Vom Vorzeigemann zur Normalität

Karin Bauer
21. Dezember 2012, 17:38

Die Quote der Väterkarenz steigt - aber nur langsam - abz*austria ist unterwegs, um Auszeiten- und Karenzmanagement in Firmen zu bringen

Zweihundertvierundsiebzig Unternehmen, 362 Betriebsräte, Führungskräfte und Personalverantwortliche, freut sich abz*austria-Geschäftsführerin Manuela Vollmann, seien mit der Informationskampagne "Bereit für die neue Generation Eltern" bundesweit bis jetzt erreicht worden. "Und es geht weiter." Das Ziel: die Väterkarenz, derzeit je nach Variante der Elternkarenz zwischen knapp fünf und rund zehn Prozent, zu heben und gleichzeitig insgesamt das Auszeiten- und Karenzmanagement in der heimischen Wirtschaft zu professionalisieren. Vorzeigemänner sollen endlich auch in Österreich der "Normalität" des Übernehmens von Familienbetreuung weichen.

"Weg vom Anwesenheitsfetischismus" hat sich dabei in Österreichs Belegschaften als zentrales Anliegen herausgestellt - zugleich sind die Informationsdefizite bezüglich rechtlicher Pflichten und Möglichkeiten riesig. Wobei sich in der Diskussionsrunde mit Unternehmensvertretern im Wiener Gleichstellungshaus in Simmering die Unternehmenskultur wieder als der Angelpunkt für Wahlmöglichkeiten junger Eltern - insbesondere der Väter - herauskristallisierte. "Die Führungskräfte prägen. Wenn die sich klar und bewusst auch einen Pflegetag nehmen, dann fährt das ein", so Josef Feldhofer, Personalleiter in der Kontrollbank.

Von oben her zeigen

"Es geht um gute Beispiele, dann ändert sich die Kultur - ich bin selber aus der Elternteilzeit heraus befördert worden", stimmt Harald Pichler, nunmehr Senior Manager Technology Services beim Pharmakonzern Baxter, zu. Es habe sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Väter in Karenz in seinem Unternehmen schon verfünffacht.

Die ÖBB haben zu diesem Zweck etwa, berichtet Gleichstellungsbeauftragte Traude Kogoj, 20 Väter in internen Medien porträtiert. Es gehe darum, die spezifischen Lebensanforderungen besprechbar zu machen - zunächst in kleinen Runden. Und Kogoj zum großen Anliegen der erwerbstätigen Österreicher: "Ja, Karrieren werden noch in Anwesenheit geschmiedet."

Weiter ist da Microsoft. Nicht nur mit dem bezahlten Papa-Auszeiten: " Wir haben gar keine Anwesenheitskultur", so die neue Personalchefin Sandra Micko. Das gehe natürlich nicht in allen Industrien, räumt sie ein, aber es helfe grundsätzlich, wenn Anwesenheit nicht als höchstes Gut gefeiert werde. Das erleichtere Vätern, Verantwortung zu übernehmen, sich zu trauen, auch in den Kalender einzutragen: "Bringe Kind in den Kindergarten, vor 9.30 Uhr bitte keine Termine." Da vergehe dann auch das Kopfschütteln mancher Kollegen, wenn "Kind krank, bin zu Hause" im Kalender steht.

Dass der Familienbegriff auch aufgrund der demografischen Entwicklungen breiter zu begreifen sei, da sind alle einig. Vollmann: "Es ist nicht gut, alleinig Kinder im Fokus zu haben, es muss eine Care-Komponente mitgedacht werden."

Sabine Foltin, für Personal beim Pharmaunternehmen Janssen Cilag zuständig, bringt noch eine Tatsache ein, die für Firmen wie Mitarbeiter fast nicht zu managen ist: "Frauen bei uns wollen zurückkommen, wissen aber nicht, ob das wirklich geht, weil Betreuungsplätze bis zur letzten Minute nicht sicher oder dann doch nicht frei sind." Ihr Unternehmen hat Karenzmanagement mit Fokus auf Männer eingeführt, und atmosphärisch habe das schnell Früchte getragen.

Der Nutzen im Unternehmen

Die Kultur der Telearbeit, der flexiblen Arbeitsorte, weiterzuentwickeln steht jetzt im Zentrum bei der Kontrollbank, so Feldhofer. Er ergänzt: " Wer es schon gemacht hat, der bestreitet nicht, dass Pflegeurlaub härter ist, als im Job zu sitzen."

Unternehmen könnten durchaus benennbaren Nutzen, abseits höherer Arbeitgeberattraktivität, aus solcherart geöffneten Kulturen ziehen, sagt Harald Pichler, nämlich das Niveau der sozialen Kompetenzen insgesamt zu heben. Stressresistenz, mehr Gelassenheit, mehr Zugewandtheit zueinander, nennt er. Und mehr Loyalität, weil Mitarbeiter merken, dass sie der Firma wichtig sind. Allerdings: "Als Personalentwicklungsmaßnahme darf Väterkarenz natürlich nicht verkauft werden."

Dass allein die äußeren Rahmenbedingungen Österreich in puncto Gleichstellung in der Familienbetreuung so schlecht aussehen lassen, relativiert Feldhofer auch so: "Es erfordert auch Geschick der betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit der Brechstange geht es selten, das ist natürlich kontraproduktiv für Karrieren." In der Kontrollbank nutzten etwa ein Drittel der Väter Elternteilzeit, zehn Prozent den unbezahlten Papamonat.

Provokative Frage von Manuela Vollmann: "Fördert Väterkarenz Mütterkarrieren?" Vorsichtige Antwort von Traude Kogoj: "Sie macht Qualitäten sichtbar, etwa Organisationsfähigkeit, Belastbarkeit." Dass in den ÖBB aktuell rund zwölf Prozent Väterkarenz der Status quo seien, ist für sie schon ein "Indikator", dass auf Augenhöhe verhandelt werden könne. Microsoft hat das in Leitlinien festgehalten. Manuela Vollmann setzt "top-down" an, so müsse der Prozess starten und verankert werden. Auf dass sich das Thema bald nicht mehr für Problematisierungen eignen möge. (Karin Bauer, DER STANDARD, 22./23.12.2012)

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ich mach jetzt auch den auszeiten- und karenzmanager bei humboldt
- und natürlich den werkmeister

Ich war in der ersten Zeit zuhause, bei meiner Frau (die auch nicht arbeiten ging). Die ersten Wochen sind die Belastung, da gehört entlastet.
Ich habe meinen Jahresurlaub ganz einfach auf diesen Termin ausgerichtet.
Wozu also Väterkarenz?

Vielleicht weil auch nach den ersten Wochen Heimhilfe erwünscht wäre? Weil es auch (gerade!) nachher hilft eine gute Vater/Kind-Bindung aufzubauen? Weil es auch nachher schön ist sein Kind nicht nur am WE aufwachsen zu sehen? Weil auch nachher der Mutter eine Auszeit vom 24-Stunden-Kleinstkindbetreuen gut tut? Weil...

Sie haben nicht aufgepasst. Ich war zuhause, als Heimhilfe, zum guten Vater-Kind-Verhältnis etc.
Ich brauchte dazu keine Väterkarenz, ich habe einfach Urlaub genommen, wie geschrieben.
Generell: auch als Berufstätiger habe ich meine Kinder nicht nur am Wochenende gehabt, sondern täglich, weil ich nach der Arbeit weder ins Wirtshaus noch auf den Fußballplatz ging.
Weiters hatte meine Frau mit den Kleinkindern (wir hatten 3) keinen 24 Stunden Tag. Sie sollten wissen, daß ein Kind zwischen der 4 Stunden-Versorgungsperiode schläft. Und auch als Berufstätiger habe ich mich nach Dienstschluß um die Versorgung der Kinder gekümmert.
Diese Kinderversorgung ist nichts Neues, es gab sie immer schon, seit zig-tausend Jahren. Das ist kein Streß.

Freut mich dass es bei Ihnen so entspannt zugegangen ist (ich hoffe Ihre Frau sieht das auch so) - ist aber nicht der Regelfall. Bloß weil es bei Ihnen auch so klappte kann man nicht allen anderen Familien die Väterkarenz versagen.

Ob Sie was freut oder nicht , da denke ich nicht weiter nach solange ich nichts dafür bezahlen muß.
Hier geht es nicht um Versagen oder nicht Versagen einer Väterkarenz, sondern um die Frechheit der Politiker besonders -innen, die Familien nötigen wollen, ihnen ihre hirnrissigen Gesellschaftsmodelle aufzuzwingen. Bei dem Thema geht es um 2 Monate Geld oder nicht Geld bekommen, das nennt man Nötigung.
Der Gesellschaft wäre zuträglicher, wollten sie auf anderem Wege den Vätern ein Verantwortungsgefühl anerziehen; dem Weg folgend, den ich beschrieben habe.
Aber dazu fehlt den Emanzen etwas Hirn, bezw. ginge Anderes ihnen gegen den Strich.

Na klar wäre es super wenn plötzlich alle (Arbeitgeber, Politiker, Väter, Mütter) einsehen würden dass Väterkarenz nötig ist und keinesfalls negative Auswirkungen auf die Väter haben darf. Aber das ist bloß eine LSD-Vision. Und es geht nicht bloß um 2 Monate sondern um bis zu 6.

Die Väterkarenz ist NICHT notwendig und es besteht daher KEIN Bedarf, daß irgendwer Derartiges einsieht.

Die jeweilige Familie soll selbst entscheiden wie sie vorgehen will und welche Maßnahmen sie trifft. Dabei soll sie nicht von Staatsemanzen zu einseitigen Entscheidungen genötigt werden.

Die Politik soll Rahmenbedingungen schaffen, die AUCH eine Entscheidung zu einer Väterkarenz ohne wirtschaftliche Nachteile ermöglichen, aber andere Entscheidungen nicht behindern oder finanziell schlechter stellen.

Ich glaube ich weiß jetzt wo das Problem liegt - Sie glauben ich wäre für eine "bedingungslos verpflichtende Väterkarenz". Dem ist nicht so. Allerdings denke ich dass die Menschen / die Gesellschaft noch nicht so weit sind/ist dass es auf rein freiwilliger Vernunftsbasis klappen würde und somit bin ich sehr wohl für sehr starke "Anreize".

Wenn eine Familie entscheidet, daß der Vater NICHT zuhause bleibt, dann haben auch Sie das zu akzeptieren.
Es ist durchaus gleichwertig, wenn eine Frau NICHT arbeiten will (in einem abhängigen Arbeitsverhältnis), sondern sich ausschließlich der Familienbetreuung/Kindererziehung zuwendet (solange das ihre freie Entscheidung ist, und das ihr nicht von ihrem Mann aufgezwungen wird).
Dieser ihr "Job" ist nicht stressiger als der eines/einer Berufstätigen. Ich wäre froh gewesen hätte meine Frau besserere Berufs/Verdienstchancen gehabt und wäre liebend gerne NICHT zur Arbeit gegangen.
Sie ignorieren, welchen geldwerten Vorteil eine "reine" Hausfrau für die Familie erbringen kann.
Konsequenz: gleichberechtigter Zugang auf gemeinsames Vermögen.

Ich ignoriere gar nichts - ich bin ja definitiv dafür dass die dzt. manigfaltigen Nachteile der Vaterkarenz beseitigt werden (und dazu gehört auch das meist wesentlich geringere Familieneinkommen wenn der Mann beim Kind ist und die Frau arbeitet. Besonders eklatant wenn der Mann für andere Kinder Geld-UH-pflichtig ist...).

Der Kernpunkt ist der gleichberechtigte, gemeinsam entschiedene Zugriff auf das gesamte (gemeinsame) Vermögen, egal, wer mit Zahlen das Konto gefüllt bekommt. Was ist der geldwerte Vorteil einer reinen Hausfrau wert? Das muß zur Erhärtung obigem statement gesichert werden.
Weiters ist die Abgesodertheit ein Thema; eine reine Hausfrau sollte sichergetellt bekommen: nicht nur Sozialkontakte mit anderen Windelwaschern, geistig fordernde Weiterbildung auch ohne den Zwang, mit Erreichtem Geld verdienen zu müssen.
Dazu hat der Staat mit einem Steuerrecht zu helfen, zB wie in Deutschland ein Ehesplitting-Verfahren. Auch für solche Familien ist die Kaufkraft zu sichern.

wunderbar für einen Klempnerbetrieb mit einem großen Auftrag, wenn, mit einer Woche Warnung, einer der Mitarbeiter in Karrenz geht.

Was ist ein Klempner? Sowas wie ein Metzger?

in der Gedankenwelt unserer Politiker - besonders-innen, in Praxis Sesselwärmer, gibt es kein Karenzproblem. Es kann ja alles liegen bleiben, bleibt ja auch ohne Karenz liegen.

ausreden.

1. gehen weibliche mitarbeiter auch in karenz
2. ist die vormeldezeit 3 monate

sorry...

ja ich verstehe die Problematik der KMUs aber die 1 Woche Vorwarnung ist es nicht ;-)

Es braucht dafür keinen "Vorzeigemann"! Es braucht dafür eine Politik und eine Wirtschaft, die hinter dem Arbeitnehmer stehen und ihn und die Familie unterstützen und weiters den Arbeitsplatz sichern. Es braucht Modelle, wo auch von zuhause gearbeitet werden kann und es braucht v.a. Menschlichkeit!

Zuhause arbeiten? Und was machen Sie mit dem Kind?

manchmal muss es sein, manche mütter arbeiten auch von zuhause, mit laptop und blackberry

Genau. Und ein bis zwei Jahre altes Kind wird dann am Gitterbettchen angebunden?

Und wann wird der Kündigungsschutz für werdende Väter an den der Mütter angepasst?

inwiefern sollte der angepasst werden? ich finde die momentane regelung ned so schlecht, 3 monate vor antritt der Karenz Bescheid sagen und gut is.

diese drei monate sind eine ganz miese sache. monatelang soll man so tun als hätte man sich nix überlegt, als würde man sich aus heiterem himmel sagen "und in drei monaten geh ich".

Geschützt sind Sie aber erst frühestens mindestens acht Wochen nach der Geburt. Die Mutter ab Feststellung der Schwangerschaft.

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