"Ma as salamaa!" - "Auf Wiedersehn!"

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Seit nicht ganz zwei Jahren blogge ich hier unter "C'est kifkif". Jetzt spart sich der Standard die andere Sichtweise - nicht nur auf den Maghreb - und stellt die Blogs ein. Es ist leider Zeit "Ma as salamaa" - "Auf Wiedersehn!" zu sagen.

"Die arabische Jugend hat die Angst vor Repression und Tod verloren. Und das nicht im Sinne von Al Qaida, deren Kommandos die tiefe Verzweiflung jahrelang für das Heranziehen von Selbstmordattentätern genutzt haben. Die Jugend fürchte den Tod nicht, erklärt Al Qaida immer wieder. In Tunesien und jetzt in Ägypten haben sie das tatsächlich bewiesen. Doch was Al Qaida nicht ahnen konnte, die neue arabische Generation hat auch die Freude am Leben, an der Debatte und an der Freiheit zurückgewonnen. Wir dürfen sie mit ihren Hoffnungen nicht alleine lassen", schrieb ich am 8. Februar 2011.

Beginn des Arabischen Frühlings

Es war kein Monat vergangen seit jenem Tag, an dem ich die wohl bewegendste Nachricht meiner nun knapp 20-jährigen Laufbahn als Journalist in die Tasten hämmerte: Die Revolution in Tunesien. Es war der Beginn des arabischen Frühlings.

Seither verfolge ich mit neuem Interesse und voller Hoffnung die Entwicklung. Sicher, die Wahlen in Tunesien und in Ägypten wurden von den Islamisten gewonnen. Nicht weil sie die Mehrheit hinter sich haben, sondern weil die weltlichen Kräfte zersplittert sind, und sich den neuen Zeiten nicht anzupassen wussten.

Dennoch bin ich bis heute - zumindest was Tunesien angeht - zuversichtlich. Die Gesellschaft ist nach wie vor mobilisiert. Das weltliche Lager gruppiert sich neu. Die Islamisten von Ennahda bekommen Gegenwind. Ein Übergang vom Alten zum Neuen ist nicht in zwei Jahren vorbei. Das habe ich hier Spanien gelernt, wo der Diktator 1975 verstarb und es selbst 1981 noch zum Versuch eines rückwärtsgewandten Staatsstreiches kam.

Was jetzt schon feststeht: Der 14. Januar 2011 in Tunesien hat nicht nur die arabische Welt verändert. Er löste eine Welle des Umbruchs aus, die bald schon auf Europa und dann auch auf die USA übergreifen sollte. Die Empörten - oder die 99 Prozent - besetzten im Mai den zentralen Platz in Madrid, die Puerta del Sol. Die Bilder aus Tunesien und vom Tahrir-Platz in Kairo standen Pate.

Nur wenige Monate später folgte die Occupy-Bewegung in den USA und dann auch vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt. "The Protester" - "Der Demonstrant" wurde Person des Jahres auf dem Titelblatt Zeitschrift Time. Die Menschen überall auf dem Globus haben gelernt, sich selbst zu organisieren: Facebook, Twitter, Blogs ... helfen dabei. Das ist neu.

Dieser Blog wollte dazu beitragen über "Schranken von Religion, Sprachen und Kultur hinweg Gemeinsamkeiten aufzuzeigen", um so von einander zu lernen. "Deshalb werde ich künftig über große und über kleine Ereignisse, über Hauptsächliches und Nebensächliches berichten", schrieb ich damals im Februar 2011.

Ich möchte mich bei allen bedanken, die mich in diesen knapp zwei Jahren gelesen, die mich wohlwollend und kritisch begleitet haben. Auch künftig will ich versuchen, diesem Anspruch gerecht zu werden. Obwohl das bei einer Berichterstattung, die sich auf die Printausgabe beschränken muss, wesentlich schwierig wird. Denn Nebensächliches - was oft mehr erzählt als die harten News - haben in unserer so schnelllebigen Zeit in der Tagespresse immer weniger Platz. Und wenn dann auch noch gespart werden muss ...

Mit zwei weinenden Auge: "Ma as salamaa!"  (Reiner Wandler, derStandard.at, 21.12.2012)

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