibt und Opfer von Gewalt Anspruch auf kostenlose Prozessbegleitung haben. "Sie wissen oft nicht, dass nicht sie die Wohnung verlassen müssen, sondern der gewalttätige Mann. Beim Gewaltschutzgesetz muss er beweisen, dass er es nicht getan hat und nicht umgekehrt, die Verantwortung der Beweismittel liegt nicht beim Opfer, sondern beim Täter, so die Beraterin.

Fehlende Sensibilität bei Behörden

Viele betroffene Frauen haben Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Auch fehle es noch vielen PolizistInnen, BeamtInnen und RichterInnn an Sensibilität im Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen. Es gäbe trotz der mittlerweile guten Schulungen immer noch einige PolizistInnen, die nicht gerade sensibel vorgehen. "Wir haben schon oft erlebt, dass Frauen, die Angst um ihr Leben und das Leben ihrer Kinder hatten, geraten wurde umzuziehen, statt sie über ihre Rechte aufzuklären. Darüber hinaus kostet ein Umzug auch viel und eine Frau mit geringem Einkommen kann sich das nicht einfach so leisten. Abgesehen davon, kann das nicht die Lösung sein. Auch die Behörden müssen mehr Verantwortung übernehmen", gibt Serimoğlu zu Bedenken.

Fremdbestimmte Frauen

Dabei kommen ihre Klientinnen nicht nur aus einkommensschwachen Schichten. "Häusliche Gewalt kommt nicht nur bei ärmeren Familien oder bei Migrantenfamilien vor, es gibt auch Frauen mit Universitätsabschluss, die über Jahre hinweg Opfer von psychischer und körperlicher Gewalt sind", berichtet Serimoğlu aus der Praxis. Warum sich die Frauen erst nach Jahren des Martyriums trauen anonym über ihr Leid zu sprechen?

Beraterin Serimoğlu führt das auf die berechnende Strategie der Täter zurück. "Sie suchen sich schwache Frauen aus, die oft auch schon im Kindesalter vom Vater geschlagen wurden und beginnen langsam immer mehr über das Leben der Partnerin zu bestimmen, indem sie ihr zum Beispiel verbieten Familie und Freunde zu sehen." Die einzige Bezugsperson der betroffenen Person ist dann der Partner, der die Frau immer wieder abwertet, beschimpft und erniedrigt. "Solange, bis sie die Schuld bei sich selbst und nicht beim gewalttätigen Mann sucht."

Machtungleichheit

Für die Sozialarbeiterin lässt sich die quer durch alle Bevölkerungsgruppen hinweg ausgeübte Gewalt gegen Frauen nicht auf den Migrationshintergrund oder einen eifersüchtigen Mann reduzieren. "sondern auf ein ungleiches Machtverhältnis in einer Beziehung, wo es mehrere Formen der Abhängigkeit geben kann, nicht nur die emotionale, sondern zum Beispiel auch die finanzielle oder sexuelle." Das gilt auch für Opfer von österreichischen Tätern. "Uns rufen auch die "Import-Bräute" aus Rumänien, Thailand oder Afrika an, wo der österreichische Mann sich die gewünschte unterwürfige Frau aus dem Urlaub geholt hat."

Frauenhelpline TV Spot Kampagne 2010

Gewalt beenden

Der Frauenhelpline gegen Männergewalt geht es nicht darum, den Klientinnen eine bestimmte Lösung einzureden oder sie gleich beim ersten Anruf zu einer Anzeige zu drängen. "Es kommt darauf an, was die Frau möchte und braucht. Wir wollen nicht die Ehen zerstören, sondern dass die Gewalt aufhört. Meist ist ein Ende der Gewalt aber nicht ohne eine Trennung möglich, weil der Täter sein Verhalten nicht ändert", so Serimoğlu. Nicht alle, die bei der Helpline anrufen, wollen gleich den Partner verlassen oder anzeigen. Manche rufen über Monate hinweg an und schaffen es dann doch nicht dem Gewalttäter den Rücken zu kehren. Doch bereits das Darüber reden ist ein erster, wichtiger Schritt für die Betroffenen, weil sie sich meist niemanden anvertrauen.
"Es ist wichtig, den Frauen die Zeit, die sie brauchen, zu geben und ihnen ihre Selbstbestimmung zu erhalten, damit sie nicht wieder fremdbestimmt werden. Es ist das erste Mal, dass sie über ihre Gewalterfahrungen und Gefühle reden. Es darf niemals unterschätzt werden, wie traumatisierend die Gewalterfahrung ist und dass dieses traumatische Erlebnis ein Opfer womöglich daran hindert, aktiv vorzugehen", erzählt Serimoğlu. Am Anfang gehe es daher oft einmal um eine Orientierungshilfe und juristische Beratung über die rechtliche Situation der Klientinnen.

Hinschauen und Helfen

Gerade zur Weihnachtszeit haben die Mitarbeiterinnen der Helpline viel zu tun. Der Druck das Fest so perfekt wie möglich zu gestalten, möglicherweise gepaart mit erhöhtem Alkoholkonsum, macht die Weihnachtszeit zu einer gefährlichen Zeit für Frauen. "Während des Abendessens kann die Situation eskalieren und bei Gewaltübergriffen enden. Das kann dann der Zeitpunkt sein, wo die Frau bei uns anruft", so Serimoğlu. Oft rufen die Frauen auch abends und nachts bei der Frauenhelpline an, "wenn sie zum Beispiel mit zwei Kindern mitten in der Nacht auf der Straße stehen und nicht mehr weiter wissen."

Zivilcourage ist Serimoğlu ein wichtiges Anliegen. "Es ist notwendig, dass man diese Frauen nicht hilflos dem eigenen Schicksal überlässt sondern hinschaut, wenn der Nachbar wieder einmal die Frau verprügelt, und die Polizei verständigt. Es ist die Aufgabe von uns allen Betroffenen Hilfe anzubieten, wenn wir mitbekommen - sei es auf der Straße oder im Wohnhaus - dass eine Frau oder die Kinder vom Mann geschlagen oder bedroht werden", appelliert sie. Wer aber selber nichts unternehmen kann oder sich nicht traut die Polizei zu rufen, kann auch selbst bei der Frauenhelpline anrufen oder - sofern dies möglich ist - der Betroffenen die Nummer der Frauenhelpline weitergeben: 0800 222 555. (Güler Alkan, 23.12.2012, daStandard.at)

 

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