Reisen zu Grimms Märchen nach Deutschland

    25. Dezember 2012, 16:34
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    Am 20. Dezember 1812 erschienen Grimms Märchen. In Deutschland kann man ihnen auf einer Themenstraße folgen

    "Nimm mich mit in dein Bettlein", quakt der garstige Frosch. Dass er geküsst wird, ist nicht das einzige Rätsel in der Grimm'schen Märchengeschichte. Denn erlöst wurde der Froschkönig in der Urversion, weil ihn die Prinzessin gegen die Wand wirft. Aber wie kommt man den beiden Brüdern auf die Schliche? Was haben sie nur gesammelt, was haben sie dazugedichtet. Alles Märchen, denkt man und macht sich auf den Weg.

    Selbst im Jubiläumsjahr 2012, das die Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen vor 200 Jahren feiert, muss niemand Kröten herzen, vom bösen Wolf gefressen oder von einer neidischen Königin vergiftet werden, um sich verzaubert zu fühlen. Es ist nicht einmal nötig, sich im dunklen Wald zu verlaufen, um diesen Märchen auf die Spur zu kommen. Auf der sogenannten Deutschen Märchenstraße erfährt man en passant Details aus dem Leben der Brüder und über ihre Protagonisten aus dem Sagen- und Märchenreich. Die Strecke mit rund fünfzig Stationen führt über gut 600 Kilometer von Hanau bis nach Bremen.

    Hanau ist die Geburtsstadt von Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) Grimm. Sie will mit den beiden Superstars aus der Märchen- und Germanistenszene glänzen, obwohl sich ihr Leben heute nur noch anhand von Gedenktafeln nachvollziehen lässt, da die Stadt im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. Allein das Nationaldenkmal der Brüder Grimm, das seit 1896 vor dem Neustädter Rathaus steht, blieb verschont. Nachdenklich blicken die beiden lebensgroßen Bronzefiguren vom Sockel, als wollten sie sagen: Die Zeit wird nie so alt, als dass das Wünschen und Träumen nicht mehr helfen könnte. Im englischen Landschaftsgarten von Schloss Philippsruhe kann man damit gleich anfangen. Im dortigen Amphitheater kommen jeden Sommer die Grimm-Märchenfestspiele zur Aufführung.

    Märchen vom Stadtführer

    Nur fünfzig Kilometer entfernt wuchsen die Geschwister im Fachwerkstädtchen Steinau an der Straße auf. Zwischen der Katharinenkirche, in der der Großvater Pfarrer war, und dem mächtigen Renaissanceschloss steht der Märchenbrunnen. Der magische Platz ist gleichzeitig der Wirkungskreis des Großen Zauberers aus dem Gestiefelten Kater.

    "Ich tische gerne Märchen auf", sagt Stadtführer Günther Mirsch und tippt auf die lange Nase seiner Maske. Er und seine Kollegen tragen Kostüme aus König Drosselbart, Frau Holle und Schneewittchen, wenn sie ihre Gäste zu fünf Stationen bringen, die im Leben der Grimms eine Rolle spielten. Dazu zählt auch das mit Schmuckfachwerk verzierte Wohn- und Amtshaus von Vater Philipp Wilhelm, das heutige Brüder-Grimm-Haus. In zehn Räumen wird eine moderne Ausstellung über Leben, Werk und Wirken der Familie Grimm gezeigt.

    Selten wo trifft das Wort malerisch - oder vielleicht sogar märchenhaft - eher zu als auf Marburg. Eng stehen hier die Fachwerkhäuser in Gängen und Gassen, Menschen laufen treppauf, treppab, und von überall sieht man das Schloss. Die Altstadt erscheint so herrlich historisch, dass die beiden Brüder jeden Moment um die Ecke biegen könnten.

    Tatsächlich kamen sie in die Stadt an der Lahn, um an der renommierten Universität Jus zu studieren. Ihren Spuren folgt man hier auf einem sogenannten "Grimm-dich-Pfad", um an künstlerisch gestalteten Symbolen auf Häusern, Mauern und Treppen zehn dazupassende Märchen zu erraten. Aus der alten Stadtmauer ragen Skulpturen vom Wolf und den sieben Geißlein, der Froschkönig hockt über dem Neustadt-Brunnen. An der Universitätskirche leuchtet der Sterntaler als Lichtinstallation, und am Markt sucht man die Fliegen vom Tapferen Schneiderlein. Den Torbogen der Neuen Kanzlei garnieren schließlich noch sieben Zwergenmützen, und im Weinberg unterm Schloss leuchtet ein roter Aschenputtelschuh, der so groß ist, dass er wahrscheinlich jeder Braut passt.

    Erst von Kassel aus eroberten Grimms Märchen die Welt. Gut dreißig Jahre lebten Jacob und Wilhelm in der späteren Documenta-Stadt, studierten, spazierten und philosophierten im Bergpark des Schlosses Wilhelmshöhe. Dort entstanden ihre wichtigsten Werke, auch die Kinder- und Hausmärchen , für die sie Geschichten aus mündlichen und schriftlichen Quellen sammelten. Das Handexemplar mit Notizen und Kommentaren, das zum Unesco-Dokumentenerbe gehört, ist im neu eröffneten Grimm-Museum zu sehen. Das Brüder-Grimm-Denkmal nahe ihrer ehemaligen Wohnung ist indes nur däumlingsgroß ausgefallen. In der Konditorei Nenninger gegenüber kann man denn bei einem Stück Grimm-Torte über die "Märchenonkel" sinnieren: Ihre Märchen sind weltberühmt, in rund 160 Sprachen übersetzt und millionenfach gedruckt. Doch als Germanisten, Sprachforscher und liberale Intellektuelle sind sie fast vergessen.

    Die Fachwerkstadt Hannoversch Münden liegt zauberhaft am Zusammenfluss von Weser, Werra und Fulda. Das prächtige Renaissance-Rathaus wird dort jeden Samstag zur Sprechstunde eines Wundarztes richtig voll. "Ich bin der Doktor Eisenbart, kurier die Leut' nach meiner Art", ruft ein goldberockter Mann mit Lockenperücke und führt seine Werkzeuge vor. Vom Operateur, Starstecher und Knochenflicker, der hier 1727 starb, ist bei den Grimms nichts zu lesen. Doch die Stadt hat den Barockarzt zu ihrer Leitfigur erkoren und sich mit der Legende um seine rätselhaften Heilerfolge auch einen fixen Platz auf der Märchenroute gesichert.

    Auf der Bühne trägt Willy Waldner mit seinen Helfern launige Sketches über das Wirken des oft verunglimpften Medicus vor. Mit Gauklern und Artisten zog er von Markt zu Markt, stellte Arzneien her und besaß das kurfürstliche Recht zu behandeln. Eine Statue über dem Sterbehaus sowie die Grabstätte an der Aegidi-Kirche erinnern an ihn. Schlag Zwölf öffnen sich im Rathausgiebel zwei Türchen und ein Glockenspiel mit Figuren zeigt den Arzt bei der Arbeit.

    Unendlich lange erscheint die Fahrt durch den sagenhaft dichten Reinhardswald, das größte zusammenhängende Waldgebiet Hessens, das wie im Zauberschlaf daliegt. Auf dem Hügel steht die Sababurg, die durchaus das Schloss des schlafenden Dornröschens sein könnte. Rosen blühen überall, auch im Burggarten, wo ein Märchenrundgang mit elf Stahlschnitten des Künstlers Alfons Holtgreve gerade eröffnet wurde. Günther Koseck hat das einstige Jagdschloss in ein Genießer- und Erlebnishotel verwandelt, dessen Hofstaat glücklicherweise nicht eingeschlafen ist. In der Küche lodert auf dem Herd immer ein Feuer, der Koch bringt Köstlichkeiten auf den Tisch, und eine Dornröschen-Darstellerin hält regelmäßig Märchen-Audienzen.

    In Polle an der Weser sind die Tauben gut genährt: "Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen ..." steht dort auf einem Schild in der Tourist-Info. Eigentlich gehört der Flecken in Niedersachsen ja schon ins Reich des "Münchhausenlandes" (zur besseren Orientierung wurde die Märchenstraße in thematische Abschnitte eingeteilt). Doch obwohl der Lügenbaron noch 74-jährig eine Dame aus Polle geheiratet haben soll, hat sich die Gemeinde lieber der Figur des Aschenputtels verschrieben. Die örtliche Laienspielgruppe spielt das Märchen in der mittelalterlichen Burgruine, wo der blaublütige Verehrer Fuß und Herz des Mädchens gewinnt.

    Geprellter Flötenspieler

    Im Herzen der Weserstadt Hameln hört man ihn schon, den Rattenfänger mit seinem Flötenspiel. Als die Stadt vor langer Zeit unter einer Rattenplage litt, wurde er von den Ratsherren zu Hilfe gerufen. Doch weil sie ihn um seinen Lohn prellten, griff er erneut zur Silberflöte und verschwand mit allen Kindern der Stadt. "Man muss halten, was man verspricht", sagt Michael Boyer, der Profi-Darsteller der Figur. Im Fachwerk des alten Rattenfängerhauses hält ein geschnitztes Spruchband fest, was sich hier anno 1284 zugetragen haben soll. "Es gibt 56 Theorien zu den tatsächlichen historischen Ereignissen", weiß Boyer. Er selbst halte sich aber an die Version der Brüder Grimm.

    Zwischen dem alten und dem neuen Rattenfängerbrunnen führt Boyer Besucher zu mittelalterlichen Häusern und schließlich ins Museum Hameln, in dem die viel älteren Sagen um den Rattenkult und um den Auszug der Kinder von Hameln wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Doch weil Märchen nicht ausgestorben sind, leben auch die Grimm'schen Erklärungen noch heute." (Beate Schümann, DER STANDARD, Album, 22.12.2012)

    • Die niedersächsische Stadt Hameln verfügt über das ideale 
Setting für die dunklen Legenden unter den Grimmschen Märchen. Jene vom "
 Rattenfänger von Hameln" stammt allerdings auch schon aus dem 
dunkelsten Mittelalter.
      foto: hameln marketing und tourismus gmbh

      Die niedersächsische Stadt Hameln verfügt über das ideale Setting für die dunklen Legenden unter den Grimmschen Märchen. Jene vom " Rattenfänger von Hameln" stammt allerdings auch schon aus dem dunkelsten Mittelalter.

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