"Salzburg ist ein Sonderfall"

Interview | Maria Sterkl, 21. Dezember 2012, 13:58
  • "Man hat gesagt: 'Ihr seid zu bieder,  
eure Zinsen sind zu hoch, ihr müsst ein bisserl mehr tun, einen Swap zum
 Beispiel.' Und viele haben das befolgt", sagt Gerhard Lehner.
    foto: derstandard.at/mas

    "Man hat gesagt: 'Ihr seid zu bieder, eure Zinsen sind zu hoch, ihr müsst ein bisserl mehr tun, einen Swap zum Beispiel.' Und viele haben das befolgt", sagt Gerhard Lehner.

  • "Es besteht die Gefahr, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet und sagt: 'Keine Fremdwährungen, keine Swaps mehr.' Das wäre schwachsinnig."
    foto: derstandard.at/mas

    "Es besteht die Gefahr, dass man das Kind mit dem Bade ausschüttet und sagt: 'Keine Fremdwährungen, keine Swaps mehr.' Das wäre schwachsinnig."

Finanzexperte Gerhard Lehner kritisiert den Rechnungshof: "Die großen Dinge sieht er nicht"

Dass in Salzburg Millionen Euro unauffindbar sind, sei eine Folge der mangelnden Trennung von Buchhaltung und Veranlagung, aber auch ein Problem der mangelnden Kontrolle: Der Rechnungshof hätte genauer hinschauen sollen, meint Fiskalexperte Gerhard Lehner. "Der Rechnungshof deckt Kleinigkeiten auf, aber die wirklich großen Dinge bleiben verborgen", sagt Lehner im derStandard.at-Gespräch.

derStandard.at: Als Kenner der österreichischen Landesfinanzen: Wie überrascht waren Sie am 6. Dezember, als der Salzburger Spekulationsverlust öffentlich wurde? 

Lehner: Ich war überrascht. Ich kenne ja die handelnden Personen, auch die frühere Referatsleiterin Monika R. - wenn Sie mich vor einem Monat zu Salzburg befragt hätten, hätte ich gesagt: Das ist ein Musterland. Salzburg war immer für eine sehr ruhige Finanzpolitik bekannt. Was die Verschuldung betrifft, war Salzburg immer unauffällig. 

derStandard.at: Hunderte Millionen sind unauffindbar. Wie ist das möglich?

Lehner: Das ist schon merkwürdig. Die Buchhaltung muss ja wissen, was hinausgeht und was hineinkommt. Wenn das noch dazu solche Beträge sind, müsste die Buchhaltung Alarm schlagen und sagen: "Moment, die Frau R. macht unmögliche Sachen." Nun hört man aber, dass Monika R. die Berechtigung hatte, Buchungen durchzuführen. Insofern ist Salzburg ein Sonderfall. In anderen Ländern ist die Buchhaltung streng getrennt von der Finanzabteilung. Das könnte ein gewisser Konstruktionsfehler sein. Den gibt es womöglich schon lange - aber bisher hat wohl niemand daran gedacht, dass es zu Spekulationsgeschäften kommen könnte.

derStandard.at: Ist eine Buchhaltung, die nur die Anfangswerte der Veranlagungen erfasst, noch zeitgemäß?

Lehner: Die Länder und der Bund haben eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung, da gibt es keine Abschreibungen. Man sollte aber eine Art Ergebnisrechnung einführen, und beim Bund passiert das 2013. Österreich ist dann international gesehen ein Musterland. Wichtig wäre, dass auch die Länder das übernehmen. Das wird ein mühsamer Weg. Aber das ist vielleicht der Vorteil der Salzburger Causa: Bestimmte Dinge werden jetzt ins Rollen kommen.

derStandard.at: Monika R. wird von vielen als außerordentlich kompetent beschrieben. War sie Ihrer Meinung nach auch kompetent genug, die Risiken dieser Veranlagungsprodukte realistisch einzuschätzen? 

Lehner: Ich kenne sie seit einiger Zeit. Monika R. ist ungewöhnlich ehrgeizig. Sie hat sich sicher hineingetigert und hat ein großes Wissen - aber ob das ausreicht, weiß ich nicht. Vielleicht hat sie sich selbst überschätzt.

derStandard.at: Manche meinen, es habe zu Beginn des Jahrtausends einen großen Druck auf Landesregierungen gegeben, nicht so "konservativ" zu veranlagen.

Lehner: Ja, ab 2001 wurde den Ländern und Gemeinden gesagt: "Ihr seid zu bieder, eure Zinsen sind zu hoch, ihr müsst ein bisserl mehr tun, einen Swap zum Beispiel." Auch der Rechnungshof hat das gesagt. Und viele haben das befolgt, eben auch Salzburg. Monika R. wollte wohl den anderen Bundesländern zeigen, dass in Salzburg die Besten sind. Lange Zeit ist das auch gut gegangen. Das Übel hat ja nicht 2001 begonnen, sondern zu dem Zeitpunkt, als es erstmals bergab gegangen ist. Da ist sie in einen Abwärtssog geraten. Sie hätte früher sagen müssen: "Jetzt wird gebeichtet, ich habe einen Verlust von X, wir stellen alles glatt."

derStandard.at: Für wie realistisch halten Sie es, dass Monika R. im Alleingang entschieden hat?

Lehner: Sie hatte ein Pouvoir, das ist unbestritten. Die erste Frage ist: Wie weit ist das Pouvoir gefasst, hat sie es überschritten? Wenn nein, dann wird man ihr nicht einmal Untreue vorwerfen können. Die zweite Frage ist, ob sie Berichtspflichten eingehalten hat. Das wird man klären müssen.

derStandard.at: Der Rechnungshof meint, er sei vom Land Salzburg falsch oder lückenhaft informiert worden.

Lehner: Das ist ärgerlich. Jeder kleine Unternehmer, der steuerlich geprüft wird, legt nicht alles offen, belügt den Betriebsprüfer hinten und vorne - ist ja logisch. Es ist die Aufgabe des Betriebsprüfers, dem Unternehmer nachzuweisen, dass er lügt oder etwas unter den Tisch fallen lässt. 

derStandard.at: Landesrechnungshofchef Manfred Müller sagt, der Rechnungshof sei "kein Wirtschaftsprüfer".

Lehner: Na was denn sonst?

derStandard.at: Ist der Rechnungshof säumig?

Lehner: Nein, er ist sogar sehr fleißig. Er sollte nur auch einmal zugeben, dass er Fehler macht. Aber er hat es verstanden, sich in eine Unfehlbarkeitsposition zu bringen. Wenn der Rechnungshof heute sagt "Zwei mal zwei ist fünf", dann schreibt das jeder Journalist. Der Rechnungshof deckt Kleinigkeiten auf, Geburtstagstorten um 13.000 Euro. Aber die wirklich großen Dinge bleiben verborgen. Weil der Rechnungshof sie nicht sieht.

derStandard.at: Sind Sie für ein Spekulationsverbot?

Lehner: Das Ziel war von Anfang an, die Zinsbelastung für das Land zu minimieren. Da überlegt man: Fremdwährungskredite oder Eurokredite? In dem Moment, wo man sich das überlegt, spekuliert man schon. Aber es ist natürlich ein Unterschied, ob man das mit Frankenkrediten oder isländischen Anleihen macht.

derStandard.at: Was ist die Lehre aus der Salzburger Causa?

Lehner: Es besteht die Gefahr, dass man jetzt das Kind mit dem Bade ausschüttet und sagt: "Keine Fremdwährungen mehr, überhaupt keine Swaps mehr." Das halte ich für schwachsinnig. Man müsste die Bundesfinanzierungsagentur (ÖBFA) stärken. Solche Derivativ- und Swap-Geschäfte sollten nur noch über die ÖBFA gemacht werden dürfen. Das heißt: Nicht das einzelne Land macht die Geschäfte, sondern die ÖBFA macht es für das jeweilige Land. Außerdem sollten in Zukunft auch die Gemeinden Geld bei der ÖBFA aufnehmen dürfen. Was mit dem Geld dann passiert, ist natürlich Länder- beziehungsweise Gemeindesache.

derStandard.at: Sollten die einzelnen Länder keine Derivativgeschäfte mehr abschließen dürfen?

Lehner: Das muss man diskutieren. Ich würde diese Geschäfte der ÖBFA geben. Ich sehe nicht ein, warum das die Länder selbst machen müssen - dafür brauchen sie Leute, die sich auskennen müssen. (Maria Sterkl, derStandard.at, 20.12.2012)

Gerhard Lehner ist Experte für Fiskalpolitik und ein Kenner der Länder- und Gemeindefinanzen Österreichs. 32 Jahre lang war er beim Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) für Budget- und Steuerfragen zuständig. Zudem ist er weiterhin Mitglied im Staatsschuldenausschuss.

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Detailwissen und großer Ehrgeiz auf der einen

und Machtselbstgefälligkeit auf der anderen Seite. Da muss sowas rauskommen, das ist eine Symbiose.

Das einzige was im öffentlichen Dienst (egal ob politisch oder beamtet) schützt, ist Anstand, Moral und eine ausreichende Portion Bescheidenheit.

die Ausnahme sind wohl eher die Gemeinden in denen nicht gezockt wurde. Die Summe der veranlagungen dürfte in die Milliarden gehen, ebenso wie die Verluste.
Mit einer Aufklärung ist nicht zu rechnen, da sich ALLE dagegen wehren werden!

Der Finanzexperte Brenner....

kein sonderfall

weil ich gerade "darüber gestolpert" bin:

bereits 2009(!!!) hat das BZÖ einen Antrag im Parlament eingebracht, wegen der Spekulationen von Bund, Länder und Gemeinden.

http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/... 67009.html

das problem ist seit jahren bekannt und wird von allen stillschweigend geduldet. wenn dann was schief geht, sind natürlich "alle anderen" schuld.

der Lehner ist ein Sonderfall

" Jeder kleine Unternehmer, der steuerlich geprüft wird, legt nicht alles offen, belügt den Betriebsprüfer hinten und vorne - ist ja logisch. Es ist die Aufgabe des Betriebsprüfers, dem Unternehmer nachzuweisen, dass er lügt oder etwas unter den Tisch fallen lässt. "
So eine Frechheit mir als Unternehmer so was unterstellen zu lassen. Er bezeichnet damit höchstens seine eigene Ethik, die höchst fragwürdig ist. Unglaublich was im öffentlichen Dienst in Österreich so alles rumläuft - zum k......n

ja, lieber lehner,...

ist nö auch ein sonderfall?
oder kümmert sie das nicht, weil dort pröll regiert?
oder wie ist das in der stmk?
hat dort auch die sp alles blind übernommen von den schwarzen lumpen?
und munter weitergemacht, ohne zu wissen, wo, wiviel vom steuergeld angelegt ist?
wieviel verloren wurde?
und, die nb hat empfohlen zu zocken?
wunderbar.
warum sind diese herren noch im amt und nicht im häfen?
und warum, lehner, haben sie das nie öffentlich kritisiert?

Geburtstagstorte um 13.000 Euro

Wer kauft um unser Steuergeld so eine teure Geburtstagstorte???

Auch wenn das für Herrn Lehner nur "Kleinigkeiten" sind ist das weit mehr als meine gesamte Lohnsteuerleistung für ein Jahr harter Arbeit.

Und beim Gedanken dass dafür irgendwer eine Riesen-Luxus-Geburtstagstorte isst wird mir gleich schlecht.

Ich glaube das möchte Hr Lehner ja auch nicht klein reden. Er weist nur darauf hin, dass die Kontrollinstanzen viel eher im Stande sind solche Ungereimtheiten zu finden, als wirklich grosse Fehlinvestitionen (HypoAlpeAdria, Grasser und die Anlagegeschichten), die sich in einer Grössenordnung abspielen, die für uns Normalverdiener einfach unvorstellbar sind.

luxusgeburtstagstorten und spekulationsverluste

beides entspringt derselben einstellung: ist eh nicht mein geld, da hau ich es raus für geburtstagstorten und spekuliere mit großem risiko.
wird schon nix passieren, und wenn doch - dann gibts eh keine konsequenzen.

Ja, ab 2001 wurde den Ländern und Gemeinden gesagt: "Ihr seid zu bieder, eure Zinsen sind zu hoch, ihr müsst ein bisserl mehr tun, einen Swap zum Beispiel." Auch der Rechnungshof hat das gesagt.

Interessant. Das war eine RH Forderung? Und wer hat das abgesehen vom RH noch geasgt?

die ganze övp, große teile der spö...?

Irgendwas raten kann ich auch - oder haben Sie Belege?

es werden, so gott will, in naher zukunft...

"belege" auftauchen, dass ihnen die tränen kommen.
vor allem, wenn die wahlen in nö wider erwarten anders ausgehen, als sich das die beiden großparteien wünschen.
kein stein bleibt auf dem anderen.
und schaffen sie es dennoch noch einmal, wird das erwachen um so schlimmer.
für weite teile der nö eliten.

Die NÖ blieben in ihrem Käfig.

Auch wenn das Türl einen Spalt offen ist.

Herr Lehner, Ihre Meinung bitte auch zum NÖ Wohnbaugelder-Bauchfleck!

Ganz Österreich ist ein Sonderfall!

was Grasser 2001 angeschafft hat, ist 2008 gründlich in die Hose gegangen

Die TOP-Banken haben es gecheckt und ein Super-Geschäft daraus gemacht. Ihre Geschäftspartner waren unser unbedarften Politiker und Beamten. Die Rechnung bezahlt wie gehabt der Steuerzahler!

"Das Übel hat ja nicht 2001 begonnen, sondern zu dem Zeitpunkt, als es erstmals bergab gegangen ist."

Das habens wohl überlesen, oder?

Hauptsache der Grasser ist Schuld.

Abgesehen hat Grasser nicht "angeschafft", sondern nur - wie auch der Rechnungshof - nahegelegt. Die Verantwortung was sie wirklich machen tragen wohl die Länder selbst, oder?

das ist wahr,...

aber welch finanzminister "legt den ländern nahe" zu spekulieren" mit steuegeldern?
abgesehen von der unverfrorenheit von landes politikern und beamten, die das befolgten, wie wprden sie solch einen minister nennen?
einen schwerkriminellen?
oder wie nennen sie den bk einer solchen regierung?

Karl-Heinz bist Du´s ?

Wie ist das mit den Verlusten in NÖ?

1. Die SPÖ hat im Landtag dieser Geldbeschaffungsaktion zugestimmt: Das Land brauchte dringend Geld
2. Der "Verlust" ist konstruiert: Wer rasches Geld braucht, zahlt (bzw. wird abkassiert).
3. Tatsächlich hat NÖ Gewinne gemacht, aber nur ~2 Prozent Verzinsung des eingesetzten Kapitals lukriert. Daraus ergibt sich der Verlust: statt der erwarteten 5% Verzinsung wurdens nur ~2Prozent, offenbar hat der Markt nicht mehr zugelassen.
4. Daraus ergibt sich der Verlust: man hat mehr erwartet,als einging

und das wissen sie genau...?

beneidenswert.
ich möchte wetten, eine genaue prüfung in nö würde ganz anderes ans licht bringen.
mit der sp haben sie recht.
darum gehören beide parteien auf den müllhaufen der geschichte.
und ihre protagonisten mit aller härte bestraft.

Und wie ist das in NÖ?

"Die großen Dinge sieht er nicht" (der Rechnungshof).

Ja, in NÖ hat er es gesehen, er hat auf die grob fahrlässigen Verluste von hunderten Millionen hingewiesen.
Der autokratisch regierende Landesfürst hat darauf hin den Rechnungshof zur Schnecke gemacht und die Medien ultimativ zum Schweigen aufgefordert.
In NÖ redet man nicht mehr davon.
Wenn wir hier Finanzskandale der Bundesländer erörtern, dann die Kärntner, die Wiener und die Salzburger. Damit sind wir voll ausgelastet.

burgenland hams vergessen...

aber das kommt noch.

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