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Eine Frau wird in der U-Bahn vergewaltigt. Schrecklich genug. Aber endlich wieder einmal ein Anlass, journalistisch die Sau raus- und den ganzen Schwachsinn des regierungsgeförderten Boulevards hereinzulassen. Nicht die Polizei sucht nach dem Täter, das wäre doch gar nichts. "Ganzes Land jagt Sex-Bestie", muss es in "Österreich" auf dem Titelblatt heißen. "Mitten in der "Rush-Hour" wurde Frau in Waggon missbraucht." Im Blattinneren war das Jagdgebiet schon eingeschränkt. "Ganz Wien jagt die Bestie aus der U6", nur an der Zeitangabe hatte sich nichts geändert: "Martyrium mitten in der Rush-Hour." Und damit nicht genug. Obwohl es sich um ein unfassbares Sex-Verbrechen in der U-Bahn handelte, erfasste "Österreich" ein drittes Mal: "Mitten in der Rush-Hour würgt und vergewaltigt ein Triebtäter in einem "Geisterzug" eine junge Frau."
Dass der "Triebtäter", beziehungsweise die "Bestie", seine Triebtat "mitten in der Rush-Hour" beging, hatte nichts mit einer besonderen, der "Rush-Hour" geschuldeten Verwerflichkeit zu tun, sondern damit, dass es sich zufällig um einen leeren Zug handelte, in dem "das Martyrium für die 23-Jährige um 18.15 seinen" - welchen wohl? - "unglückseligen Lauf nahm." Die Präzision, die korrekte Berichterstattung vortäuschen soll, schlug sich ausdrucksstark im Lichtbild nieder. Foto eines U-Bahn-Zuges - "Hier stieg die junge Frau ein." Foto vom Inneren - "Leer: Der letzte Waggon der U6." Foto Stadtbild von oben mit Streckenmarkierung. "Alterlaa: Opfer allein im Zug, als Täter hereinkommt. Am Schöpfwerk: Niemand steigt zu, keiner kann helfen. Tscherttegasse: Martyrium dauert bereits 2 Stationen. Philadelphiabrücke: Der Täter lässt von seinem Opfer ab."
Das Fahndungsfoto des Täters war ohne Balken wiedergegeben. Aber gelernt ist gelernt, und man ist ja kein Unmensch. Letzte Zeile im Bericht über "die Bestie: Es gilt die Unschuldsvermutung."
Mit demselben Satz endete auch der Bericht vom nächsten Tag. Da hatte sich die "Bestie" gewandelt. "U-Bahn-Monster gefasst", hieß es auf dem Titelblatt. Man will sich ja nicht wiederholen. Diesmal war das Antlitz des Monsters von einem Balken gedeckt. Warum nicht, man hatte es den Lesern ohnehin schon am Vortag zum Augenfraß vorgeworfen. Drin im Blatt der Allwettertitel in solchen Situationen: "So wurde U-Bahn-Monster gefasst." Die Nacherzählung der U-Bahn-Szene geizte nicht mit dem Wichtigsten: "Es geschah mitten in der Rush-Hour." Auch die Dokumentation ließ wieder nichts offen. Foto einer Grazer Straßenbahn mit rotem Pfeil - "Auf dem Jakominiplatz klickten die Handschellen." Foto Heck eines Polizeifahrzeugs - "Überstellung: Hier wird der 25-Jährige nach Wien gebracht."
Die "Kronen Zeitung" war am Mittwoch auf Seite 1 zu sehr mit einem "Hacken-Attentat" im "Supermarkt" befasst, um die "unfassbare Gewalttat in der U6" vor der Seite 18 erwähnen zu können. Fast zivilisiert sprach sie von einem "Verdächtigen auf der Flucht", ohne zu erwähnen, dass "die unfassbare Gewalttat mitten in der Rush-Hour" stattfand. Ebenso fehlte die Unschuldsvermutung, mit der sich "Österreich" einen kleinen zivilisatorischen Vorsprung sicherte, und auch das Fahndungsfoto war nicht mit einem Balken versehen.
Das änderte sich am nächsten Tag, und überhaupt hatte die "Krone" viel von "Österreich" gelernt. Nicht nur wurde nun auch hier die "Fluchtroute des Vergewaltigers" fotografisch nachgestellt mit Bildern von "Graz Jakominiplatz", aus der Vogelschau und zu ebener Erd', sowie die Reise des "Sex-Täters" mit der U6 von Alterlaa bis zur Philadelphiabrücke. Und da fiel plötzlich auch der "Krone" ein: "Es gilt die Unschuldsvermutung." Wie man dort übersehen konnte, dass das Verbrechen "mitten in der Rush-Hour" begangen wurde, bleibt ein Rätsel. Aber "Heute" hat dieses Versagen ausgeglichen: "Vergewaltigung mitten in der Rushhour." Foto des "Sex-Täters" - klar - ohne Balken.
Obwohl also viel dafür gesprochen hätte, ist Freitag die Welt wieder einmal nicht untergegangen. Dabei hatte sich - unter anderem - der "Kurier" schon schwere Sorgen gemacht über die "Dinge, die Prominente bis zum D-Day noch rasch erledigen würden." Das ist jetzt vermutlich alles unerledigt geblieben. Und auch "Hollywood-Star und Scientologe" Tom Cruise dürfte sich kein Beispiel an der Jungfrau Maria genommen haben und aus dem türkischen Kaff Sirince in den Himmel aufgestiegen sein. Die dortige Energie kann angeblich an einen anderen Ort im Universum bringen. Wird leider viel zu wenig genützt. (Günter Traxler, DER STANDARD, 22.12.2012)
Der "Kurier" konnte "das letzte Habsburg-Rätsel" lösen und damit zurückschlagen - Dan Brown nichts dagegen
Um den Lesern des "Kurier" den Mund wässerig zu machen, berichtete die Redaktion bereits am Vortag, was zur Sprache kommen sollte
ich glaub was diese Kartographie des Bösen samt Vivisektion der Opfersituation so abstoßend macht, ist dass eben sehr sehr offensichtlich nur der Schaulust gedient wird und das schicksalshafte am Geschehen zu einer Travestie verkommt, die letztlich auch dem Opfer spottet. Wenn sie könnten und die Aufnahmen hätten, wir würden schon längst alle Details der Ereignisse auf youtube und zuerst in Wien Heute und auf Kronetv konsumieren können. Darum geht es ja letztlich, ums konsumieren. Damit wird auch das intimste und privateste für die mediale Verwertung in die Öffentlichkeit gezerrt und damit nicht genug auch noch mundgerecht in monströse Häppchen verpackt, in so dümmlicher Sprache, dass einem nicht nur aufgrund des Verbrechens schlecht wird.
nehmen sie sich einmal ihr eigenes blattl vor, traxler - sie könnten täglich mehrere kolumnen füllen mit all den fehlern und unsinnigkeiten, die hier täglich von der apa ungeprüft übernommen werden; von eurem überschriftenmaxerl gar nicht erst zu reden
am montag war das foto überall unverpixelt, weil fahndungsfoto und nach dem mann gesucht wurde, sprich aufruf der polizei an die medien das toto zu veröffentlichen. sobald die/der gesuchte geschnappt wird, soll/muss das foto verpixelt werden um die persönlichkeitsrechte zu schützen. versteh die kritik am boulevard in der hinsicht auch nicht, weil zumindest vom foto her war's ok. im gegensatz zum inhalt...
und es ist trotzdem widerlich, wenn die Zeitungen quasi eine Lynchstimmung erzeugen, wenn sie von einer Bestie, einem Monster reden und wenn Sie Angst und Unsicherheit schüren, wie das Österreich in den letzten Tagen gemacht hat und von der Horror-U-Bahn U6 oder U2 gesprochen hat, so als würden derartige Angriffe auf der Tagesordnung stehen...
"der Realität hinterher" bleiben. Alein schon deshalb, weil ein leerer U-Bahnwaggon nicht gut mit der behaupteten "Rushhour" kompatibel ist, wo alle wie die sprichwörtlichen Sardinen reingestopft sind.
Noch mehr beeindruckt mich aber Ihre Kompetenz in Sachen Vergewaltigungsverbrechen und deren Bestrafung: Haben Sie damit einschlägige Erfahrungen?
liest der seine eigene zeitung nicht?
auch im standrad war das foto des täters OHNE balken zu sehen. und das hatte folgende erfreuliche folge : "Ein Zeuge, der ein Fahndungsfoto auf derStandard.at gesehen hatte, habe den Mann auf dem Jakominiplatz erkannt, sagte der Wiener Polizeisprecher Thomas Keiblinger."
Die Polizei bittet die Medien in Fahndungsaufrufen um Mithilfe, dem wird also nachgekommen. - Was man aus eigenem Zutun dann (wie die Boulevardmedien) daraus macht, ist ein gänzlich anderes Kapitel - und so übel wie hier exakt beschrieben.
Wo sämtliche Grenzen aufgehoben sind, dort regieren EINZIG die Profitinteressen und niedrigste Instinkte. Und der Boden für beide wurde in den letzten Jahrzehnten bei gleich mehreren Generationen ganz ordentlich aufbereitet.
ich versteh die aufregeung nicht...
die reichweitenstarken zeitungen bzw. deren journalisten haben bei diesem thema die gleichen kraftausdrücke und übertreibungen verwendet wie ich sie täglich auch in dieser zeitschrift lesen kann.
der einzige unterschied sind die gewählten themen, bei denen diese wortwahl bzw. die art der berichterstattung gewählt wird...
neoliberale/Innen, kapitalisten/Innen, reaktionisten/Innen, autofahrer/Innen, fpö´ler/Innen etc.
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der/die zwischen 0 und 100jährige verdäch..., nein!, "person für die die unschuldsvermutung gilt" wird als kachektisch bis massiv adipös beschrieben, körpergröße so circa ehschonwissen, bart und brille entweder vielleicht oder möglicherweise (darüber gab es vonseiten der zeugInnen unterscheidliche angaben), haarfarbe: ja
der geneigte leser wird gebeten, das fahndungsfoto mittels des beiligenden bleistiftes selbst anzufertigen!
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