Böser Kitsch

Christian Schachinger, 20. Dezember 2012, 17:52
  • Bryan Ferry schont seine Kräfte und lässt alte Hits von Jazzern neu auf alt einspielen.
    foto: regina reis

    Bryan Ferry schont seine Kräfte und lässt alte Hits von Jazzern neu auf alt einspielen.

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Bryan Ferry lässt seine alten Songs von Jazzmusikern im Stile der 1920er-Jahre neu einspielen. Der Popstar als Kurator

Goethe nannte das Klassische das Gesunde und das Romantische das Kranke. In seiner im Jahr 2000 erschienenen und aufgrund einer durch den Kapitalismus und seiner dazugehörigen Gier bedingten konsumatistischen Sucht zum gesellschaftlich alles niederwalzenden und alles verdeckenden Kitsch viel zu wenig beachteten Streitschrift, nein, Empörung Zur Romantik gelangt der zumindest verbal definitiv nicht zur Bürgerlichkeit neigende ostdeutsche Schriftsteller Peter Hacks zudem zu einer rein physiologischen Definition der Romantik. Er hält diesbezüglich sowohl einen ethischen Defekt als auch eine Hirnschwäche für möglich. Das ist nicht nichts!

Peter Hacks: "Das ist, wofür wir die Romantik fürchten. Das erste Auftreten der Romantik in einem Land ist wie Salpeter in einem Haus, Läuse auf einem Kind oder der Mantel von Heiner Müller am Garderobenhaken eines Vorzimmers. Ein von der Romantik befallenes Land sollte die Möglichkeit seines Untergangs in Betracht ziehen."

Gleich werden wir bei Bryan Ferry sein, vorher lesen wir noch ein wenig weiter. "Was hat es mit dem romantischen Jugendlichkeitswahn auf sich? Die Zeit nach 1900 zeigt, dass von der Jugend oft nicht mehr verlangt wird als die Senkung der insgesamten Hirntätigkeit in einer Gesellschaft. Jugend muss nicht wohlhabend sein, um gelobt zu werden. Oft genügt, dass sie nicht klug ist." Sensationell!

Der britische Sänger Bryan Ferry dürfte sich beim 2003 verstorbenen Peter Hacks zeitlebens wohl kein Fach in dessen Herz ersungen haben. Immerhin trifft auf den ehemaligen Sänger der Götterband Roxy Music jedes Klischee zu, das mit Romantik, Schwelgerei, Dickauftragen und gefühlsmäßig bedingtem Dilettantismus verbunden ist - inklusive der Frage, ob zettbe nach 20 Uhr ein blauer Samtanzug erlaubt ist, wenn man dafür eh eine Krawatte umhat und nur zum Burlesque-Clubbing beim Wirt um die Ecke geht.

Was sich jahrzehntelang angekündigt und zuletzt auf der gar nicht einmal so gelungenen Ferry-Solo-CD As Time Goes By angekündigt hat, ist nun zum milden Albtraum gewachsen. Weil die Stimme wie bei vielen großen Alten nicht ab 60 Richtung Keller zu Leonard Cohen, sondern in die Höhe zu, hm, Scott Walker geht, verzichtet Bryan Ferry anlässlich seines 40-jährigen Bühnenjubiläums sowohl auf eine neue Arbeit, die sein viriles Walten in der Welt dokumentieren soll.

Wobei, unter uns gesagt, Olympia neulich mit Kate Moss auf dem Cover zwar kitschy und hochglänzend und so voll auf Sehnsucht zitternd, aber sonst eher nicht so toll war. Und Ferry erhöht auf dem neuen Album The Jazz Age die Arbeitsverweigerung hin zum reinen Kuratorentum.

Bryan Ferry singt nicht! Er tut nichts und bezahlt Jazzmucker dafür, im Studio mit Klarinette und Kontrabass und Beserlschlagzeug alte Roxy-Music- und Sololieder neu einzuspielen. Weil das sozusagen alles Klassiker sind - wir sprechen von Virginia Plain, Do The Strand, Love Is The Drug, meinetwegen auch noch Schulterpolstersakkoklassiker aus der Miami-Vice-Ära wie Avalon oder Slave To Love - bekommt diese Patina den Stücken außerordentlich gut.

Es klingt, wie wenn die Bands von Louis Armstrong oder Duke Ellington zu dessen Cotton-Club-Zeiten Bryan Ferry für sich entdeckt hätten. Die Musik kommt dabei aus dem Trichter. Ein Trichter verengt sich. Dahinter lauert ein schwarzes Loch. Romantik ist böse. Dixieland ist schlecht. Schöne Bescherung. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 21.11.2012)


The Bryan Ferry Orchestra - "The Jazz Age" (BMG)

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24 Postings
Gott ist das nervig !

http://www.youtube.com/watch?v=A2LhVazAFGY

Ich hätte als Leadinstrument noch eine singende Säge vorzuschlagen.
Im Swing-Jazzfeeling mit Gesang wären sicher einige Nummern interessant.

Bisher ging ich ja von der These aus, dass man einen guten Song nicht umbringen kann....Ferry schafft das sogar mit den eigenen !

> Es klingt, wie wenn die Bands von Louis Armstrong
> oder Duke Ellington zu dessen Cotton-Club-Zeiten
> Bryan Ferry für sich entdeckt hätten.
schlecht? Ich werde mir das Werk einmal reinziehen - bin schon gespannt.

Danke für den Link - nett, was da aus den Lautsprechern kommt. Sicher nicht umwerfend, aber nett.

vielen Dank - jetzt weiss ich, dass ich Bösen Kitsch mag!

Hallo, ihr selbsternannten Gralshüter der Kunst:

Jeder hat das Recht auf seinen eigenen "Kitsch"!
Wem schadet dies? Eben...

Warum wollt ihr ständig bestimmen, was einem anderen zu gefallen hat?

diese Kritik ist nicht persönlich auf Sie abgestimmt

einfach ein Werk eines, der sich ausdrücken möchte und auch kann.

Sie lesen wohl ausschließlich Fluch.

Sonst wüßten Sie, dass es einfacher und besser geht.
Hochtrabend allein ist mir persönlich nicht genug.

Sie lesen wohl ausschließlich Fluch

Nein, Schachinger auch.
:-)

Dilletantismus

jaja, bryan ferry, die alte dilli tant'!

einen blauen samtanzug hat sie auch noch an, *schwelg*!

Dilletantismus

steht so im artikel, bitte.

Dilletantismus

mittlerweile stand im artikel. in der print-fassung steht es aber noch.

:-)

Und keinem ist´s aufgefallen.

Sind halt Sprachdilettanten.

wir wollen gnädig sein!

Vielleicht ist das neue Album ja schlecht.

Vielleicht grottenschlecht.
Die Kritik dazu toppt es aber sicher.
zettbe....

Bruharrharr, sagte Kater Karlo und schluckte die Maus, die kreißende Gebirge geboren hatten....

Schlimmer geht's nimmer!

Papier ist geduldig und manchmal mehr Wert, als der Text darauf. Vor ein paar Jahren hat der geniale Radiomoderator Brusati Georges Prètres Neujahrskonzert niedergemacht und Teile davon als "Frechheit" bezeichnet.

Der Zwang originell zu sein, wohnt den Kritikern inne. Und die maßlose Selbstüberschätzung.

Gehe in dich und schweige...

Kritik zu Recht.

Die Neujahrkonzerte sind ja keine heilige Kuh und dürfen, ja sollen sogar kritisiert werden. Anlass dazu liefert diese Cashcow der österr. Kultur ohnehin. Immer dasselbe Zeugs wird meist irgendwie runtergespielt. Einzige Ausnahme war Harnoncourt.
Die Kritik an dieser Bryan Ferry/Roxy Music Orchesterfassung ist meiner Meinung nach berechtigt. Es ist eigentlich unhörbar, genau genommen. Ein echt blöder Einfall vom Ferry. Aber der hat es punkto Qualität noch nie genau genommen. Kitsch ist bei ihm ein fixer Bestandteil seiner Musikauffassung. Nur die Spitzenmusiker seiner damaligen Band haben das Ärgste verhindert.

Es bleibt Ihnen unbenommen Enthaltsamkeit bei Neujahrskonzerten zu üben.

Verletzende Kritik ("Frechheit") zu üben, an dem was vielen Menschen gefällt, ist elitäre Arroganz. Ihr manipulierten Massenkonsumenten!

Wenn einem Georges Prètre beeindruckt und Bryan Ferry gefällt, ist man erstens noch lange kein Kulturbanause und braucht, zweitens, niemanden, der einem sagt, was kulturell wertvoll ist...

Ich bitte Sie, sich nicht gekränkt zu fühlen. Das lag nicht in meiner Absicht.
Es ist bloß meine Abneigung gegen Oberflächlichkeiten und Verkitschungen im musikalischen Bereich (z.B. Musicals, volksdümmliche Musik, ect.)
Aus diesem Grund habe ich mich schon vor langer Zeit vom Mainstream, auch dem Qualitätsnäheren, abgewendet.
Aber Brian Ferry mag ich trotzdem noch.

Finde Ihren Standpunkt

sympathisch und bin keineswegs gekränkt. Danke für Ihr Posting.

Es hilft nichts. Man muss das aussitzen. Einfach warten, bis die Leichen den Fluss hinunter getrieben sind. Und hoffen, dass der Standard irgendwann einmal MusikredakteurInnen bekommt, die kein böser Kitsch sind.

Könnte man in Ö auch einmal eine ganz normale Musikkritik lesen, wo jemand der nicht im Konzert war, oder die CD gehört hat, sich auch irgendiwe auskennt?

Mir ist Roxy Music an sich egal, da waren einmal ein paar ganz nette Lieder und der Ferry hat eine oft unterschätzte Stimme, aber wenn ich diese Zeilen schon lese:

Zum Beispiel wie heißen die Musiker, die''Jazzmucker'' bezeichnet werden , spielen die leiwaund oder nicht? Hat sich der Ferry irgendwie geäußert?

Also Eindrücke, die über das angeödete Innenleben des Autors hinausgehen? So wie Punkterichter beim Skifliegen ja auch andere Maßstäbe anlegen, als die Jury beim Eiskunstlauf, oder die Kampfrichter beim Boxen.

to satisfy your need...i guess the musicians are the same as on As Time Goes By

http://www.allmusic.com/album/the... 0002441951

dafuq did i just read

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