Warum mich Weihnachten gerettet hat

  • Ho, ho, ho: "Ich trage das übliche Outfit, Mantel, Bart, Perücke, dann sage ich: ,Liebe Kinder, ihr müsst jetzt ins Bett. Liebe Erwachsene, für euch habe noch was besonders Schönes mitgebracht ...'"
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    foto: dpa/oliver berg

    Ho, ho, ho: "Ich trage das übliche Outfit, Mantel, Bart, Perücke, dann sage ich: ,Liebe Kinder, ihr müsst jetzt ins Bett. Liebe Erwachsene, für euch habe noch was besonders Schönes mitgebracht ...'"

Interview mit einem strippenden Weihnachtsmann

Weihnachten hat mich gerettet. Ja, das kann man wirklich so ausdrücken. Ich war damals ungefähr ein Jahr arbeitslos. Danach ist Schluss mit dem Arbeitslosengeld, das wissen Sie sicher. Ich bin Architekt, und mit Architekten kann man zurzeit in Deutschland die Straße pflastern. Nach dem Studium hatte ich eine Stelle in einem großen Büro in Düsseldorf, was ich da gemacht habe, könnte im Grunde auch ein technischer Zeichner erledigen. Aber so ist halt die Situation, ich war froh, überhaupt was gefunden zu haben.

Der Job ist befristet gewesen, nach einem Jahr fiel der Vorhang. Meine Chefin mochte mich sogar, aber die Auftragslage war halt nicht besonders. Ich habe mich ungefähr vierzigmal beworben. Sogar in Chemnitz. Okay, okay, ich höre schon auf, keine Sorge, ich erzähle Ihnen hier keine Sozialschnulze. Ich erzähle Ihnen eine Erfolgsstory.

Ich habe mir die Frage gestellt: Was könntest du machen? Nicht: Was willst du? Nicht: Wozu hast du Lust? Oder: Was hast du gelernt, womit kennst du dich aus? Das sind die falschen Fragen. Die führen zu nichts.

Fakt ist, dass ich relativ gut aussehe. Das klingt vielleicht eitel, aber ich höre das nun mal oft, sowohl von Frauen als auch von Männern. Viele sagen, dass ich sie an den Fußballspieler Mats Hummels erinnere, nur, ich sehe wohl noch besser aus als Mats Hummels. Klar, das ist kein Verdienst. Darauf muss man nicht stolz sein. Es sind die Gene.

In der Düsseldorfer Firma habe ich zwei Weihnachtsfeiern mitgemacht. Junge, Junge, da ging es ab. Champagner, Band, Buffet, alles. Trotz der schlechten Auftragslage. An den Weihnachtsfeiern sparen die Firmen ungern. Wenn eine Firma nicht mal mehr zu Weihnachten was springen lassen kann, dann spricht sich das herum, dann bimmelt für diesen Laden quasi schon das Totenglöckchen. Lieber kürzen sie das Urlaubsgeld - oder entlassen Typen wie mich. Es gab auch einen Entertainer bei den Weihnachtsfeiern, einen Comedian aus dem Fernsehen, wenn Sie mich fragen: C-Klasse. Ich konnte über den nicht lachen. 3000 Euro plus Mehrwertsteuer soll er gekriegt haben, für 30 Minuten. Dass sexuell bei den Weihnachtsfeiern manchmal was geht, brauche ich wohl nicht extra zu erzählen. Um halb zwei hat der Comedian mit unserer Chefin den Abflug gemacht, sie ist Single, da konnte keiner was dagegen sagen.

Jedenfalls habe ich mich an diese Feiern erinnert. Ich habe also angefangen, mich als den "strippenden Weihnachtsmann" zu vermarkten. Das war erst mal nur eine verrückte Idee. Zu Weihnachten gibt es Partys ohne Ende, und die Idee, das Thema Weihnachten mit niveauvoller Erotik zu verbinden, lag meiner Ansicht nach nahe. Zumal, wie gesagt, Erotik bei den Weihnachtsfeiern immer eine gewisse Rolle spielt, egal, ob man das nun gut findet oder nicht. Die Menschen kann man nicht ändern. Die Menschen muss man nehmen, wie sie sind.

Das übliche Outfit

Eine Frau, die auf Weihnachtsfeiern Striptease macht, also, eine Performerin natürlich, keine Mitarbeiterin, würde wahrscheinlich schlüpfrig oder peinlich wirken, auf jeden Fall unweihnachtlich. Egal, ob es jetzt künstlerisches Niveau hat oder nicht. Da hieße es auch: Sexismus. Das ist ja immer gleich der erste Vorwurf bei so etwas. Der Weihnachtsmann ist eben ein Mann, insofern bin ich mit meiner Darbietung automatisch viel näher dran an der Weihnachtsidee, das wird nicht gleich als Stilbruch empfunden, wie es bei einer strippenden Frau der Fall wäre. Ein Mann, der sich auszieht, ist gesellschaftlich auch viel akzeptierter inzwischen, auch wegen Filmen wie Ganz oder gar nicht. Da sagt niemand Sexismus. Und, wissen Sie, der Weihnachtsmann wird immer ein Mann bleiben, trotz Gender und Quote. Da mache ich mir keine Sorgen, dass morgen Alice Schwarzer kommt und fordert, bei jeder zweiten Bescherung muss eine Frau auftreten. Der Weihnachtsmann ist ein mäßig bezahlter Dienstleister, bei dem ist finanziell und machtmäßig für den Feminismus nicht viel zu holen.

Ich ziehe zuerst die Bescherung durch, falls gewünscht, das mache ich natürlich ganz traditionell. Ich trage das übliche Outfit, Mantel, Bart, Perücke, ich garantiere Ihnen, Sie würden mich nicht erkennen. Dann sage ich: "Liebe Kinder, ihr müsst jetzt ins Bett. Liebe Erwachsene, für euch habe ich noch was besonders Schönes mitgebracht." Dann löse ich langsam den Gürtel des Mantels. Da ahnen schon viele, was kommt. Ich trage unter dem Mantel rote Unterwäsche, ein Muscleshirt und Boxershorts, mit weihnachtlichen Motiven drauf, dazu rote Stiefelchen. Teile der Show habe ich mir bei Dita von Teese abgeschaut, die ist meiner Meinung nach in unserem Business weltweit immer noch die erste Adresse. Zum Beispiel legt sich Dita von Teese fast nackt in einen riesigen Sektkelch, ich mache das auch. Dabei habe ich immer noch meine Mütze auf, zwischen den Beinen trage ich nur noch den weißen Bart, mit der Bartspitze winke ich ins Publikum, und dazu hört man das Lied Kling, Glöckchen, klingelingeling. Ein bisschen frivol darf es ruhig sein, aber ich passe schon auf, dass es nicht zotig oder ordinär wird. Scherze mit den Wörtern "Rute" und "Sack" verbiete ich mir zum Beispiel, das geht unter die Gürtellinie, so was überlasse ich Mario Barth. Ich hatte mal den Satz "Ich komme durch den Schornstein" im Programm, den habe ich wieder gestrichen.

Am Ende ziehe ich zur Melodie von Oh Tannenbaum den weißen Bart langsam weg, parallel dazu setzt eine Nebelmaschine ein, die gleichzeitig einen Wirbel von künstlichen Schneeflocken produziert. Man sieht also fast gar nichts. Das ist das Künstlerische an meinem Beruf, es ist ein Spiel mit Erwartungen. Das passt gut zu Weihnachten, weil man da ja auch Erwartungen hat, die nicht immer eingelöst werden, Harmonie, Frieden, all diese Sachen. Weihnachten ist ein Ritual, Striptease oder, wie man heute gern sagt, Burlesque ist ebenfalls ein Ritual - Sie sehen, ich könnte stundenlang reden über meinen Job. Muss ich ja auch. Als sich der Erfolg meines Konzepts abgezeichnet hat, bin ich oft in Talkshows gewesen, sogar in politischen. Bei Hart aber fair wurde ich zum Thema " Weihnachten - Fest des Glaubens oder nur noch Kommerz?" eingeladen, neben Olaf Henkel, Jutta Ditfurth und Kardinal Lehmann, da war ich schon ein bisschen stolz.

Am Anfang habe ich 600 Euro pro Auftritt genommen, das war der Einführungspreis, inzwischen liege ich bei 1500, bei noch mehr Fernsehpräsenz wäre natürlich leicht das Doppelte drin. Wenn ich Ihnen sage, dass ich pro Saison etwa 25 bis 30 Shows hinlege, oft zwei oder sogar drei am Tag, können Sie sich ausrechnen, dass es zum Leben reicht, zumindest in bescheidenem Umfang. Und ich habe den größten Teil des Jahres frei, obwohl ich inzwischen auch mal außerhalb der Saison strippe, um in Übung zu bleiben. Ansonsten muss ich nur auf meinen Körper achten, ab Jänner wird immer hart gefastet. Ich habe über eine Ostershow nachgedacht, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht daran, dass die Leute einen strippenden Osterhasen sehen möchten.

Mein heiliges Prinzip

Sicher, ich bekomme manchmal Angebote. Und warum soll ich es nicht zugeben - manchmal nehme ich die Angebote auch an. Ich bin Single, mit hin und wieder einer lockeren Beziehung eher so am Rande. Und ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut, kein heiliger Nikolaus. Sex ist für mich etwas Natürliches wie Essen und Trinken. Ohne Sexualität würde es die Menschen doch gar nicht geben, insofern wird der liebe Gott schon nichts dagegen haben. Wie man das dann im Einzelnen ausgestaltet, muss jeder selbst wissen.

Aber eines steht für mich fest, ich nehme kein Geld. Das ist mein heiliges Prinzip, obwohl ich nicht im Geld schwimme und öfter mal eine ältere Vorstandsdame mit ihren Scheinen winkt. Ein bisschen Gefühl muss schon dabei sein, zumindest Sympathie. Ganz offen und brutal gesagt: Wenn es mal so weit ist, dass reiche Frauen für Geld den Weihnachtsmann haben können, dann ist es mit dem Geist des Weihnachtsfestes wirklich vorbei. (Harald Martenstein, Album, DER STANDARD, 22./23.12.2012)

Harald Martenstein, geboren 1953 in Mainz, ist deutscher Journalist und Autor. Er war zunächst Redakteur bei der "Stuttgarter Zeitung" und beim " Tagesspiegel" in Berlin. Seit 2002 schreibt er Kolumnen für "Die Zeit", seit 2007 im "Zeit Magazin". 2004 erhielt er den Egon-Erwin-Kisch-Preis für seinen Text über den Suhrkamp-Verlag. 2007 erschien sein Roman " Heimweg". Im März 2013 erscheint von ihm "Romantische Nächte im Zoo. Reportagen und Essays aus einem komischen Land" im Berliner Aufbau-Verlag.

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