Fragwürdige Expansion nationaler Institutionen

Herwig G. Höller aus Budapest
21. Dezember 2012, 18:06
  • Politische und künstlerische Proteste gegen die Ungarische Kunst-Akademie.
    vergrößern 800x534
    foto: herwig g. höller

    Politische und künstlerische Proteste gegen die Ungarische Kunst-Akademie.

Drastische Einsparungen sind nicht genug: Nun droht in Ungarn die Gleichschaltung des gesamten Kulturförderwesens durch einen nationalen Altherrenverein

Ein großes Interesse an einer gestaltenden Kulturpolitik war Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán zuletzt nicht nachgesagt worden: Kultur ressortiert in einem winzigen Staatssekretariat des Ministeriums für menschliche Ressourcen, das zudem für Gesundheit, Soziales, Bildung und Sport zuständig ist. In der Kultur fiel man durch drastische Einsparungen auf, und sporadisch wünschten sich Ungarns Mächtige Ausstellungen: Die Nationalgalerie zeigt bis 2. Jänner noch "Helden, Könige und Heilige". Diese patriotische Schau, so hieß es zur Eröffnung, sei "Ausdruck des Respekts für die neue Verfassung".

Just in diesem von Orbán initiierten Grundgesetz, das mit 1. Jänner 2012 in Kraft trat, schlummerte eine kulturpolitische Zeitbombe. Denn der Verfassungstext nennt als einzige Kulturinstitution die Ungarische Kunst-Akademie (MMA), einen 1992 im Freundeskreis gegründeten Verein mit knapp 200 Mitgliedern. Zuletzt hatte sich diese Institution als regierungsnaher Gegenpol zu einer international orientierten Kunstszene positioniert und wurde wohl auch deshalb für höhere Weihen vorbereitet: Noch 2011 beschloss das Parlament ein Gesetz, das die "Akademie" de facto in ein staatliches Organ verwandelt. Für ihren Präsidenten, den 80-jährigen Innenarchitekten György Fekete, sind Ministerprivilegien vorgesehen.

Übernahme der Kunsthalle

Bis vor wenigen Wochen hatte die kritische Öffentlichkeit davon kaum Notiz genommen. Erst als Ressourcenminister Zoltán Balog erklärte, dass die "Akademie" die traditionsreiche Budapester Kunsthalle (Mucsarnok) übernehme und zudem die wichtigste staatliche Kultursubventionsstelle kontrolliere werde, wurde die Tragweite der neuen Gesetze verstanden: Ein patriotischer und fragwürdig legitimierter Altherrenverein, dessen Mitglieder im Durchschnitt 70 Jahre alt sind, wird zum bestimmenden Faktor der ungarischen Kulturpolitik. MMA wird künftig Subventionen verteilen, kann staatliche Kunstinstitutionen auflösen und entmachtet das Kulturstaatssekretariat weitgehend.

"Ich hatte damit gerechnet, dass in der Regierung ein paar vernünftige Menschen sitzen, die das verhindern können", sagt József Mélyi, Vorsitzender der Ungarn-Sektion des internationalen Kunstkritikerverbandes AICA. Wie MMA, der auch der konservative Theatermacher und frisch designierte Intendant des Ungarischen Nationaltheaters Attila Vidnyánszky angehört, ideologisch tickt, war zuletzt sehr deutlich geworden. In einem Interview hatte Präsident György Fekete erklärt, dass eine "eindeutig nationale Gesinnung" eine der Grundbedingungen für die Mitgliedschaft sei.

Die konkreten Auswirkungen von Fekete und seinen Akademikern auf die zeitgenössische Kunst lassen sich unschwer erahnen. Im Herbst hatte Kunsthallen-Chef Gábor Gulyás, selbst ein konservativer Intellektueller und in der Kunstszene nicht unumstritten, eine pluralistische Ausstellung mit dem Titel "Was ist ungarisch?" gezeigt.

Durchgebrannte Sicherungen

Unter anderem war hier ein Video des aus Serbien stammenden Bálint Szombathy zu sehen, in dem er sich an der serbisch-ungarischen Grenze auf die Toilette begibt, um den Inhalt des zu verlassenden Landes rechtzeitig wieder loszuwerden. In der Akademie seien bei dieser Ausstellung die Sicherungen durchgebrannt, sagte Fekete. Nachdem die Übernahme der Kunsthalle durch Feketes Verein bekannt worden war, kündigte Gulyás Ende November.

Aber auch in der kritischen Kunstszene gärt der Protest. Vergangene Woche stürmten Aktivisten der Gruppe "Szabad Müvészek" ("Freie Künstler" ) eine MMA-Versammlung und forderten deren Mitglieder zum Austritt auf. Eine Handvoll "Akademiker", darunter der prominente Maler Imre Bukta, folgten dem Aufruf. Und in dieser Woche gingen Künstler gemeinsam mit Studenten und Lehrern auf die Straße: In einer Massendemonstration vor dem Ministerium für menschliche Ressourcen, wo Studenten und Lehrer gegen bedrohliche Einschnitte auftraten, forderten Vertreter der Kunst, dass die Entscheidungen über die Akademie zurückgenommen werden.

Bereits zuvor hatte die pseudopatriotische Konzeptkunstgruppe "Stiftung für nationale Kunst" (NMA) künstlerisch reagiert. Im Rahmen ihrer Reihe " Nationale Kulturgedächtnisstätten" zündeten die Künstler vor der Kunsthalle Kerzen an - als Erinnerung an eine große nationale Institution, die nunmehr verloren scheint. (Herwig G. Höller, DER STANDARD, 22./23.12.2012)

Share if you care
12 Postings
Dazu fällt mir das Sezessionsgebäude ein:

"Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit" (von Ludwig Hevesi)

Das war leider schon des längeren zu erwarten. Ein Regime, das seit zwei Jahren permanent alles tut, um alles im Staat unter die eigene Kontrolle zu bekommen, und nebenher sicherstellt, dass diese Kontrolle auch im Falle einer eventuellen Wahlniederlage erhalten bleibt, kann doch die Kultur nicht auslassen. Sie ist immer noch ein wesentlicher gesellschaftlicher Einflussfaktor , umsomehr, als die Ungarn durchaus kulturinteressiert sind und daher über die Vorauswahl des durch den Konsumenten auswählbaren schön beeinflusst werden können.

Leute, es ist fast schon sinnlos, jeden der Wahnsinnsschritte dieses Regimes einzeln zu kritisieren (kostet nur Nerven...),

Helfen wird nur, das Regime zweidrittlig wegzuwählen. Hoffentlich.

erinnert an die kulturpolitik in kärnten unter haider/dörfler...

Nur einige Male extremer.

Und Strache schreibt eifrig mit, für die Zeit nach der Endwahl.

Die Blödheit ist groß aber begrenzt in Ösi-Land. Bei uns sind den braunen Buben Grenzen gesetzt. Für die FPÖ wäre Ungarn das Paradies - so bescheuert wie viele Wähler dort sind.

so läuft das eben-

wenn die braunen zwei drittel haben....

hat doch seinen charme!

wahrscheinlich ist das ein wesentlicher meilenstein zur begründung der glorreichen ungarisch-österreichischen monarchie.
schliesslich sind schon seit jahren viele fürsten, grafen, herzöge und andere durchlauchtigkeiten kreuz und quer durch europa unterwegs, um fleissig unsere politik und wirtschaft auf einen modernen stand zu bringen.
die werden sich bestimmt schneller einig, wie sie die pfründe abstecken, als die roten und die schwarzen.
natürlich tragen sie alle auch einen bürgerlichen titel, und die monarchie wird konstitutionell. da weiss man nicht so genau, wem was gehört, das ist gescheiter.
^-^

..."die monarchie wird konstitutionell. da weiss man nicht so genau, wem was gehört.."

Das nennt man Projektion: was Sie da erzählen ist ein typischer Wesenszug der Demokratie.

was ist nur mit den ungarn los?

Ein mehrheitlich narzisstisch-gestörtes Volk hält sich für besonders auserwählt und sieht nicht ein, warum es nicht den gesamten Donauraum darf.

Und aus trotz begeht es dann Selbstmord durch eine Überdosis Chauvinismus.

Die paar Fachvokabel,

die Sie bei der Therapie aufgeschnappt haben berechtigen Sie nicht zu Diagnosen. Machen Sie es so weiter, dann landen Sie wieder im Anstalt!!!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.