Stadt-Weihnachten für Anfänger

Zimtstern, Punsch und Wahnsinn. Von Julya Rabinowich

Es weihnachtet sich ein. Besinnlichkeit, Engel, Einkaufsstaus allerorts. Punsch und Zimtstern. Weihnachtsmänner, die den dicken Hintern von Hausfassaden strecken. Unbeleuchtet: ein wenig an vom Dach hängende Leichen gemahnend. Beleuchtet: wie ein gemeiner Einbrecher.

Es ist stets dasselbe Bild des Wegnehmens und Beschenkens: ein bärtiger Mann, Sack über der Schulter. Mal Räuber Hotzenplotz, mal Santa Claus, je nachdem, wo ihn das Unbewusste ansiedelt. Ich würde gern wissen, wie viele Menschen einen bärtigen, älteren, übergewichtigen Mann unbewusst als Einbrecher aus dem Osten einschätzen, vor allem bei all dem Hohoho, das er lautstark von sich gibt.

Ein Bekannter rennt noch schnell, lange Unterhosen kaufen, sonst kann er nicht mit zum Punschstand. Eine Kollegin steht schon da mit Apfelpunsch und Apfelbäckchen, den Hochhackigen und der seidenglatten Bin-nicht-da-Strumpfhose. Lächelt verführerisch. Am nächsten Tag sitzt sie durchgehend auf dem WC und leidet. Eine andere Kollegin, die dem Treiben gestern eifersüchtig zusah, ruft sie an und erklärt schadenfroh den Unterschied zwischen "sinnlich" und "besinnlich". Ich rufe die Kollegin der Kollegin an und erkläre ihr den Unterschied zwischen gehässig und normal.

Der Bekannte kauft lange Unterhosen für die Kollegin. Ich erkundige mich nicht näher, für welche der beiden jetzt. Hunde tragen Ponchos, besonders empfindliche Hunde sogar Daunenanoraks und Schuhe und sehen peinlich berührt drein. Im Sigmund-Freud-Park, wo das Refugee Camp immer noch steht, kommt nun ein Vorgeschmack auf den Gulag auf. Oder ein Nachgeschmack. Je nachdem.

Mitbürger fragen mich Unentschlossene, ob ich Weihnachten feiere. Bei Ja: Das ist ein Konsumfest, wie kannst du nur. Bei Nein: Das Fest der Liebe? Wie kannst du nur! Wir beschließen, dieses Jahr außer Liebe und Luft nichts zu schenken, aber dafür für ausgesprochen gute Kulinarik zu sorgen. Meine Tochter stimmt begeistert zu, ganz jugendliche Revolutionärin, die dem Materialismus tapfer die Stirn bietet. Eine Woche später widerruft sie panisch. Da gibt es so einen schönen Mantel, weißt du, und meiner wärmt nicht richtig und ist schon verschlissen. Der Mantel war vor kurzem noch recht warm und ist ein Jahr alt.

Das subjektive Wärmeempfinden ist höchst subjektiv, wenn es in den Dienst des Will-Haben gestellt ist. Die Schwester möchte nach Deutschland, weil es bei der dort feiernden Verwandtschaft Geschenke gibt. Meine Mutter will doch nicht fein speisen. Bei unserem letzten Jubiläum gab es Soletti mit geschnittener Avocado, weil niemand ans Essen gedacht hat. Ich beschließe, kurzfristig auszuwandern. Mit dem Sack über der Schulter. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 22./23.12.2012)

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