"Craftivism": Absage an Genialität und Produktivität

Aspektreiche Ausstellung von Kathi Hofer im Museum für angewandte Kunst

Wien - Irgendwie ist die eigene Welt in Ordnung, wenn man Zeit fürs Selbermachen, etwa das Binden eines Adventkranzes hat, findet Kathi Hofer. Entschleunigung, aber auch ihr Widersacher, die Effektivität, sind Themen, die die Künstlerin heuer begleitet haben.

In Hofers Beschäftigung mit Produktionsbedingungen in und außerhalb des Kunstbetriebs stieß sie etwa auf Frank Bunker Gilbreth, einen Mitbegründer des Taylorismus, der seine berufliche Laufbahn als einfacher Maurer begann. Betrachtete Gilbreth die Arbeitskollegen in Aktion, fiel ihm auf, wie viel Kraft hier vergeudet wurde. Um die manuellen Arbeitsabläufe zu optimieren und ermüdungsfreies Werken zu ermöglichen, betrieb er daher Bewegungsstudien, die er auf Film mittels Lichtschrift festhielt.

Für ihre heuer in der Salzburger Galerie 5020 präsentierte Arbeit Motion Studies (Artistic Practice) konterkarierte die 31-Jährige Hofer diese Form der Produktivitätssteigerung, indem sie diese Liniengebilde nachbaute, Formwerdung der Effizienz sozusagen.

Im Museum für angewandte Kunst (Mak) wird Kathi Hofers Kritik am System offensichtlicher, widerständiger. Sie bremst aus, verweigert sich der Erwartungshaltung an Kreative - erst recht unter dem Druck ihrer ersten größeren institutionellen Ausstellung. Craftivism heißt ihre Präsentation "Sichtwechsel" im Hinblick auf eine Bewegung, die die Begriffe von traditionellem Handwerk und Aktivismus verbindet.

Im Craftivism - am besten bekannt durch die bunte Bestrickung und Behäkelung des öffentlichen Raums - geht es auf Basis kritischer Reflexion aktueller politischer und sozialer Gegebenheiten darum, in Massenproduktion Gefertigtes durch selbstgemachte Dinge zu ersetzen. Vor dem Hintergrund dessen, dass die handwerkliche Produktion globalisiert - sprich: nahezu aus Mitteleuropa ausgelagert - wurde, ist die Aneignung von Fertigkeiten durch Einzelne eine vorausschauende Gegenstrategie. Kathi Hofer hat aber nicht mit dem Häkeln begonnen, sondern für ihre wohltuend lichte Präsentation den Blick auf die Kunsthandwerklichkeit der Mak-Sammlungen gerichtet.

Kopie und Original

Ausgewählt hat sie unter anderem eine Vase Franz von Zülows, ein Brückenschlag zwischen Volkskunst und Wiener Werkstätte, oder einen Nautilusschneckenpokal aus dem 19. Jahrhundert, die Kopie eines zweihundert Jahre älteren Objekts. Oder auch eine echte Fälschung, wie die Reliquienstatuette aus dem Historismus, eine Bronze-Objekt aus der Metallsammlung. Waren viele Namen von Künstlern früher irrelevant, gilt das für Fälscher doppelt.

Im Raum findet sich auch ein herrlicher, originaler Chippendale-Sessel. Dessen Ankauf erinnert auch an den erzieherischen Aspekt des einstigen k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie: als geschmacksbildendes Element für Volk und heimisches Handwerk.

Aber auch Hofer hat sich nicht gänzlich den Erwartungen an ein " künstlerisches, schöpferisches Selbst" entzogen. Allerdings habe sie sich, sagt sie, "in professioneller Kreativität zurückgenommen und diese in eher amateurhafte, häusliche Kreativität" fließen lassen. Den mit größter Finesse hergestellten Objekten stellt sie eine große, silbrige Christbaumkugel, die sie bemalt hat, und ein filigranes Laternenhäuschen gegenüber, für das sie sich vom Christbaumschmuck des Dagobert Peche anregen ließ. Sogar ihr Adventkranz fand einen perfekten Platz: Er ersetzt das fehlende Sitzgeflecht auf einer bei Ebay erjagten Kopie von Gio Pontis Designklassiker Superleggera (1957).

Was ist Kunst, was Original? Hofer rührt zwar an alten Fragen, tut dies aber aus zutiefst zeitgenössischer Perspektive. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 22./23.12.2012)

Bis 3.3.

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