Weihnacht ohne Zwang

Kolumne | Barbara Coudenhove-Kalergi
19. Dezember 2012, 19:21

Die allgemeine Säkularisierung hat den Druck von Weihnachten genommen

Nach langen Jahren scheinen wir uns endlich daran gewöhnt zu haben, dass Österreich eine säkularisierte Gesellschaft ist und Weihnachten im Wesentlichen ein säkuläres Fest. Jingle Bells statt Stille Nacht. Das ist auch gut so. Besser und ehrlicher, ein fröhliches Fest zu feiern, an dem alle teilnehmen können, als die verordnete Christlichkeit, die vor noch nicht allzu langer Zeit viele dazu bewogen hat, in den Weihnachtsfeiertagen lieber weit weg in irgendein tropisches Strandhotel zu flüchten.

Manche finden es schade, das Christkind und Krippe, Ochs und Esel, Engelchor und Gloria aus der Öffentlichkeit verschwunden sind und sich nun alles scheinbar nur ums Essen und Einkaufen dreht. Aber ist es wirklich besser, wenn sich ins Klingeln der Kaufhauskassa die Klänge von Es ist ein Ros entsprungen mischen? Wenn zur Weihnachtszeit Besinnlichkeit und Frömmigkeit einem mehrheitlich dem Christenglauben entfremdeten Publikum gleichsam mit sanfter Gewalt aufs Auge gedrückt werden?

Viele heute Erwachsene erinnern sich mit Schaudern an vergangene Weihnachtsfeiern in der Familie. Kinder, die so tun mussten, als " glaubten sie ans Christkind", obwohl sie längst wussten, dass die Geschenke von den Eltern kommen. Heuchelei statt ehrliche Verbundenheit, Sentimentalität statt Weihnachtsfreude, Kitsch statt Schönheit. Und die Erleichterung der Jungen, wenn sie zu angemessener Stunde endlich entwischen konnten, um mit ihren Freunden auf ihre Art zu feiern.

Die allgemeine Säkularisierung hat den Druck von Weihnachten genommen. Wer will, kann weiter auf hergebrachte Art feiern, mit der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium, den schönen frommen Liedern von O du Fröhliche bis zu Adeste fideles, mit den Kindern und den alten Verwandten, die sonst viel allein sind und froh, wenn einmal im Jahr die ganze Familie zusammenkommt.

Aber er oder sie muss nicht. Man kann auch mit Freunden feiern oder ausgehen, weil nicht mehr, wie früher, sämtliche Lokale der Stadt am Heiligen Abend geschlossen sind, gleichsam als Strafe für die Ungläubigen. Es ist auch keine Katastrophe, wenn jemand zu Weihnachten allein ist. An diesem Abend allein sein - das galt noch vor relativ kurzer Zeit als so ziemlich das Ärgste vom Ärgsten und das Traurigste vom Traurigen. Grund genug, um zum Strick oder zur Pistole zu greifen.

Das ist nicht mehr so, Gott sei Dank. Es gibt genug Andersgläubige oder Nichtgläubige, denen Weihnachten nicht viel bedeutet. Niemand muss sich als Ausgestoßener und Außenseiter fühlen, wenn er oder sie an den freien Tagen einfach die Ruhe genießt, es sich mit einem spannenden Buch und einem Glas Wein gemütlich macht oder ins Kino geht. Und den ganzen Weihnachtsrummel einfach an sich vorüberziehen lässt.

Es ist paradox: Wenn der unausgesprochene Zwang zur Weihnachtsfreude weg ist, kann diese sich viel eher einstellen. In der säkularisierten Gesellschaft kann der Einzelne das Geschehen unbefangen beobachten, aus der Nähe oder aus der Ferne, mitmachen oder auch nicht. Und Christ und Jude, Muslim, Buddhist oder Heide können einander aus ganzem Herzen wünschen: Fröhliche Festtage! (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 20.12.2012)

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Weihnacht ohne Zwang...

... und ohne Sinn.

ja!

hab es hautnah miterlebt - während wir zu mittag fasten, in die krippenandacht gehen, eine kleine feier mit weihnachtsevangelium zelebrieren und in der nacht in die mette gehen - stossen dann andere zu uns die ja nix mit dem sinn des weihnachtsfest zu tun haben wollen - und haben nix ausser möglichst teure geschenke und essen.
und die sind dann unglücklich - und ich weiss nicht ´wirklich wie ich ihnen helfen kann.

was soll diese Attacke?

Es gibt kein "säkulares" Weihnachten, das ist einfach Unsinn. Dass die Wirtschaft daraus eine Einkaufsorgie mit Beleuchtungs- und Beschallungsorgien gemacht hat, hat mit Säkularisierung null zu tun.
Zum Fressen, Saufen und Freunde treffen gibt es hundert Gelegenheiten, dafür braucht kein Mensch Weihnachten. Skuril wird es, wenn Frau Coudenhove-Kalergi meint, dass Juden, Muslime, Buddhisten und Heiden sich fröhliche Festtage wünschen können - welche? Weihnachten ohne Geburt Christi gibt es nicht und das feiern diese Religionen wohl kaum.
Ich habe in meiner Kindheit wunderschöne, christlich geprägte Weihnachten erlebt und das an meine Kinder und Enkel so weitergegeben. Das als "Zwang" zu verunglimpfen, ist hanebüchener Unfug.

Leider ein bledsinn

Oder glauben sie wahrhaftig, dass die Position der Weihnacht rund um die Wintersonnenwende der Kirche zufällig passiert ist? Das lichterfest ist um Jahrtausende älter als jenes von Jesu Geburt. In diesem Sinn: frohe Festtage!

Was sind den nicht christlich gepraegte Weihnachten?

Naja

Wenn man auf der Mariahilferstrasse in der Vorweihnachtszeit sowas simples wie ein Buch kaufen will, nimmt man sich besser einen Urlaubstag. Gleiches gilt übrigens auch, wenn man sich nur durch die Menschenmassen in die auch als U-Bahn bekannten Sardinenbüchsen kämpfen will.

Ob das alles so stresslos ist, sei mal dahingestellt.

Computerspiele statt Menschwerdung

Den einzige Zwang, den ich um diese Zeit beobachten kann, ist der Kaufzwang der Menschen. Einen Zwang zur Freude über die befreiende Botschaft des christlichen Weihnachtsfestes kann ich beim besten Willen und Verstehen-Wollen nicht erkennen.

Es steht jedem Menschen frei, zu feiern, was er möchte. Die "vernunftbegabten" Menschen der säkularisierten Gesellschaft mögen weiterhin fleißig kaufen, sich Jingle Bells rauf- und runterladen, sich ansaufen und ihr Fest des Horrors mit ihren Lieben begehen. Ihnen wünsche ich Fröhliche Festtage!

Dem Rest wünsche ich einfach: Frohe Weihnachten!

Richtig zwanglos ist es erst, wenn man gar nicht an Weihnachten teilnehmen muss. Ich teile mir meine Zeit gerne selber ein.

Ihrer Fantasiefigur die sich die Autorin offenbar im Kopf einbildet "Gott sei Dank" braucht aber niemand zu danken. Sich die Zeit einzuteilen liegt ganz alleine in unserer Hand.

Viele heute Erwachsene erinnern sich mit Schaudern an vergangene Weihnachtsfeiern in der Familie..

da hab ich aber glück. mir hats immer gefallen.

na ja, der religionszwang wurde durch eine radikale kommerzialisierung ersetzt. auch nicht wirklich das wahre...
es stimmt: man hat die möglichkeit, auch gar nicht oder im freundeskreis oder im allerkleinsten familienkreis zu feiern. und viele würden, wenn sie da täten, auch viel weniger streß haben. aber es fühlen anscheinend noch immer viele einen inneren zwang, es der großfamilie recht machen zu müssen und verbringen weihnachten dann so, wie sie es eigentlich gar nicht wollen. der zwang ist also nicht wirklich weg.

Sehr schön.

Druck?

Eher Paranoia...

es "fliehen" heute...

...mehr denn je in "irgendein strandhotel"...

Sehr schöner Artikel

für jemand etwas Älteren, der dieses furchtbar verlogene "Heilig-Getue" auch noch sehr hautnah miterlebt hat.

Weihnachten ist erstaunlich ruhig geworden - früher haben sie in Supermärkten und Einkaufsstraßen das deutschsprachige Weihnachtsrepertoire rauf- und runtergespielt.

Ein sehr schöner Beitrag von Barbara Coudenhove-Kalergi.

Säkularismus ist ein hohes Gut,das mutige ,aufgeklärte

Generationen vor uns errungen haben.
Trennung von Kirche und Staat,und das christliche Europa wurde erfolgreich in Humanität und Menschenrechten
Das was Sie als weihnachtlichen Säkularismus bezeichen,ist nichts als ein Tsunami von amerikanischen
Schund-und Weihnachtstrash.
Nein,jingle bells ist nicht säkular,sondern ein globalisierter Weihnachtsschund.
Dafür den Ausdruck Säkularisierung zu verwenden ,finde ich unangebracht.

ein richtiges, wichtiges, gut geschriebenes Posting, zu dem ich nur zwei winzige Ergänzungen habe:

1) man kann sogar den Tag angeben, an dem mutige aufgeklärte Menschen endgültig die Säkularisierung durchsetzten: es war ein 12. März.

2) Interessant ist, dass Europa zur gleichen Zeit seine Kolonien verlor und sich als moralische Weltinstanz aufzuspielen begann. Wie gesagt: reine Koinzidenz, aber keinerlei ursächlicher Zusammenhang.

Es wird ja nicht der "Jingle Bells Weihnachtsschund" gelobt, sondern die Tatsache, dass man heute zu Weihnachten tut und lassen kann was man will, ohne allzu schief angesehen zu werden.

Sie nennen es Säkularismus-ich sehe darin ein

relativieren christlicher Feste.
Die EU druckt MillionenSchülerkalender mit allen hinduistischen und buddhistischen Festen und
Feiertagen,dem chinesischen Neujahr,Ramadan und Chanukka-aber kein Weihnachten und keine Ostern
Viele scheinen zu glauben, die Abwertung der christlichen Religion und eine Aufwertung von Minderheitenreligionen und -traditonen garantiert ein tolerantes und friedliches ,multikulturelles Zusammenleben.
Dieser Prozeß läuft in ganz Europa.Niemand darf es wagen ,etwas gegen die Thora oder den Koran zu sagen
Gegen das Christentum ist jede Zote erlaubt.
Es ist atemberaubend,wie ein christliches Gotteshaus zu
Pressekonferenz und Schlafstätte mißbraucht wurde.
Wir schneiden uns selbst von unseren Wurzeln ab.

weder der islam noch der hinduismus sind "minderheitenreligionen" - allein schon dieses unwort zeigt, dass es ihnen nur um christlichen suprematismus geht und um sonst nix g'scheits.

leiden sie unter verfolgungswahn?

die Geburt zu feiern ist nichts originär christliches;

deshalb entstand das Weihnachsfest erst relativ spät, zu einem Zeitpunkt, als das Christentum Staatsreligion war.

Weihnachten war durch die fehlende Verwurzelung in der Urgeimeinde und die Übernahme fremder Traditionen für mich immer nur ein relativ christliches Fest.

was druckt die EU?

So einiges.

Spontan fallen mir Geld und G'schichteln ein.

Lebendiges Christentum

basiert auf dem Bekenntnis, der persönlichen Beziehung des Menschen zu dem "lebendigen Gott". Er wird das ganze Jahr hindurch gelebt und jedem steht es frei, "alles zu prüfen und das Gute zu behalten". Der christliche Glaube ist kein Garantieschein auf Glück & perfekte Lebensplanung. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, halte Friede mit Dir & allen anderen. Mehr ist nicht erforderlich. Frohe Weihnachten! ^^

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