Formfleisch im Spaghetti-Ornament

  • Mit einem Fake-Baldachin, einem oft in Stein ausgeführten Teil französischer Fassaden, deutet Bohl eine Art Agora an.
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    foto: tina herzl

    Mit einem Fake-Baldachin, einem oft in Stein ausgeführten Teil französischer Fassaden, deutet Bohl eine Art Agora an.

Henning Bohl packt das Elend unserer postfordistischen Gesellschaft in Torten. Ein "namenloses Grauen", das sich insgesamt etwas verheddert

Wien - Wer will schon in einem Tortendiagramm aufgehen. Als Zahl in der zähen Masse untergehen, die sich in runden Kuchen mit mehr oder weniger großen prismenförmigen Leerstellen visualisiert. Schon Otto Neurath, Erfinder der Bildsprache Isotype, sah von den Torten zur Darstellung sozialer Verhältnisse ab.

Doch Henning Bohl kehrt zu diesem namenlosen Grauen zwischen pickiger Glasur zurück: Seine Tortendiagramme zu "Jugend, Ruhm oder anderen symbolischen oder realen Vermögen", verrät der 1975 geborene Künstler, entstanden in Anbetracht des alltäglichen profanen Horrors eines Künstlerlebens: "Mieten, Rechnungen und das allgemeine und unglaubliche Ausmaß von Unannehmlichkeiten, von dem einige Menschen sich genötigt fühlen, es über uns auszubreiten."

Bohls Filzstift-Tortendiagramme mutieren zu Pacmans, jenen nimmersatten Computertierchen der 1980er-Jahre, die in gewisser Weise auch für die Aufbruchstimmung dieser dekadenten Dekade stehen. Da war noch viel Platz nach oben; da konnte man sich in der Finanzwirtschaft das Kapital anfressen, von dem viele noch bis heute zehren. Die Tortenwesen mampfen sich ihren Weg, zerkrümeln zur Not auch den Nachbarkuchen, zerfließen am Ende der Serie zu schlickigem Morast, zu Formfleisch. Rundherum sind Knoten im Spaghetti-Ornament - Knoten im System.

Nicht von ungefähr finden Bohls Tortenschlachten auf lachsrosa Zeitungspapier statt: Es sind Seiten des Führungskräfte-Anzeigenblatts Alpha. Der Kadermarkt der Schweiz. Bohl geht es aber um eine ganz andere Klasse, um die Künstler, Bohemiens 2.0 und Paradeexemplare des Postfordismus unserer neoliberalen Gesellschaft.

Namenloses Grauen ist auch der Titel der Ausstellung über dieses Unbehagen bei Meyer Kainer, die spärlich möbliert und mit einem Fake-Baldachin ein Setting im öffentlichen Raum andeutet. Insgesamt bleibt die Oberfläche aber ein bisschen diffus und lädt zu beliebiger Interpretation ein.   (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 20.12.2012)

Bis 4. 1., Galerie Meyer Kainer, Eschenbachgasse 9, 1010 Wien

 

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