Phantomschmerz einer Inszenierung

20. Dezember 2012, 18:23
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Premiere von Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos": Regisseur Sven-Eric Bechtolf transferiert Teile seiner Salzburger Inszenierung nach Wien.

 Er landet  bei einer im Detail witzigen, vielfach jedoch dekorativ wirkenden Stilistik.

Wien - Kooperationen im Musiktheaterbusiness haben für Kulturmanager - in diesem Fall für jenen der Salzburger Festspiele und sein Pendant an der Wiener Staatsoper - den Effizienzvorteil einer Teilung von Kostenleid. Für Regisseure erwächst aus der Tatsache, dass ihr Inszenierungskind dann an zwei Häusern funktionieren muss, jedoch ein gewisses Problemchen. Sie müssen bei der Arbeit am jenem die Oper herausbringenden Haus gleichzeitig die Tauglichkeit der Produktion im das Ganze später übernehmenden Operntempel mitbedenken.

Gemeinhin keine große Sache. Im Falle der Ariadne ergab sich für Regisseur Sven-Eric Bechtolf indes eine zusätzliche Regiehürde. Hatte er in Salzburg die üppige Urfassung (1912) des Werkes, die er mit eigenen Textideen witzig auflud, zu stemmen, war klar, dass in Wien eine andere, nämlich die obligate Version (1916) zum Zug komme. Jener erste Teil, der in Salzburg von einer munteren Theaterenergie getragen wirkte, welche sich im zweiten Part musikalisch entlud, würde also fehlen.

Kein Ideenersatz

Und er fehlte dann in jeder Hinsicht; Bechtolf fand für ihn keinen adäquat starken Wiener Ideenersatz. Zwar hat diese nun aufgebotene kürzere Fassung ja auch ein Vorspiel. Und in diesem trifft man gerne jenen Salzburger Haushofmeister wieder (nobel-überheblich: Peter Matic), der bei Bechtolf etwas von diesem Butler hat, der in Dinner for Two immer beschwipster um eine Dame torkelt. Matic hat jedenfalls allerlei Flüssiges zu nippen, darf sich auch ein Zigarettchen genehmigen. Und keinesfalls unangenehm scheint ihm, dass sein Schoß für Zerbinetta zur Sitzgelegenheit wird.

Wie aber der zweite Ariadne-Teil - mit der Klavierlandschaft und den Zuschauerreihen im Hause eines reichen Herrn - seinen Lauf nimmt, stellt sich schnell Phantomschmerz ein. Es fehlt dieser halben Übernahme schlicht jener irrwitzig-turbulente erste Kontrastteil - wie einem Radio seine Batterien. Der ursprünglichen Energiequelle beraubt, mutiert das aus Salzburg Mitgenommene jedenfalls zum dekorativen Spaß mit Bechtolfs kleinen Glanzmomenten der Figurenausgestaltung.

Zu fragile Stimme

Das betrifft nicht unbedingt den Komponisten. Christine Schäfer darf in dieser Rolle zwar auch im zweiten Teil stumm und am Ende Zerbinetta küssend mitwirken. Leider vermag Schäfer jedoch weder darstellerisch zu strahlen, noch scheint dieser Part für ihre recht diskrete Stimme ideal zu sein, die nur in der Höhe zu glänzen beginnt, in der Tiefe jedoch sehr unscheinbar bleibt.

Es betrifft auch nicht Stephen Gould. Als Bacchus (vokal robust, aber ohne das gewissen Etwas) wirkt er nicht beweglicher als jener reiche Herr, der dieser von ihm bestellten Opernkombination aus Humor und Tragik sitzend beiwohnt. Und das heiß viel. Hatte Bechtolf in Salzburg mit der Rolle des Reichen eine lebendig-kindische Figur ersonnen, so muss selbige in Wien plötzlich zum fast regungslos der Vorstellung folgenden Tycoon mutieren.

Aber immerhin: Daniela Fally gibt eine munter-flatterhafte und allen Koloraturwirren gewachsene Zerbinetta.

Und vor allem Krassimira Stoyanova überrascht als lyrisch-hitzige Ariadne/Primadonna, der Zerbinettas ausufernde Vokalexkurse zum Ärgernis werden, worauf sie sich an Dirigent Franz Welser-Möst wendet, der die Schuld gestenreich an den Operndirektor weiterreicht. Witzig wie auch ausgewogen die tolle Leistung des Gesamtensembles.

Besagter Dirigent hat mit dem Staatsopernorchester im ersten Teil pointierte Statements orchestraler Art gesetzt und im zweiten elegant jenen aufkeimenden musikalischen Fluss aufgenommen, der sich anmutig und kammermusikalisch entfaltet. Das hatte Klarheit, unspektakulären, sängerfreundlichen Charme und doch auch delikate Farbigkeit. Applaus für alle.   (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 21.12.2012)

Am 22., 26. und 29. Dezember sowie am 2. Jänner 2013, 19.30

Als Nachlese:

Dekorative Ideen, gute Stimmen
Nachtkritik zur Staatsopern-"Ariadne"

 Peter Matić: "Beim Singen lernt man unendlich viel fürs Sprechen"
Burgschauspieler Peter Matić im Interview

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    Ein Hauch von Theatereitelkeit: Krassimira Stoyanova (als Primadonna), Johann Schmeckenbecher (als Musiklehrer) und Christine Schäfer (als Komponist).

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