Einkommensbericht: Die Ohnmacht der Zahlen

Kommentar |

Aus der Statistik sind auch ganz andere Entwicklungen herauszulesen

Das Wehklagen ist groß, wenn der Rechnungshof alle zwei Jahre seinen Einkommensbericht vorstellt. Die Einkommen gehen generell zurück, die Schere zwischen Arm und Reich vergrößert sich, und jene zwischen Männern und Frauen wird nicht kleiner. Doch aus der Statistik sind auch ganz andere Entwicklungen herauszulesen - fragt sich nur, was man lesen oder hören will.

Ein Beispiel: Die in den letzten Jahren massiv gestiegene Beschäftigung hat den Wohlstand des Landes deutlich erhöht, laut Rechnungshof sind wir aber ärmer geworden. Weil nämlich jeder zusätzliche Job, der weniger abwirft als das mittlere Einkommen, den Median nach unten drückt. Wenn also eine Frau nach der Babypause eine Teilzeitarbeit annimmt, erhöht das die Wirtschaftsleistung, senkt aber in der Regel das Medianeinkommen.

Auch ein Blick auf die unteren Einkommensgruppen zeigt, dass die dort analysierten Einbußen eine gewisse Ohnmacht der Zahlen widerspiegeln. Betrachtet man jene zehn Prozent mit dem niedrigsten Verdienst, die ihren Job nicht gewechselt haben, so ergeben sich seit dem Jahr 2000 jährliche Zuwächse von nominell gut fünf Prozent - und damit ziemlich genau gleich viel wie im obersten Zehntel. Anders sieht es aus, wenn man neu in den Arbeitsmarkt drängt. Die künftigen Steigerungen werden hier gerade im unteren Einkommensbereich gleich einmal in Form niedrigerer Anfangsbezahlung kompensiert. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 20.12.2012)

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