Japan, ein Präzedenzfall für die Moderne

20. Dezember 2012, 19:07
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Japanische Kunst hat auf diverse Fraktionen der westlichen Moderne großen Einfluss ausgeübt: Im Kurpfälzischen Museum von Heidelberg spürt man dem Wesen des Japonismus mit der kleinen, sorgfältigen Schau "Kirschblüten" nach

Um 1900 war eine rabiate Zeit in der ästhetischen Produktion. Pierre Bourdieu erzählt in seinem Hauptwerk über die Regeln der Kunst von einem Treffen in Paris, bei dem sich die Vertreter der Ismen - des Impulsionismus, des Intensismus, des Floralismus, aber auch des Futurismus - aussprechen und eine gemeinsame Linie finden wollten. Das Ganze endete vorhersehbarerweise in einer Schlägerei. Zwar waren die avantgardistischen Stoßtrupps bisweilen gerade einen Mann hoch, doch schienen die jeweiligen Ansprüche auf Alleinvertretung deshalb umso plausibler.

Da tut es gut, von einem Ismus zu wissen, der auf wundersame Weise alle auf sich verpflichtete. Der Japonismus ist es, das Kurpfälzische Museum mitten in Heidelberg widmet ihm gerade eine mit Fug friedfertige Schau mit ebensolchem Titel: Kirschblütenträume. Statt aufeinander loszugehen, übten sich die Künstler an Zweiglein und Bäumen, nach den bekannten Prinzipien der Flächigkeit, mit einem Faible für Diagonalen und ausladende monochrome Farbpartien, weitgehend ohne räumliche Koordinaten, auf Tiefe verzichtend. Wem das zu avanciert war, der stellte die Accessoires dar, die Kimonos und die Schirme, und umgab die Interieurs mit geblümten Draperien.

Irgendwann übten sie sich alle, so emphatisch sie sonst waren, in fernöstlichem Schmelz: Wilhelm Trübner, der Realist, Max Slevogt, der Impressionist, Ernst Ludwig Kirchner, der Expressionist, Alexej Jawlensky, Wassily Kandinsky und Gabriele Münter von der Münchner Speerspitze des Spiritismus, Klimt und anderen Ich-AGs wie Ferdinand Hodler, Felix Vallotton oder ein Aquarellist aus Wien namens Egon Schiele.

In der Ausstellung fehlt Vincent van Gogh, der das Genre nicht begründet, aber mit Authentizität aufgeladen hat; seither legen sie alle eine Facette der Einheit von Kunst und Leben bei sich bloß, wenn sie, die sie nie in Japan waren, dessen Fundus plündern.

Apropos plündern: US-Soldaten waren es, die 1854 das Land aus seiner Splendid Isolation zwangen. Von da an brandete Handelsgut in den Westen, befördert von den Weltausstellungen, voran jener in Paris 1867, die die Mode begründete. Wien 1873 tat ein Weiteres, und die Kunst, der jede Aneignung, Appropriation, Einverleibung, vulgo: jeder Klau recht ist, bediente sich, wie die anderen Märkte auch, mit Vorliebe.

Japan war ein Präzedenzfall für das, was kommen würde in der orthodoxen Moderne. Es war zurückgeblieben, aber nicht primitiv; es diente dem Imperialismus, behielt aber politisch Selbstständigkeit; es ließ sich herbei für die westlichen Bedürfnisse nach Exotismus und Erotizismus, blieb aber einigermaßen auf Augenhöhe. Später, in Afrika, würde es nicht mehr so kuschelig zugehen.

Die Heidelberger Schau verteilt all das auf gerade vier Räumen. Das Wiener Mak hat mitgeholfen und einige dutzend Beispiele aus seiner Sammlung japanischer Holzschnitte beigesteuert, die Klassiker von Hiroshige, Utagawa oder Hokusai. Zustandegekommen ist eine kleine, feine Präsentation, unprätentiös und mit bestem Angebot an Exponaten. Ein wunderbares Plädoyer für das Prinzip Studioausstellung.    (Rainer Metzger aus Heidelberg, DER STANDARD, 21.12.2012)

Bis 10. Februar

  • Fernöstliches Schwelgen auf der anderen Seite der Welt: Bruno Fegers Skulptur "Kirsche" (2004).
    foto: stiftung f. fruchtmalerei u. skulptur, heidelberg

    Fernöstliches Schwelgen auf der anderen Seite der Welt: Bruno Fegers Skulptur "Kirsche" (2004).

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