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Katharina Haudum schaltete sich ein: "Was ist ein Vierteltelefon?" Das saß.
Katharina Haudum sah mich fragend an: "Wovon sprecht ihr gerade?" Als sie sah, wie uns die Gesichter einschliefen, war es zu spät: Haudum hatte zwar nicht vorgehabt, uns alte Säcke wie alte Säcke dastehen zu lassen - aber es war ihr gelungen. Katharina Haudum ist Anfang 20. Sie studiert am Reinhardt-Seminar. Vor kurzem stand ich mit ihr im Palais Auersperg auf der Bühne. Gemeinsam - und zusammen mit Nadja Bernhard (ORF) und dem Reinhardt-Seminaristen Lukas Wurm - moderierten wir das "Aufspiel", einen Abend, bei dem sich die MDW, die Universität für Musik und darstellende Kunst, präsentierte.
Während auf der Bühne Angelika Kirchschlager und Franz Schuh oder junge Hoffnungen der Uni zugange waren, quatschten wir hinter der Bühne. Und als irgendein Handy schepperte, fluchte ein Bühnentechniker, dass das Nichtläuten von Handys in Theatern einer der Vorteile der Zeit vor dem Smartphone gewesen sei. Ich ergänzte: "Ja, und am stillsten war es, wenn man ein Vierteltelefon hatte - und der Nachbar frisch verliebt war." Katharina Haudum schaltete sich ein: "Was ist ein Vierteltelefon?" Das saß.
Als wäre das nicht schlimm genug, stolperte ich dann auch noch Christian Oxonitsch im Museumsquartier über die Füße: Wiens Jugendstadtrat hatte gerade sein Kind im Theater zwischengeparkt und erzählte vom Trauma eines Bekannten in unserem berufsjugendlichen Alter. Dieser sei soeben von einer Dienstreise aus den USA heimgekommen und von seiner Tochter (die nun mit der eigenen im Theater saß) einfach ignoriert worden. Die junge Dame hatte eben Wichtigeres zu tun: Sie chattete am Smartphone.
Als sie das Gerät endlich zur Seite legte, erzählte Oxonitsch, machte der Vater einen folgenschweren Fehler. Er fragte die Tochter, ob sie wisse, dass es auch ein Leben vor dem Handy gegeben habe. Sofort bekam er die Rechnung für seinen Aberwitz präsentiert: "Vielleicht gab es ja eine Zeit vor dem Handy - aber Leben kann man das echt nicht nennen."
Leider war ich zu langsam, um dem Politiker von dem kleinen Lichtschein zu erzählen, den ich ein paar Wochen zuvor kurz aufglimmen gesehen hatte. Da hatte ich Clemens Setz interviewt. Und als ich mit dem Jungstar der heimischen Literaturszene (in der Buchwelt ist man mit 30 noch ein Jungstar) Kontaktdaten austauschen wollte, winkte der ab - und zog ein klobiges Seniorenhandy aus der Tasche: "Ich will ein Handy, mit dem ich telefonieren kann. Vielleicht auch SMS schreiben. Aber alles andere lenkt nur von dem ab, was man Leben nennt."
Ich war nicht der einzige am Set, der Setz da bewundernd, fast neidig anglotzte: Ein Leben ohne permanente Bereitschaft, den Kopf devot zu senken, um entweder auf ein "Pling" zu reagieren oder aber alle paar Augenblicke diverse In-Boxen daraufhin zu überprüfen, ob die Welt einen nicht vergessen hat? Was für ein radikaler, nachgerade revolutionärer Ansatz!
Aber es geht. Sogar in jungdynamischen Aufsteigerkarrieren. L. kann es beweisen. Auf einer Dienstreise beschloss sein Smartphone, ab sofort anders zu funktionieren: L. konnte Anrufe nicht mehr annehmen. Mails und SMS nicht beantworten. Am Anfang flippte L. fast aus. Unterwegs konnte er kein Ersatzgerät besorgen.
Nach drei Tagen hatte er sich daran gewöhnt. Nach einer Woche liebte er diesen Zustand. Und nun - vier Wochen später - ist das Smartphone noch immer nicht ausgetauscht oder repariert. "Die Kollegen raunzen zwar - aber ich arbeite genauso effizient wie vorher. Vielleicht noch besser - weil fokussierter."
Freilich ändert das nichts am Dino-Status: Im Oktober stand ich in Kopenhagen in einem Designmuseum vor jenem Telefon, das meine Oma in der Wohnung hatte. Der Hörer war - in der Erinnerung - schwerer als ein Laptop. Gleich daneben stand dann eines jener Dinger, die in Österreich von der Post einst als "Komforttelefone" beworben wurden. Der Komfort hatte, glaube ich, darin bestanden, dass das Ding nicht nur in Schwarz erhältlich war.
Meine Nichte, erinnerte ich mich da, war als Kleinkind einmal vor einem dieser letzten Wahlscheibentelefone gestanden und hatte genau das getan, was in Frank Oz' Filmkomödie "In & Out" (1997) wie eine saublöde Slapstickübertreibung gewirkt hatte: Im Film versucht Matt Damons Supermodelfreundin (Shalom Harlow), in einem Motel zu telefonieren - und scheitert kläglich: Sie kommt gar nicht auf die Idee, die Wahlscheibe zu drehen - und tippt ständig in die kleinen Ringe über den Ziffern.
Meine als Kind wahlscheibenunkundige Nichte maturiert demnächst. Und semmelte mir neulich freundlich rein, wie weit auseinander unsere Welten liegen: "Die meisten eurer Filme und Geschichten funktionieren heute nicht mehr", postulierte sie, "weil sie oft darauf aufbauen, dass irgendwer etwas sieht oder erlebt - und aufgrund räumlicher Distanz und mangelhafter Kommunikationsinfrastruktur irgendwen anderen nicht erreicht: Die Story wäre heute in einer Minute vorbei." Nicht nur zu Hitchcock, Wells & Co, nicht einmal zur Rocky Horror Picture Show würde es heute reichen: "I'm glad we caught you at home. Could we use your phone? We don't want to be any worry."
All das hatte ich erfolgreich verdrängt. Bis ich mit Katharina Haudum im Palais Auersperg hinter der Bühne auf den nächsten Auftritt wartete - und sie eine Frage stellte: "Was ist ein Vierteltelefon?" (Thomas Rottenberg, der Standard.at, 21.12.2012)
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Bei meinen Eltern gab es bis ca. 1996 ein Vierteltelefon. Zuerst ein beiger Wandapparat mit Wählscheibe. Später das rote "Komfortelefon" mit Tasten und versperrbarem Freischaltknopf. Beide waren übrigens fix mit einem verplombten Kasten verkabelt. Es später hab ich mal die Plombe geöffnet und ein Panasonic-Schnurlostelefon dazugezimmert. Hat funktioniert. Nach langen Interventionen bei der Post gabs dann irgendwann einen Vollanschluss und damit die ersten Gehversuche im Internet (Modem!)
Um jetzt mal ganz ehrlich zu sein...das Vierteltelefon ist aber schon SEHR lange her. Der Herr Rottenberg kann mir nicht einreden, dass das zu seiner Zeit noch allzu Landschaftsbestimmend war, immerhin wurde die Technik in Wien um die Jahrhundertwende (die vorletzte) herum eingeführt.
Und ja, ich musste es googlen. So what. Alte Technologien geraten nun mal schnell in Vergessenheit. Wenn ich Herrn Rottenberg fragen würde was ein Fliehkraftregler ist, und er wüsste es nicht, würd ich ihn auch nicht komisch ansehen.
Das ist jetzt nicht beleidigend gemeint, aber das muss eine schöne Bude sein bei euch.
Rotti ist 69er Baujahr wenn ichs noch richtig im Kopf habe. Klar gabs die Technik damals noch...aber das Auslaufen war bereits im vollen Gange.
und wie gesagt, alte Techniken, gerade wenn sie obsolet werden, vergisst man schnell.
Bis in die 90er-Jahre hinein war in Wien ein ganzer Anschluss nur sehr schwer zu bekommen. Fast alle hatten Vierteltelefone. Die letzten Viertelanschlüsse wurden in Wien erst Ende der 90er-Jahre umgestellt.
Wir hatten z.B. bis ins Jahr 1993 ein Vierteltelefon, damals war ich 10 Jahre alt und kann mich daher noch sehr gut daran erinnern. Mit der Modernität des Hauses hatte das übrigens gar nichts zu tun, unser Haus wurde 1990 fertiggestellt. Die Post stellte in unserer Gegend aber einfach keine ganzen Telefonanschlüsse zur Verfügung. Das war damals eben noch ein verstaubter Staatsbetrieb und Monopolist.
1995 in Wien: Streit mit der Post um ein ganzes Telefon, da am Vierteltelefon in der neuen Wohnung kein Fax angeschlossen werden konnte. Dann wurde eine ganze Leitung simuliert, da zuwenig Kabel verlegt waren. Eine der Segungnen des EU-Beitritts: Telekom-Liberalisierung. Zuvor: Telefonat Wien-Salzburg tagsüber pro Minute 6 ÖS, für alle denen das wieder zu lange her ist: Nach heutigem Wert ca. 60 bis 70 cent pro Minute, zuzüglich Grundgebühr.
Ich, bzw meine Eltern hatten das auch bis vor 20 Jahren...also etwa gleich lang wie Bambule1978.
Wobei es sogar sein könnte, dass wir es bis vor 15 Jahren hatten, als in etwa unser erstes inet angeschafft wurde und das nicht mit einem Vierteltelefon ging.
...jedenfalls ist ein Vierteltelefon kein Nachteil. Die Grundgebühr war geringer und ich kann mich an keinen Fall erinnern, wo wir warten hätten müssen um zu telefonieren. Deshalb stellte das bei uns keiner um.
so ein Vierteltelefon hatte nunmal eindeutig auch ein nicht zu verachtenden Vorteil:
Die Stille, wenn man ein Vierteltelefon hatte - und der Nachbar frisch verliebt war, war eben NICHT nur negativ.
Heute ist man immer und überall erreichbar - schlimm genug, wenn man das beruflich sein muss, aber auch noch privat?
Komischerweise dreht aber so gut wie NIEMAND, das Handy ab, eben weil man Angst hat was zu verpassen.
Willkommen in der stressigen Hektik der Neuzeit.
;-)
eines mit Android. Ich kann, wenn ich meine Ruhe brauche oder will, einfach das Internet abdrehen, kann es sogar eingehende Anrufe ignorieren lassen.
Ich weiss noch was ein Vierteltelefon ist und erkläre das "Kindern" dann so: Das ist wie ein UPC Internetanschluss im Gemeindebau. Je mehr Leute was runterladen um so langsamer wirds. Nur damals wars halt gleich besetzt.
Ich mag die moderne Technik, aber ich mag auch meine Ruhe. Das lässt sich wunderbar vereinbaren.
Hm, bin 78 geboren, wir hatten keinen Fernseher bis ich 6 Jahre alt war und Telefon erst als ich 8 war. Mit dem Wort Viertelanschluß hätte ich damals nichts anfangen können. Hab es mal in irgendeiner Fernsehserie (Kottan?) aufgeschnappt. Aber - auch mit 34 kann ich sagen: Live erlebt hab ich so einen Telefonanschluss nie.
Und ja, man konnte ohne Telefon gut leben - besser sogar.
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