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vergrößern 645x430Noch wird gebaut am neuen The Fogo Island Inn.
vergrößern 645x430Bis heute haben die Fischer auf Fogo Island überlebt.
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vergrößern 500x486Anreise & Unterkunft
Flug zum Beispiel mit Air Canada von Wien nach Toronto und weiter über St. John's (Neufundland) nach Gander. Mit dem Mietwagen nach Farewell, rund eine Stunde; Fähre nach Fogo Island: 40 Minuten. Beste Reisezeit: Juli und August (für Eisberge: Juni und Juli). The Fogo Island Inn eröffnet im März 2013.
Alternative Unterkunft: das Quintal Guest Home
Große Sprünge hat Zita Cobb schon immer gewagt. Die übte sie als Kind, hüpfte tollkühn von Eisscholle zu Eisscholle. Aufgewachsen ist die Kanadierin in einem Haus ohne Wasser und Strom, die Eltern waren Analphabeten. Trotzdem machte sie Karriere in der Hightech-Industrie, war eine der Spitzenverdienerinnen in Nordamerika. Jetzt ist die 54-Jährige auf ihre Heimatinsel Fogo Island im Nordatlantik zurückgekehrt - als Multimillionärin mit einer Mission. Ihr Plan muss gelingen, sonst kann sich Cobb dort nicht mehr sehen lassen.
Sie baut auf dem kargen, sturmumtosten Eiland an Kanadas Nordostküste ein Fünf-Sterne-Hotel für Superreiche. Es ist ein Geschenk an die Inselbewohner. Mit dem gesamten Gewinn aus dem Hotelbetrieb will Cobb jedes Jahr Projekte finanzieren, die den elf Fischerdörfern wirtschaftlich helfen sollen. Cobb ist nervös: "Ich kann die Menschen hier nicht enttäuschen", sagt sie. Behände klettert sie über graue Granitfelsen, eine knabenhaft schlanke Gestalt in Jeans, T-Shirt und Strickjacke. Nur wenige Schritte entfernt brechen sich riesige Wogen an den Klippen. Hoch über dem Ozean sticht das Hotel in den Himmel, wie ein von Wellen an die Küste geschleudertes Kreuzfahrtschiff. Die futuristische Architektur zieht alle Blicke auf sich. Rund 25 Millionen Euro hat Cobb bereits in diese Luxusherberge investiert, doch die Fertigstellung des Fogo Island Inn verzögerte sich. Es hätte das perfekte Weihnachtsgeschenk für die Fischer von Fogo werden sollen, aber statt im Dezember wird das Hotel nun Ende März 2013 eröffnet. Zita Cobb sorgt sich. Sie fürchtet, dass entweder zu viele Touristen auf die winzige Insel kommen oder zu wenige. Beides wäre schlimm.
An diesem sonnigen Tag versucht sie, ihre Nervosität zu vergessen. Im Fischerdorf Joe Batt's Arm mischt sie sich unter Freunde und Verwandte unten am Wasser. Zwischen rostroten Fischerhütten essen sie Stew: frischen Kabeljau mit Kartoffeln und Zwiebeln. Fremde Besucher dürfen mitessen. Cobb will unter den Inselbewohnern nicht auffallen. Sie trägt keine edlen Anzüge mehr wie zu ihrer Zeit als Finanzchefin eines Glasfaserkabelkonzerns in Kalifornien. Bei ihrem freiwilligen Abgang im Jahr 2002 ließ sie sich Aktienoptionen in der Höhe von rund 55 Millionen Euro auszahlen. Dann ging sie einige Jahre segeln. Aber Fogo Island ist Cobbs große Liebe geblieben. Auf der Insel, nur 25 Kilometer lang und 14 Kilometer breit, lebte sie einst mit sechs Brüdern in einem kleinen Haus. Der Vater war Fischer und konnte seine Familie kaum ernähren.
Wäre er nicht mit seiner Familie aufs Festland gezogen, hätte er zu seinen Lebzeiten den Standort des Hotels von seinem Boot aus täglich sehen können. Wie ein Raumschiff thront es auf den schroffen Küstenfelsen, eine Inspiration aus traditionellen Pfahlbauten und architektonischer Avantgarde. Ein radikaler Kontrast zu der Ansammlung von Holzhäusern in Joe Batt's Arm, wo Zita Cobb heute wieder lebt. Sie hofft, dass die Hotelgäste genau wie sie die dramatischen Winterstürme und das Eis in den Buchten lieben werden. Deshalb wird die Luxusherberge das ganze Jahr lang offen sein.
Erst spät im Winter umschließt Packeis die Fischerhütten, die sich gegen die entfesselten Stürme festhalten wie bunte Flechten an Felsbrocken. Noch scheint aber der warme Golfstrom, der hier auf den kalten Labradorstrom trifft, die Oberhand zu behalten. Trotz tiefer Temperaturen sieht es hier aus wie im Sommer. Im Frühsommer segeln glitzernde Eisberge vorbei, majestätisch und zerbrechlich zugleich. Die meisten Insulaner kämpfen sich durch mit den Erträgen aus einer schwindenden Fischerei und ein bisschen Tourismus. Das soll nun alles anders werden, aber nicht allen gefällt das.
Auf der anderen Seite der Bucht hat sich der 71-jährige Fischer Dennis Adams noch nicht an den Blick auf den Neubau gewöhnt. "Wenn Zita etwas für die Leute hier tun will, sollte sie eine Kegelbahn bauen", sagt er. Adams hat sein ganzes Leben auf dieser Insel verbracht, will nirgendwo anders sein, traut aber Fremden nicht zu, dass sie die raue, wilde Schönheit der Landschaft und die Lebensweise der Insulaner faszinieren könnte.
Wilde Brandung für Artisten
Vielleicht hätte sich Dennis Adams mit Willem De Rooij unterhalten sollen, einem holländischen Installationskünstler, der in Berlin lebt, aber von Zita Cobb nach Fogo Island eingeladen wurde. De Rooij ist am frühen Morgen mit einem einheimischen Fischer auf den Ozean hinausgefahren und hat zwei große Kabeljaue gefangen. Eine solche Erfahrung hat er in Europa noch nie gemacht. Sein ultramodernes Atelier, einem spitzen Eisberg ähnlich, steht nahe dem Dorf Tilting über schwarzen, jäh abfallenden Klippen. Durch die Glasfront blickt er in die tosende Brandung des Nordatlantiks.
Zita Cobb hat vom kanadischen Architekten Todd Saunders, der in Norwegen lebt und auch das Fogo Island Inn entworfen hatte, vier weitere Ateliers mit einem originellen Design in die Landschaft bauen lassen; zwei weitere sind geplant. Die Millionärin will internationale Künstler als Touristenmagnet nach Fogo Island bringen. "Sie machen einen Ort bekannt, der sonst nicht bemerkt würde", sagt sie.
Cobbs ehemaliger Lehrer Ed Walbourn hörte die Leute sagen, bestimmt müsse die kleine Landepiste der Insel bald für die Privatjets der Reichen vergrößert werden. "Manche fürchten, die Insel könnte ihren Charakter verlieren", sagt Walbourn durch das offene Fenster seines Pick-ups. "Wir sind ziemlich sanfte, entspannte Leute." Aber er vertraut darauf, dass seine frühere Schülerin, die aus allen herausstach, es schon richtig macht. "Sie ist eine von uns, sie versteht uns", sagt der 68-Jährige.
Zita Cobb kann die gesunde Skepsis der Insulaner nachvollziehen. Es sind Menschen, die stets um ihre Existenz kämpften, Jahr für Jahr. Menschen, die den Niedergang der Kabeljaufischerei in den 1960er-Jahren erlebten. Menschen, die sich - um nicht von der Insel aufs Festland gehen zu müssen - in einer Genossenschaft zusammenschlossen. Sie haben bis heute durch das Fischen von Garnelen und Krebsen überlebt.
Auf Fogo Island waren einst nur Fischhändler wohlhabend. Das 200 Jahre alte Heim der Familie Earle, die als erste fließendes Wasser im Haus hatte, ist eines der restaurierten Gebäude auf der Insel. Den Status der früheren Hausbewohner kann man an den Stufen erkennen, die in die Schlafzimmer führen: drei Stufen hinunter für die Bediensteten, zwei Stufen ins Kinderzimmer, eine Stufe für die Eltern, ebenerdig für die Großeltern und eine Stufe hinauf für die Gäste.
Die Gäste des Fogo Island Inn werden betuchte Leute sein, die 350 Euro oder mehr für eines der 29 Zimmer zahlen können. Dafür bekommen sie Luxus, gepaart mit Inseltradition: Holzöfen in vielen Suiten, Matratzen aus natürlichen Materialien, Fenster bis zur Decke, Möbel internationaler Designer. Auf dem Flachdach gibt es Sauna und Whirlpool.
Cobbs Unterfangen ist ein interessantes Experiment. Die Kanadierin möchte das Fogo Island Inn zum Treffpunkt von Fremden und Inselbewohnern machen, die sich im hoteleigenen Gratiskino oder in der Bibliothek begegnen. "Ich sehe das Inn als öffentliches Gebäude mit privaten Hotelzimmern", sagt sie. Möglichst viele Einheimische sollen im Hotel beschäftigt sein, und Cobb bezahlt Gastgeber aus den Dörfern, die den Fremden die Traditionen und Lebensweise auf der Insel zeigen, etwa welche der vielen wilden Beerenarten man auf der Insel pflückt, die einst von Beothuk-Indianern und dann von Engländern und Iren bewohnt wurde, oder wie man einen Quilt näht und im kleinen Kreis alte Lieder singt.
Seit Cobb ihre Millionen einsetzt - heute ist ihre Shorefast-Stiftung neben der Fischerkooperative größte Arbeitgeberin auf der Insel - kehren Familien wieder zurück. Cobb hat keine Angst, dass der Zustrom von Urlaubern die Lebensweise auf der Insel unterhöhlen wird. Sie glaubt an einen positiven Kulturaustausch, und vor allem glaubt sie an die Widerstandsfähigkeit der Einheimischen. "Das sind keine zerbrechlichen Leute", sagt sie. Cobb muss es wissen - sie ist aus demselben Holz geschnitzt. (Bernadette Calonego, DER STANDARD, Rondo, 21.12.2012)
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