Vom Vorzeigemann zur Normalität

Die Quote der Väterkarenz steigt - aber nur langsam - abz*austria ist unterwegs, um Auszeiten- und Karenzmanagement in Firmen zu bringen

Zweihundertvierundsiebzig Unternehmen, 362 Betriebsräte, Führungskräfte und Personalverantwortliche, freut sich abz*austria-Geschäftsführerin Manuela Vollmann, seien mit der Informationskampagne "Bereit für die neue Generation Eltern" bundesweit bis jetzt erreicht worden. "Und es geht weiter." Das Ziel: die Väterkarenz, derzeit je nach Variante der Elternkarenz zwischen knapp fünf und rund zehn Prozent, zu heben und gleichzeitig insgesamt das Auszeiten- und Karenzmanagement in der heimischen Wirtschaft zu professionalisieren. Vorzeigemänner sollen endlich auch in Österreich der "Normalität" des Übernehmens von Familienbetreuung weichen.

"Weg vom Anwesenheitsfetischismus" hat sich dabei in Österreichs Belegschaften als zentrales Anliegen herausgestellt - zugleich sind die Informationsdefizite bezüglich rechtlicher Pflichten und Möglichkeiten riesig. Wobei sich in der Diskussionsrunde mit Unternehmensvertretern im Wiener Gleichstellungshaus in Simmering die Unternehmenskultur wieder als der Angelpunkt für Wahlmöglichkeiten junger Eltern - insbesondere der Väter - herauskristallisierte. "Die Führungskräfte prägen. Wenn die sich klar und bewusst auch einen Pflegetag nehmen, dann fährt das ein", so Josef Feldhofer, Personalleiter in der Kontrollbank.

Von oben her zeigen

"Es geht um gute Beispiele, dann ändert sich die Kultur - ich bin selber aus der Elternteilzeit heraus befördert worden", stimmt Harald Pichler, nunmehr Senior Manager Technology Services beim Pharmakonzern Baxter, zu. Es habe sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Väter in Karenz in seinem Unternehmen schon verfünffacht.

Die ÖBB haben zu diesem Zweck etwa, berichtet Gleichstellungsbeauftragte Traude Kogoj, 20 Väter in internen Medien porträtiert. Es gehe darum, die spezifischen Lebensanforderungen besprechbar zu machen - zunächst in kleinen Runden. Und Kogoj zum großen Anliegen der erwerbstätigen Österreicher: "Ja, Karrieren werden noch in Anwesenheit geschmiedet."

Weiter ist da Microsoft. Nicht nur mit dem bezahlten Papa-Auszeiten: " Wir haben gar keine Anwesenheitskultur", so die neue Personalchefin Sandra Micko. Das gehe natürlich nicht in allen Industrien, räumt sie ein, aber es helfe grundsätzlich, wenn Anwesenheit nicht als höchstes Gut gefeiert werde. Das erleichtere Vätern, Verantwortung zu übernehmen, sich zu trauen, auch in den Kalender einzutragen: "Bringe Kind in den Kindergarten, vor 9.30 Uhr bitte keine Termine." Da vergehe dann auch das Kopfschütteln mancher Kollegen, wenn "Kind krank, bin zu Hause" im Kalender steht.

Dass der Familienbegriff auch aufgrund der demografischen Entwicklungen breiter zu begreifen sei, da sind alle einig. Vollmann: "Es ist nicht gut, alleinig Kinder im Fokus zu haben, es muss eine Care-Komponente mitgedacht werden."

Sabine Foltin, für Personal beim Pharmaunternehmen Janssen Cilag zuständig, bringt noch eine Tatsache ein, die für Firmen wie Mitarbeiter fast nicht zu managen ist: "Frauen bei uns wollen zurückkommen, wissen aber nicht, ob das wirklich geht, weil Betreuungsplätze bis zur letzten Minute nicht sicher oder dann doch nicht frei sind." Ihr Unternehmen hat Karenzmanagement mit Fokus auf Männer eingeführt, und atmosphärisch habe das schnell Früchte getragen.

Der Nutzen im Unternehmen

Die Kultur der Telearbeit, der flexiblen Arbeitsorte, weiterzuentwickeln steht jetzt im Zentrum bei der Kontrollbank, so Feldhofer. Er ergänzt: " Wer es schon gemacht hat, der bestreitet nicht, dass Pflegeurlaub härter ist, als im Job zu sitzen."

Unternehmen könnten durchaus benennbaren Nutzen, abseits höherer Arbeitgeberattraktivität, aus solcherart geöffneten Kulturen ziehen, sagt Harald Pichler, nämlich das Niveau der sozialen Kompetenzen insgesamt zu heben. Stressresistenz, mehr Gelassenheit, mehr Zugewandtheit zueinander, nennt er. Und mehr Loyalität, weil Mitarbeiter merken, dass sie der Firma wichtig sind. Allerdings: "Als Personalentwicklungsmaßnahme darf Väterkarenz natürlich nicht verkauft werden."

Dass allein die äußeren Rahmenbedingungen Österreich in puncto Gleichstellung in der Familienbetreuung so schlecht aussehen lassen, relativiert Feldhofer auch so: "Es erfordert auch Geschick der betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit der Brechstange geht es selten, das ist natürlich kontraproduktiv für Karrieren." In der Kontrollbank nutzten etwa ein Drittel der Väter Elternteilzeit, zehn Prozent den unbezahlten Papamonat.

Provokative Frage von Manuela Vollmann: "Fördert Väterkarenz Mütterkarrieren?" Vorsichtige Antwort von Traude Kogoj: "Sie macht Qualitäten sichtbar, etwa Organisationsfähigkeit, Belastbarkeit." Dass in den ÖBB aktuell rund zwölf Prozent Väterkarenz der Status quo seien, ist für sie schon ein "Indikator", dass auf Augenhöhe verhandelt werden könne. Microsoft hat das in Leitlinien festgehalten. Manuela Vollmann setzt "top-down" an, so müsse der Prozess starten und verankert werden. Auf dass sich das Thema bald nicht mehr für Problematisierungen eignen möge. (Karin Bauer, DER STANDARD, 22./23.12.2012)

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