Geplante Obsoleszenz: "Leute fühlten sich schon lange betrogen"

Interview |
  • Der EEPROM-Chip, ein Speicher etwa in Telefonen und Computern, ist einer der "Darsteller" in Dannoritzers Film, der weltweit Empörung unter Konsumenten und Umweltschützern auslöste. 
    foto: marc martínez sarrado/media 3.14

    Der EEPROM-Chip, ein Speicher etwa in Telefonen und Computern, ist einer der "Darsteller" in Dannoritzers Film, der weltweit Empörung unter Konsumenten und Umweltschützern auslöste. 

  • Cosima Dannoritzer recherchierte zwei Jahre lang für ihren Film. Stimmen Sie ab: derStandard.at-Umfrage - Programmiertes Kaputt: Ich bin ein Opfer der Obsoleszenz
    foto: juan carlos beneyto pérez

    Cosima Dannoritzer recherchierte zwei Jahre lang für ihren Film. Stimmen Sie ab: derStandard.at-Umfrage - Programmiertes Kaputt: Ich bin ein Opfer der Obsoleszenz

Cosima Dannoritzer hat mit dem Film "Kaufen für die Müllhalde" bewusst in Produkte eingebaute Fehler aufgezeigt. Colette M. Schmidt erzählte sie, was das in ihrem eigenen Leben und auch politisch ausgelöst hat

STANDARD: Wann wurde Obsoleszenz für Sie zum Thema?

Cosima Dannoritzer: Das ist langsam entstanden. Es gab schon immer ältere Menschen, die sagten: "Früher hat alles länger gehalten." Dann gab es eine Menge an sogenannten urbanen Legenden, etwa über die Glühbirne, die ewig brennt, den Kühlschrank, der ohne Strom läuft, das Auto, das mit Wasser läuft, und ähnliche Erfindungen, die es schon gegeben haben soll, bevor jemand die Patente verschwinden ließ. Nun sind zwar Gerüchte ganz interessant, aber wir wollten es genauer wissen.

STANDARD: An welchen der Legenden ist denn etwas dran?

Dannoritzer: Na ja, das mit der Glühbirne stimmt zum Beispiel. Es gibt in den USA die Dokumentation der Versuchsreihen. Bereits aus den 1920er-Jahren gibt es auch Dokumente, die belegen, dass man sich Gedanken darüber machte, was passieren sollte, wenn die Leute alles haben und niemand mehr etwas kauft. Monopolgesetze und Verbraucherschutz gab es da noch nicht.

STANDARD: Wie lange haben Sie für den Film recherchiert?

Dannoritzer: Zwei Jahre. Es gab aber immer wieder Pausen durch Wartezeiten und weil wir nicht viel Geld hatten. Wir wussten etwa, dass wichtige Dokumente in Archiven in New York liegen, aber erst als der Produzent dort Urlaub machte, konnte er sich das dann anschauen. Oder einmal mussten wir sechs Monate auf einen russischen Informanten warten. Die Finanzierung hätten wir mit einem Sender nicht geschafft. Neben Arte waren zwei spanische Sender und weitere sechs kleine dabei.

STANDARD: Große Konzerne waren wohl nicht auskunftswillig?

Dannoritzer: Man wird keine Elektronikfirma finden, die sagt: "Hey, klar, wir machen das mit unseren Produkten!" Aber gerade etwa bei Apple gibt es Gerichtsdokumente, wo man sieht, dass geplante Obsoleszenz sehr wohl passiert. Und natürlich gibt es da ideologische Kritik und Argumente wie: "Wir müssen kaufen, wir brauchen die Arbeitsplätze. Um den Müll kümmern wir uns später!"

STANDARD: Wo ist der Ausweg?

Dannoritzer: Gerade bei den Arbeitsplätzen natürlich. Die könnte man ja auch durch mehr Reparaturen sichern. Und es gibt zum Beispiel immer mehr Geschenke, die man kaufen kann, ohne dass Müll anfällt. Das machen auch immer mehr Leute. Ich denke da an Gutscheine für Wochenendreisen, Sprachkurse etc.

STANDARD: Ihr Film wurde mit wenig Budget zum Riesenerfolg. Haben Sie damit gerechnet?

Dannoritzer: Vieles hat mich angenehm überrascht. Wir haben bei Leuten einen Verdacht bestätigt. Die fühlten sich schon lange betrogen. Zweitens entsteht als Reaktion auf unseren Film ein europäisches Referendum: Die Lebensdauer eines Produktes in der EU soll demnach künftig auf dem Produkt stehen. Der Film wurde von 21 Sendern und über 50 Festivals gezeigt. Ich spreche ständig auf Konferenzen. Kürzlich auf jener der Arge Abfallvermeidung in Graz. Ich war am World Resources Forum in Davos eingeladen, an Eliteschulen genauso wie bei Stadtteilfesten in Spanien.

STANDARD: Haben Sie selbst Ihr Konsumverhalten geändert?

Dannoritzer: Ich habe ein 13 Jahre altes Handy. Mit dem dritten Akku. Und den dritten habe ich sogar gebraucht gekauft. Es funktioniert einwandfrei. Gut, es kann nicht fotografieren, aber ich habe ja einen Fotoapparat. Und ich kauf mir Kleidungsstücke secondhand, seit ich bemerkt habe, wie oft neue Stücke nach zweimal waschen kaputtgehen. Wenn etwas im Secondhandshop gut aussieht, dann hält es was aus. Am besten ist es, wenn das Etikett verwaschen ist und das Textil selbst noch gut aussieht. Und ich lass mich nicht mehr abschrecken, wenn es bei einem kaputten Gerät heißt, eine Reparatur lohne sich nicht mehr. Ich hab sogar schon selbst Dinge repariert. Und ich besuche Tauschmärkte. Die sind auch interessant, weil man merkt, was einem eine Sache wirklich wert ist.

STANDARD: Gibt es ein Folgeprojekt?

Dannoritzer: Ja. Wir bekamen besonders schockierte Reaktionen zu dem Elektroschrott in Entwicklungsländern. Wie kann das trotz anderslautender Gesetzgebung passieren? Wo sind da die schwarzen Löcher? Immerhin zahle ich fachgerechtes Recycling mit dem Produkt mit. Da sind wir mitten in der Recherche. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 20.12.2012)

Cosima Dannoritzer (47) arbeitet für TV-Sender in Deutschland, Großbritannien und Spanien und macht Filme über Umwelt, Technik und Geschichte.

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