Innenschau für Insassen: Naikan-Meditation im Gefängnis

21. Dezember 2012, 11:46
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Die japanische Meditationsmethode Naikan hat in den vergangenen Jahren im deutschen Justizvollzug immer mehr Verbreitung gefunden. In Österreich gab es im Gerasdorfer Jugendgefängnis einzelne Workshops, diese wurden aber eingespart.

Gerasdorf/Wien - In einer Einzelhaftzelle sitzen, auf Fernsehen und Lesen verzichten und nichts anderes tun, als sich einen ganzen Tag lang drei Fragen zu stellen - klingt herausfordernd. In der Justizanstalt Gerasdorf für männliche jugendliche Straftäter in Niederösterreich nahmen Insassen diese Herausforderung seit den 90er-Jahren immer wieder an: bei Workshops mit der japanischen Meditationsmethode Naikan.

In deren Zentrum stehen drei Fragen über die Beziehung zu einer nahestehenden Person, die man auswählt, über die man in ein paar Jahre umfassenden Zeitabschnitten reflektiert: Was hat der Mensch in dem Zeitraum für mich getan? Was habe ich für diese Person getan? Welche Schwierigkeiten habe ich ihr verursacht?

"Ziel ist eine Veränderung der Interpretation der Vergangenheit und damit auch des Selbstbildes. Dies kann besonders für Inhaftierte wichtig sein, um mehr Eigenverantwortung für ihre Straftaten, aber auch für ihre Zukunft zu entwickeln", heißt es dazu in einem Papier des niedersächsischen Kriminologischen Dienstes.

Aus wegen hoher Kosten

Naikan-Workshops kann jeder Interessierte an eigenen Instituten ausprobieren. Vereinzelt wird diese "Innenschau" (was der Begriff übersetzt heißt) auch in der Sterbebegleitung angewandt sowie in der Suchttherapie.

Ein Feld, auf dem sie sich in den letzten Jahren in Deutschland verbreitet hat, ist der Strafvollzug - eines der ersten Einsatzfelder in Japan. In Österreich liefen erste Versuche 1993/94 in Gerasdorf. Seit 2011 sind sie, wie der Standard nun erfuhr, Geschichte. Derzeit gibt es in keinem österreichischem Gefängnis Naikantage.

Kurt Filipek, Leiter des sozialen Dienstes in der JA Gerasdorf, bedauert die Einsparung; große Kosten habe es nicht verursacht. Einmal im Monat haben sechs bis sieben Insassen freiwillig an einem Naikantag teilgenommen. An diesem Tag blieben sie in ihren Hafträumen und wurden regelmäßig von einem Naikanleiter in Gesprächen betreut. "Einige haben das über Jahre gemacht." Filipek zufolge trägt es dazu bei, Vergangenes aufzuarbeiten. "Vieles wird gerade von unseren Leuten (Insassen, Anm.) überspielt", sagt Sozialarbeiter Filipek. Ob Naikan mehr helfe als andere Therapien, die parallel dazu laufen, könne er aber nicht sagen.

"Schwierige Bedingungen"

Naikanleiter war der dafür ausgebildete Michael Simöl. Er gibt zu bedenken, dass in einer Haftanstalt schwierige Bedingungen herrschen: Eine Woche am Stück sei ideal, in Gerasdorf gab es einzelne Naikantage. Betreuung zwischen Terminen war nicht möglich. "Es war eine Herausforderung, das Vertrauen aufzubauen", sagt Simöl. In deutschen Gefängnissen, wo Naikan sich in den letzten Jahren weit verbreitet habe, sei das anders: Da sei bereits Justizpersonal dafür geschult.

Woran Simöl merkte, ob er Erfolg hatte? Simöl erzählt ein Beispiel: Ein Bursche, der zwölf, 13 Naikans mit ihm machte, erzählte ihm beim vierten Mal, dass er einmal wütend den CD-Player seines Bruders aus dem Fenster geworfen habe. "Er hat das mit einem gewissen Stolz erzählt", schildert Simöl. Bei einer späteren Sitzung sei das Erlebnis noch einmal Thema gewesen. "Da hat er es anders geschildert, betroffen."

"... etwas Forderndes bis zum Ende"

Auch Margitta Neuberger-Essenther, Leiterin der JA Gerasdorf, ist Naikan gegenüber aufgeschlossen. Die Einsparung entschied Filipek zufolge eine ehemalige leitende Mitarbeiterin.

Beim Forum zu "Naikan im Justizvollzug" im niedersächsischen Celle in Deutschland berichteten Vertreter deutscher Justizanstalten aus der Praxis mit jugendlichen Gefangenen. Das Resümee, nachzulesen in einem Tagungsbericht: Naikan vermittle den Insassen "... das Gefühl, einmal etwas Forderndes bis zum Ende durchgehalten zu haben". (Gudrun Springer, DER STANDARD, 21.12.2012)

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    In Deutschland ist Naikan im Justizvollzug Realität, in Österreich ist die Akzeptanz gering.

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