Wovon nimmt man eigentlich Abschied?

    21. Dezember 2012, 18:14
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    Es war Sonntagvormittag, Ende Dezember in Athen. Bis auf vereinzelte Taxis lag die Avenue verwaist

    Der Schriftsteller Aris Fioretos über eine Begebenheit mit seinem Vater, ein paar Jahre, bevor dieser erkrankte.

     

    Stoisch navigierte er durch das Gedränge. Wenn ich ihn aus den Augen verlor, genügte es, stehen zu bleiben und den Blick auf nichts Bestimmtes zu richten.

    An einem Wintertag ein paar Jahre bevor mein Vater erkrankte, erklärte er, dass er mir etwas zeigen wollte. Während er auf mich wartete, suchte er seine russische Mütze heraus. Anschließend machten wir uns auf den Weg.

    Es war Sonntagvormittag, Ende Dezember in Athen. Bis auf vereinzelte Taxis lag die Avenue verwaist. Da wir uns Richtung Stadtzentrum bewegten, fragte ich mich was er mich zeigen wollte. Sein altes Gymnasium, von dem wir am Tag zuvor gesprochen hatten? Oder das neurestaurierte Kaféhaus am Omniaplatz, von dem er geschwärmt hatte? Aber wir ließen sowohl die Schule, als auch die aufgeputzen Arkaden hinter uns und gingen weiter zum Basar in Monastiraki. Hier kannte ich jede Straße und Abkürzung. In dem Jahr, das ich nach dem Gymnasium in der Stadt verbracht hatte, bewegte ich mich täglich in diesen Vierteln. Da drüben hatte ich meine Unterhemden gekauft, dort erwarb ich den Wasserschlauch für die Dusche, der auch als Toilettenspülung diente. Der Mann, der Fußballtrikots und Militärkleidung verkaufte, hing seine Waren immer noch in vier Reihen an Bügeln vor sein Geschäft, aber das Schaufenster, vor dem ich stets langsamer wurde, weil es verlockend komplizierte BHs und Nylonstrümpfe so dünn wie Libellenflügel präsentierte, war einem Architekturbüro gewichen.

    Je näher wir dem Basar kammen, desto belebter wurden die Straßen. Die Touristen waren anders als im Sommer - älter und besser gekleidet, häufig mit archäologischen Handbüchern unter dem Arm. An der U-Bahn-Station verkaufte ein älteres Paar geröstete Maiskolben, Albaner verhökern Krimskrams und ein Leierkastenmann versucht auszusehen, als käme er geradewegs von einer Versammlung, bei der die junge griechische Republik Kapodistrias zum Präsidenten gewählt hat. Mit einer fadenscheinigen Redingote und einer speckigen Krawatte bekleidet, ähnelte er einem verarmten Edelmann. Vater nickte zu seinen Füßen hin. Der Mann trug dicke Wollstrümpfe in Plastikschlappen. Wir spazierten weiter, vorbei an Stapeln von LPs, Gipsgöttern und vergilbten Lehrbüchern der Hydrologie. Ich wies auf das einzige Antiquariat in dieser Gegend hin, das diesen Namen verdiente, zweihundert Regalmeter in einem Keller, in dem ich regelmäßig nach Raritäten von der Jahrhundertwende gesucht hatte, aber Vater lächelte nur. Sein Blick besagte, dass es besseres gab als Erstauflagen von Kostas Kariotakis.

    Wie ein Metronom

    Stoisch navigierte er durch das Gedränge. Wenn ich ihn aus den Augen verlor, genügte es, stehen zu bleiben und den Blick auf nichts Bestimmtes zu richten. Nach einer Weile tratt im verschwommenen Blickfeld eine Kontur hervor, die ruhig und entschlossen ging. Andere Gestalten bewegten sich schnell oder ruckartig: Die eine hatte eine Stoppuhr als Herz, die andere eine Sanduhr, die laufend umgedreht werden musste. Nur Vater ging wie ein Metronom - sachlich und stetig, mit einer unwirklichen Regelmäßigkeit in den Bewegungen, die andere Menschen einen Schritt zur Seite treten liess. Um ihn bildete sich ein unsichtbares Kraftfeld, das Männer zum nicken und Frauen zum lächeln brachte.

    Früher betrachtete ich diese Reaktionen als Symptome des "Dr. Schiwago-Syndroms". Fremde wussten ja nicht, wer Vater war. Aber die russische Mütze und der Bart, den er zeitweise trug, ließen ihn in den Augen der Menschen wenn schon nicht bekannt, so doch prominent aussehen. Sicherheitshalber grüßten sie ihn. Der Gipfel dieses unberechtigten Ruhms wurde im Wien der siebziger Jahre erreicht. Eines Weihnachttages besuchten meine Eltern ein Museum, in dem sich zufällig auch Bruno Kreisky aufhielt. Vielleicht eröffnete der damalige Bundeskanzler gerade eine Ausstellung. Als er Vater entdeckte, marschierte er quer durch den Saal und schüttelte ihm enthusiastisch die Hand. Später lachte der Gegenstand der Aufmerksamkeit über den Vorfall, aber ein Teil von ihm konnte nie das Gefühl abschütteln, er habe sie verdient.

    Zehn Meter voraus biegte Vater nun in ein Gässchen. Das Warenangebot wechselte von T-Shirts zu Schraubenschlüsseln und Toilettenbürsten in Zellophanhüllen. Statt die Besucher von ihren wertvollen Waren zu überzeugen, sassen die Verkäufer breitbeinig auf Plastikstühlen, rauchten oder liessen die Perlen ihrer Kombolói durch die Finger gleiten. Kurz bevor wir ein Geschäft erreichten, vor dem Waschmaschinen standen, holte ich Vater ein. Auf einer Leiter stand ein Mann von etwa sechzig Jahren in schlabbriger Hose und Strickjacke. Er hing gerade einen Toilettendeckel auf. Als er den Besucher erblickte, strahlte er. " Herr Michael!" Sie grüssten und blieben, die Hände um die Ellbogen des jeweils anderen geschlossen, stehen.

    Als ich vorgestellt worden war, glaubte ich, der Moment für die Enthüllung sei gekommen, doch der Verkäufer pfeifte nur einen Gehilfen herbei, der um die Ecke Kaffee holen ging. Während die Männer Neuigkeiten austauschten, musterte ich das Geschäft. Ein weißes Emailleschild wurde von einem kretischen Nachnamen geziert, durch die offene Tür erkannte ich, dass der Verkaufsraum weiß gestrichen war. Im Fenster stand ein Kühlschrank, darauf lagen Badezimmerkacheln, von der Decke hingen Kabel herab. Auch das meiste, was im Laden verkauft wurde, schien weiß zu sein. Der Mann musste einer griechischen Filiale der Arktis vorstehen.

    Als wir ausgetrunken hatten, stand der Verkäufer auf. "Herr Michael..." Er ging einen nachdenklich wackelnden Zeigefinger hochhaltend hinein. " Ich weiß schon, warum Sie hier sind." Lachend schob er einige Kartons zur Seite. Er räumte und murmelte, es klirrte wie Glas. Als er wieder hinaustratt, hielt er eine Miniaturouzoflasche in der Hand. Vater lächelte mit einer Miene, die ich kannte: So sah er aus, wenn er sich über die Verrücktheit der Menschen freute, sich gleichzeitig aber auch über sie lustig machte. Konzentriert leerte er das Fläschchen. Während er sich für das Elixier bedankte, kämpften seine Gesichtszüge darum, ernst zu bleiben.

    Auf dem Heimweg berichtete er, dass der Mann von Kreta stammte. Seine Schwester schickte ihm regelmäßig geschmolzenes Schneewasser aus den Bergen, von dem es hieß, es habe wundertätige Eigenschaften. Er zuckte mit den Schultern, erkundigte sich dann, wie ich das Geschäft fand. Ich erklärte, dass es mich an die Szene in Doktor Schiwago erinnert hatte, in der Jurij und Lara die Sommerresidenz in Varykino am Jahresende besuchten. Der Schlitten fuhr zwischen Bäumen, bis er vor einem in Weiß gehüllten Gebäude hielt. Fenster, Veranda, Zwiebeltürme - alles war schneebedeckt. Als sie die Tür öffneten, sahen sie, dass es hereingeschneit hatte. Die Möbel ruhten unter weißen Decken, in den Fluren lagen Schneewehen. Die Stühle hatten sich in Stalagmiten verwandelt, der Kronleuchter war eine riesige Flocke. Sie traten in einen Palast aus Frost.

    Gefrorene Zeit

    Vater meinte, dass der Film in Spanien gedreht worden war. Und nicht im Winter, oder Ende eines Jahres, sondern bei dreißig Grad Hitze. Der Schnee war bloß Bienenwachs und Marmorstaub. Es hätte ebenso gut Griechenland sein können.

    Nachdem Vater endgültig erkrankt war, dachte ich: Der Eispalast war ein Sinnbild für die gefrorene Zeit. Unter der Schneedecke in seinem Inneren ruhte die Vergangenheit - unberührte Gegenstände, entschwundene Zusammenhänge. Das Dasein: erstarrt. Eine hastige Bewegung und das Meublement würde zu Pulver zerfallen. Sah es nun so in seinem Gehirn aus? Immer größere Teile seines Bewusstseins wurden beeinflusst. Er, der einst Weltmeister in improvisierten Reden gewesen war, konnte kaum noch einen Satz zu Ende führen. Schon nach wenigen Worten verlor er den Faden, sprach über etwas anderes oder verstummte. Die Gedanken zerbröselten bei Berührung. Manchmal sah man ein sanftes Flehen in seinen Augen, als befände er sich tiefer im Körper und müsste mitansehen, wie sich die Schale, in die er sich verwandelt hatte, anders verhielt, als von ihm gewünscht.

    War er in einem Eispalast gefangen? Oder selbst der Palast? Ich fragte mich: Wovon nimmt man eigentlich Abschied? (Aris Fioretos, Album, DER STANDARD, 22./23.12.2012)

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      "Dr. Schiwago-Syndroms". Fremde wussten ja nicht, wer Vater war. Aber die russische Mütze und der Bart, den er zeitweise trug, ließen ihn in den Augen der Menschen wenn schon nicht bekannt, so doch prominent aussehen.

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