Japan gegen die Deflation: Die nächste Runde

Lukas Sustala, 21. Dezember 2012, 16:15

Die Japaner haben sich in der Wahl für einen neuen Anlauf gegen die Deflation entschieden.

Japan wagt einen neuen Versuch. Die Stagnation der Wirtschaft soll mit einem neuen geldpolitischen Impuls überwunden werden. Denn Japans Zentralbank war ein wichtiges Thema der jüngsten Parlamentswahlen. Denn der neue Ministerpräsident Shinzo Abe von den Liberaldemokraten hat mit monatelangen Forderungen im Wahlkampf neue Geldgeschenke und ein höheres Inflationsziel gefordert. Gestern spurte die Bank of Japan (BoJ) und tat - zumindest teilweise - wie geheißten: sie weitete das Anleihenkaufprogramm um 10 Billionen Yen (90,1 Milliarden Euro) aus und deutete zudem an, dass sie ihr Inflationsziel von derzeit einem Prozent erhöhen könnte - ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für Abe

In der offiziellen Stellungnahme der BoJ heißt es, die Deflation müsse "so rasch wie möglich" überwunden werden. Allerdings stellt sich wohl die Frage, ob die Geldpolitik so viel machen kann. Denn seit den 1990er Jahren kämpft die Bank of Japan gegen die Folgen der Immobilienblase an. Laut dem japanischen Volkswirt Richard Koo sind die Preise für Gewerbeimmobilien seitdem um knapp 85 Prozent gefallen. Die Deflation (also ein fallendes Preisniveau) hat das Land nun seit 15 Jahren im Griff. Der japanische Leit-Aktienindex Nikkei ist ein Mahnmal dieser Entwicklung. Er steht heute genauso niedrig/hoch wie 1984.

Was soll sich jetzt also ändern? Konkret sieht das neue Konjunkturprogramm nach dem Abwerfen von Geld aus dem "Helikopter" aus, wie es der liberale Ökonom Milton Friedman formuliert hat (hier etwa ein Papier des Ökonomen Willem Buiter zu diesem Thema). Friedmann hatte eine einfache Lösung für die Deflationsgefahren: einen "helicopter drop of money". Der Staat soll also auf Pump investieren und die Zentralbank die Schulden aufkaufen. In Japan will Abe nun Infrastrukturinvestitionen ankurbeln und die Schulden für diese Projekte soll die Bank of Japan "kaufen".

Doch bereits in den vergangenen Jahren hat die Bank of Japan ihre Bilanz massiv ausgeweitet. Und die Schulden des japanischen Staates stehen bereits bei über 200 Prozent. Über der japanischen Volkswirtschaft kreisen schon seit Jahren die geldpolitischen Helikopter.

Das Problem, das weiter besteht: Japans Haushalte sind nicht daran interessiert, ihre eigene Bilanz massiv auszuweiten. Zwar konsumiert der Staat, aber der Bürger in Japan bleibt weiter sparsam. Das ist prinzipiell nichts Schlechtes. Doch das ersparte Vermögen liegt in oftmals maroden Banken. Lockere Geldpolitik muss sich immer den Weg durch das Finanzsystem ebnen, und Japan ist ein gutes Beispiel für den "Flaschenhals" des Bankensystems. Das lässt sich etwa am Geldschöpfungsmultiplikator messen. Die breit gefasste Geldmenge (Definition der Geldmenge) reagiert nämlich kaum auf die Erhöhung der eng gefassten Geldmenge, auf die die Zentralbank viel Einfluss hat (siehe Grafik, Link zur Grafik). Die Zentralbank pumpt und pumpt, aber das Geld kommt nicht in der Realwirtschaft an. 

Hoffnung auf das Ausland

Was erhoffen sich also die Proponenten von mehr geldpolitischer Lockerung? Allen voran einen schwachen Yen. Denn der "würgt Wachstum ab und hält die Deflation aufrecht", so die Analysten von BCA Research. Wenn die japanische Zentralbank jetzt eine radikale Neuausrichtung ihrer Politik (etwa ein doppelt oder dreimal so hohes Inflationsziel) vollführt, dann soll damit der Yen geschwächt werden. 

Das ist wohl die größte Schwäche in der Argumentationslinie derjenigen, die - wie etwa der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman - für eine drastische Lockerung der Geldpolitik in Ländern wie den USA, Japan oder der Eurozone plädieren. Ein erheblicher Teil des positiven Effekts von mehr Stimulus entsteht auf Kosten des Auslands. Die schwächere Währung wäre eine Verteidigungsfront für die heimische Produktion, würde aber die Anpassung im Ausland erschweren. Wenn Japan jetzt den Yen drastisch schwächt, ist das vielleicht gut für Sony, aber schlecht für Apple. Ein Nullsummenspiel.

Strukturell ändert sich damit aber nichts an Japans Problemen. Die Bevölkerung schrumpft und die Banken sparen weiter, um ihre Bilanzen zu reparieren. Daran wird auch ein schwächerer Yen nichts ändern.

 


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12 Postings
Japan zeigt deutlich wie sinnlos das zinsbasierte Kreditgeldsystem ist bzw. geworden ist. Es ist am Ende. Mehr Wirtschaftswachstum könnte helfen, wird es aber in Zeiten immer knapperer Ressourcen nicht geben.

Quantitve Easing oder wie all diese Programme der Zentralbanken lauten, um die (breiter gefaßte) Geldmenge zu erhöhen, kann nicht funktionieren, wenn der Privatsektor, also Haushalte und private Firmen nicht mehr konsumieren bzw. investieren, sprich nicht mehr Kredite aufnehmen wollen. Warum sollten die das tun, wenn es den meisten doch ganz gut geht? Sie müßten ja wegen der schrumpfenden Bevölkerung überproportional mehr Kredite aufnehmen. Wie Simulationen von Steve Keen zeigen, stürzt eine Wirtschaft mit schrumpfender Geldmenge (Deflation) sehr schnell ab. Also muß sich der Staat zur Verhinderung immer mehr verschulden. Aber wie lange kann das noch gut gehen?

Wieso sollte die "Wirtschaft" in einem Land, dessen Bevölkerung ständig abnimmt,

auch weiter wachsen?
Irgendwann wird man mit dieser seltsamen BIP-Rechnung aufhören müssen. Denn weder ist ständiges Wachstum wünschenswert (oder überhaupt möglich), noch hilft es gegen Armut oder andere Probleme.
Das Land Japan ist immer noch REICH; und wenn es dort mehr arme Leute gibt als früher, dann ist das ein VERTEILUNGS-Problem. Ein gutes Indiz dafür ist ja, dass das Land zu 90% bei seinen EIGENEN Bürgern verschuldet ist!

Und vor allem wird man die uralten, eindimensionalen Wirtschaftstheorien einmal alle miteinander einmotten können. Denn Japan ist seit über 20 Jahren ein Paradoxon, das allen diesen Theorien widerspricht, und trotzdem will man es unter Anwendung genau dieser Theorien immer wieder "kurieren" oder "sanieren".

Ein Paradebeispiel für die Bubbleökonomie

Nach der verrücktesten Immobilienblase aller Zeiten hat sich Japan nie mehr von der Krise erholt. Gutscheine wurden verteilt, Mammutbauprogramme gestartet, die Japan zu einem der hässlichsten und zubetoniertesten Länder der Welt gemacht haben. Allein, es hat alles nichts genutzt.

Ein weiterer Effekt sind 235 % Staatsverschuldung, einsame Spitze in der Welt.

Und ein schönes Anschauungsmaterial für all jene sonnigen Gemüter, die da glauben, die derzeitige Krise wäre bloß eine kurze.

Ja, sehr schönes Anschauungsmaterial...

...denn Japan hatte obendrein seit den 90ern eine extrem konsumfreudige Peripherie (Europa, USA), welche den totalen Absturz der japanischen Wirtschaft verhinderte. Genau dieser Punkt fällt diesmal für den gesamten Westen weg. Wenn also nicht Jesus Christus persönlich vom Himmel kommt und als neuer Konsument und Nachschuldner auftritt, sehe ich schwarz.

Ob die Krise lange oder kurz sein wird, ist schwer zu sagen - in chaotischen Systemen ist bekanntlich eine Überrsaschung immer mal drinnen. Schlicht weil wir keine guten Modelle zur Erklärung haben.

Was die Krise seit 2008 aber zeigt: Rund 90% der Menschheit haben die Zinsproblematik im Schuldgeldsystem nicht verstanden. Und das dramatische: Selbst jene Hampelmänner und Kasperln in obersten Positionen und "Leistungsträger" haben es oft nicht verstanden. Diese Leute sind oft extrem naiv-unwissend, kaschieren es aber manchmal ganz gut.

Die meisten denken auch kaum/nicht darüber nach. Das ist fast eines der Hauptprobleme, denn erst dadurch funktioniert die Manipulation.

Sie dauert schon jetzt erheblich länger als die "normalen" Konjunkturabschwünge.

Japan hat also ein Problem, weil die Leute mit dem was sie bereits haben zufrieden sind und nichts mehr kaufen wollen? Eigentlich schöne Probleme...

echt pervers

der Hausverstand sagt, dass Deflation das beste ist, was es geben kann. Nur die Ökonomen sind anderer Meinung. Wir haben also nur die Wahl zwischen kluger und dummer Inflation.
Das wäre mal ein Ökonomie Nobelpreis, der wirklich verdient wäre, ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, was mit einer Deflation gut umgehen kann- Doch da herrscht bei denen Funkstille.

Dass Deflation gut ist...

....behaupten nur die dem "Geld-ist-Tauschmittel"-Paradigma verhafteten Vertreter der österreichischen Nationalökonomie.

Es klingt zwar recht nett, wenn alles billiger wird - aber dabei wird vergessen, dasss man selbst auch billiger werden muss (sprich Einkommensverluste oder Arbeitslosigkeit hinnehmen). Die eigenen langfristigen Verpflichtungen (beispielsweise Kreditrückzahlung, oder andere langfristige Verträge) gehen aber nicht automatisch mit runter.

Bei negativ-Zinsen zahlt sich aber der Kredit irgendwann

von selber zurück.

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