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vergrößern 800x627Dialog aus Alt und Neu: Das 1959 von Robert Schuller errichtete Passionsfestspielhaus ist karg und unbeheizt und verlangte nach einer adäquaten Erweiterung.
vergrößern 800x628Das Wiener Büro DMAA setzte dem Altbau ein eckiges, kantiges Etwas zur Seite, das sich dynamisch aus dem Berg dreht. Die dunkelgraue Fassade weist ein ungewöhnliches Muster auf.
vergrößern 800x627Innen verheimlichen die Holzschuppen, dass es sich beim Konzertsaal eigentlich um eine Kiste handelt.
vergrößern 850x667Am 25. November vor zwei Jahren hat's in Erl, um mit den Worten des Leiters der Tiroler Festspiele, Gustav Kuhn, zu sprechen, gescheppert und gewackelt. An diesem Tag nämlich wurde die erste Tranche der 110.000 Tonnen Fels in die Luft gesprengt. Es sollte dies der brutalste und lauteste Eingriff in das historische Ensemble am Westhang des Eibergs bleiben.
Denn trotz eckigen, kantigen Tarnkappenbomber-Auftritts des neuen Winterfestspielhauses, das da wild entschlossen aus der Waldlandschaft hinausschießt, wird das 1959 von Robert Schuller errichtete Passionsspielhaus, das die Erler Bevölkerung längst in ihr Herz geschlossen hat, in keinster Weise berührt. Mehr noch ist zwischen Altbau und Neubau so etwas wie ein feiner Dialog gebauter Materie entstanden. Kommenden Mittwoch wird das neue Festspielhaus feierlich eröffnet.
"Das Ding ist eine Wucht", sagt Gustav Kuhn. Stoischen Glücks steht der Festspielchef im hell erleuchteten Foyer seines neuen Hauses und blickt mal nach links und mal nach rechts. "Schauen Sie sich das nur einmal an! Diese zwei Häuser unterhalten sich miteinander! Und trotzdem ist jedes für sich allein betrachtet ein schönes Stück Architektur."
Kurzes Räuspern. "Dabei muss ich zugeben, dass mir Architekten mit ihrer Sprache manchmal ganz schön auf die Nerven gehen. Das ist, als würde man in der Musik nur mit Adorno sprechen. Grauenvoll! Das will doch niemand hören! Doch in diesem Fall hat die Kommunikation wunderbar geklappt. Wir haben uns gut zu verständigen gewusst."
Planender Gesprächspartner Kuhns war das Wiener Büro Delugan Meissl Associated Architects (DMAA), das 2007 unter 15 Wettbewerbsteilnehmern als Sieger hervorgegangen war. Die von Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner geforderte Aufgabe war nicht einfach, galt es doch, dem von jeher unbeheizten und im Winter unbenützbaren Passionsspielhaus mit seiner einzigartigen Einbettung in die Natur und seiner ebenso einzigartigen Akustik einen ebenbürtigen Konterpart hinzustellen.
"Das alte Passionsspielhaus von Schuller scheint sich mit seinen weichen Formen in den Berg hineinzudrehen", erklärt Sebastian Brunke, Projektleiter bei DMAA. "Unser Bau arbeitet auch mit dem Hang, bricht jedoch eher aus dem Bergmassiv heraus." Besonders stolz ist man auf das Farbspiel zwischen Schwarz und Weiß: "Es ist ein kontextualisiertes Spiel mit den Jahreszeiten", so Brunke. "Im Sommer ist es das Passionsspielhaus, das aus der Landschaft hervorsticht, während das Winterhaus unauffällig vor dem dunklen Wald verschwindet. Im Winter, wenn der Schnee liegt, ist es umgekehrt."
DMAA wäre nicht DMAA, hätte man den vielen Fassadenflächen nicht auch einen mathematisch-geometrischen Algorithmus übergestülpt. Das gesamte Gebäude ist mit dunkelgrauen Faserzementplatten verkleidet, die in zwei unterschiedlichen Formaten auf die Baustelle geliefert wurden. 14.000 Stück dieser viereckigen Puzzleteile, die man als Laie niemals in Verbindung zueinander bringen würde, gibt es insgesamt. Das Vexierspiel ist raffiniert. Ein bisschen erinnert die Struktur an gespaltenen Kalkstein.
Der Raumfluss gibt den Ton an
Ohne Schriftzug und ohne Pomp und Trara findet man mühelos den Weg ins Foyer. Die Architektur - und da würde sich Adorno wahrscheinlich gelangweilt abwenden - spricht eine klare und unmissverständliche Sprache. Nach 43 Stufen hat man das Innere erreicht: weiße Wände, heller Boden, dramatische Geometrie in allen Dimensionen. Hier kommen Delugan und Meissl so richtig auf Hochtouren und setzen die ihnen innewohnende Raumflussidee wie aus dem Effeff in die Realität um.
Trotz Raffinesse haftet dem Foyer etwas Karges, etwas Nacktes an. Ob man auf diese Weise dem unbeheizten, archaischen Schuller-Bau Reverenz erweisen wollte? "Karg? Also, ich weiß nicht so recht", meint der Projektleiter bass erstaunt und lenkt korrektiv ein: "Lieber bezeichnen wir unsere Architektur als zeitlos elegant und schlicht." Ein Interpretationsschuss ins Leere also.
Weder schlicht noch leer, sondern durchaus von einer gewissen feierlichen Mächtigkeit getragen ist schließlich der Zutritt in den hölzernen Festspielsaal. "Es ist, als würde man ein Musikinstrument betreten", sagt Gustav Kuhn. Entgegen dem weltweiten Trend, multifunktionale Säle für unterschiedliche Nutzungseventualitäten zu schaffen, hat man sich in Erl voll und ganz auf Opern und Konzerte konzentriert. Die Akustikplanung stammt von Bernd Quiring. "Ich halte nichts von diesen mittelmäßigen Mehrzwecksälen", so Kuhn. "Wir haben hier klipp und klar einen Saal mit einer schönen, langen Nachhallzeit gefordert. Hier ist kein Platz für Sprechtheater und für Kongresse. Hier wohnt die Musik."
An Boden, Wand und Decke ist gebeiztes Akazienholz verlegt, wobei Zuschauerraum und Bühne fast nahtlos ineinandergreifen. Kein Portal, kein Guckkasten, kein eiserner Vorhang trennt die Musizierenden von den Zuhörenden. Ein bisschen erinnert der Innenraum an einen auseinandergesägten und wieder neu zusammengefügten Geigenkasten. Aus den Spalten der zackigen Holzschuppen dringt gedämpftes LED-Licht. DMAA metaphoriert nicht ganz uneitel von einem "freigelegten Juwel". Maestro Kuhn: "Akustisch in der Tat!"
Die Gesamtinvestitionskosten des neuen Festspielhauses, das den Erler Betrieb nun auch auf die kalte Saison ausweitet, belaufen sich auf 36 Millionen Euro. 20 Millionen davon stammen von der Haselsteiner-Familien-Privatstiftung, je acht Millionen schossen Land Tirol und Bund zu.
Mit einem jährlichen Heizwärmebedarf von 13 kWh pro Quadratmeter erreicht das Gebäude fast Passivhausstandard. Doch von den technischen Anstrengungen, die in dem fast 37 Meter langen Dachüberstand versteckt sind, ist nichts zu merken. Ganz im Gegenteil. Das Projekt zeugt nicht nur von einem befruchtenden Gespräch zwischen Architekten, Nutzern und Mäzen, sondern ist auch Beispiel für eine respektvolle und zugleich originelle Zusammenspannung von Gegenwart und Geschichte. So gesehen folgt die Arbeit von DMAA und Gustav Kuhn denselben Prinzipien. (Wojciech Czaja, Album, DER STANDARD, 22./23.12.2012)
Am 26. Dezember wird das neue Festspielhaus in Erl mit einem Konzertprogramm eröffnet. Im Anschluss daran werden Mozart, Bach, Verdi und Rossini aufgeführt.
Insgesamt mehr als 8.500 Zuschauer - Bruttoeinnahmen bei 605.000 Euro
Bei Mozarts "Le nozze di Figaro", der ersten Opernpremiere im neuen Erler Festspielhaus, überzeugen Sänger, Musiker und Inszenierung
Der extreme Bezug auf das Schwesterhaus durch konsequenten Gegensatz und das Weiterführen einer Schwunglinie bis in der Spitz könnte von einem kritischen Betrachter sogar schon als kitschige Yin-Yang-Architektur bezeichnet werden... ich persönlich finde den ersten Eindruck aber nicht schlecht.
skiweltmeisterschaften, wo sinnlose bauten schon vor der eröffnung wieder abgerissen werden müssen, zum beispiel oder tunnel in richtung klagenfurt, wo man sich ein paar minuten erspart, die aber milliarden kosten oder eine gerettete komunalkreditbank, die keiner braucht!
Ich hab noch nicht viele Bauten gesehen, die ich in der Miniaturansicht felsenfest für ein Rendering gehalten habe.
Wie so viele moderne Architektur innen räumlich großartig, außen ... zwiespältig. Einerseits bin ich ja froh, dass man nicht noch Millionen für Stuck und Schnörkel hinauspulvert und die strengen Formen haben ja schon ihren Reiz - aber es is halt schon ein bisserl brutal. Insgesamt aber doch ein gelungenes Werk.
...und wenn man in Wörgl den Tyrol Tower vom Wegscheider gebaut hätte , hätten die Durchreisenden auf der Inntalautobahn einen innovativen modernen Eindruck von Tirol mitgenommen. Die meisten werden ohnehin glauben dass sie noch in Deutschland sind wenn sie das Festspielhaus zu Gesicht bekommen und wenn sie dann noch den Inntalengel in Radfeld sehen werden sie froh sein sich in eines der Täler zum Schifahren verziehen zu können oder gleich nach Südtriol weiterfahren. Schade, dass Tirol nicht so annähernd so gemanagt wird wie es verkauft wird. Deshalb: Haselsteiner for Gouvernor. NOW !!!
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